Manfred Bomm ist bekannt dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Sei es als Redakteur der NWZ oder der Geislinger Zeitung, wo er jeweils rund zwei Jahrzehnte gearbeitet hat. Jetzt ist der Ruheständler aus Eybach erfolgreicher Krimiautor. Auch der deutsche Schlager hat es dem Journalisten angetan, vor dem Schlagerwettbewerb „Stauferkrone“ am Samstag in der Göppinger Stadthalle hat er sich mit einem leidenschaftlichen Appell zu Wort gemeldet. Am Freitagabend wird er beim Branchentreff vor Vertretern der Schlagerszene in Gammelshausen ein Referat halten. „Mit konstanter Boshaftigkeit“ werde der deutsche Schlager in den Medien ignoriert und es scheine so, „als sei automatisch alles gut, was laut und elektronisch verstärkt ist, was englisch oder halt irgendwie ausländisch klingt“, schreibt Bomm. NWZ-Redakteur Dirk Hülser, selbst Musiker, sieht das ganz anders und fühlt sich von seinem Kollegen zum Widerspruch herausgefordert. Ein Streitgespräch.

MANFRED BOMM: Gerade habe ich im Auto auf SWR4 eine Sendung zum 70. Geburtstag des Komponisten Ralph Siegel gehört. Der hat genau das Gleiche beklagt, was ich auch beklage, ich habe schon gedacht, der hat mein Manuskript gelesen.

DIRK HÜLSER: Ja womöglich . . . Es ist ja im Internet verbreitet worden.

BOMM: Wer weiß . . . Unser Aufhänger ist ja der Schlagerwettbewerb in Göppingen, was ich ganz toll finde: Dass man auf diese Art den deutschen Schlager mal wieder ins Gespräch bringt. Aber mir persönlich geht es nicht nur um den deutschen Schlager, es geht um melodiöse Musik. Ich habe nichts gegen englische, französische oder sonstige Lieder, die nicht mit bumm-bumm, elektronischer Musik oder ganz grässlichen Dingen in Erscheinung treten. Es geht darum, dass man wirklich wieder melodiöse Musik spielt und auch wieder in den Vordergrund rückt.

HÜLSER: Bumm-bumm, elektronische Sachen, furchtbare Wummermusik – sind wir uns also einig, dass Helene Fischer ganz grässlich ist?

BOMM: Nein, da sind wir uns überhaupt nicht einig.

HÜLSER: Aber das ist doch bumm-bumm, wummernd, schrill und elektronisch.

BOMM: Es mag zwar schrill sein, zum Teil mag es auch elektronisch sein. Aber erstens hat es einen deutschen Text, man versteht auch, worum es geht. Und zweitens ist es eine Musik, die angenehm ins Ohr geht, die man auch hören kann, die nicht aggressiv macht, die nicht so furchtbar progressiv-aggressiv ist, sondern die eine gewisse Freude verbreitet. Gute Stimmung, gute Atmosphäre. Das unterscheidet es ja ganz enorm von jenen Songs, deren Texte wegen der ohrenbetäubend lauten Musik nicht zu verstehen sind. Und die Anhänger dieser Musikrichtung sind so wenig tolerant gegenüber den anderen, dass es immer heißt: Du mit deinen Schlagern, du hörst SWR4, bist ein Gruftie oder gar ein Kompostie. Dagegen wehre ich mich.

HÜLSER: Dann sind also Schlager-Anhänger oder Helene-Fischer-Fans tolerant?

BOMM: Ja, absolut.

HÜLSER: Haben Sie mal das Video von Carolin Kebekus mit der Helene-Fischer-Parodie angeguckt? Es hat glaube ich mehr als sechs Millionen Klicks auf Youtube. Was da die Helene-Fischer-Fans in den Kommentaren an übelsten Beschimpfungen vom Stapel lassen, das hat mit Toleranz nicht viel zu tun.

BOMM: Im Internet werden Sie zu allen Themen jede Menge Unfug finden. Sie tun gerade so, als wollte ich die Helene Fischer verteidigen. Mir geht es doch um etwas ganz anderes – nämlich um die Tatsache, dass in den allermeisten Radio- und Fernsehstationen dem Bereich der aggressiven Wummermusik viel Sendezeit eingeräumt wird. Man muss bloß mal sehen, wie wenig Radiosender es in Deutschland noch gibt, die deutsche Musik spielen. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass Deutsch unsere Muttersprache ist.

HÜLSER: Deutsche Musik! Herr Bomm – man kann da ja gar nicht davor flüchten, selbst, wenn man es wollte. Das fängt an mit, ich weiß nicht, Unheilig, Ich + Ich, Grönemeyer, Pur, Xavier Naidoo – es gibt doch massenhaft deutsche Musik, die hoch- und runtergenudelt wird im Radio. Und die man vielleicht gar nicht hören will.

BOMM: Ich glaube, wir verstehen uns nicht. Natürlich gibt es eine Vielzahl deutscher Interpreten, Texter und Komponisten. Wir unterhalten uns aber heute über Schlager. Auch nicht über Rapper, über deren bisweilen sehr zweifelhaften Texte ich gar nicht reden möchte . . .

HÜLSER: . . . da gibt’s übrigens sehr intelligente. Und die wummern auch nicht. Also wenn sie sich ganz aktuell zum Beispiel Käptn Peng oder Die Orsons aus Stuttgart anhören, die machen hochintelligente Texte, da macht nichts bumm-bumm, das sind exzellente Musiker.

BOMM: Jeder darf hören, was er will. Ich möchte doch niemandem etwas verbieten. Ich verlange nur mehr Akzeptanz für den deutschen Schlager – für Leute, die richtige deutsche Schlager, volkstümliche Schlager, hören wollen. Es muss doch seinen Grund haben, dass der weitaus größte Brocken der Ausschüttung der Gema auf deutsche Autoren entfällt. Aber bei den meisten Radiostationen vermisse ich den deutschen Schlager.

HÜLSER: Ich gebe Ihnen ja recht, dass bei den allermeisten Radiosendern überall das gleiche Gedudel läuft. Aber daraus jetzt schlusszufolgern, man müsse nun mehr Schlager hören . . . Es gibt ja auch viele andere gute, melodische Sachen, die mit viel Herzblut gemacht wurden von Leuten, die vielleicht auch selbst komponieren können und texten – was eine Helene Fischer ja nun nicht kann. Bob Dylan etwa ist seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Oder hören sie sich Neil Young, Pink Floyd oder auch Tool oder Radiohead oder auch Eminem im Hip-Hop-Bereich an. Die machen schlaue Texte und melodiöse Musik.

BOMM: Nochmal: Ich will niemandem das Schlagerhören aufdrängen. Im Übrigen vermisse ich in Ihren Aufzählungen den Udo Jürgens, der auch getextet und komponiert hat.

HÜLSER: Den würde ich nun aber nicht unbedingt in die Schlagerecke stecken. Der ist eher Chansonnier.

BOMM: Schon der Begriff „Schlagerecke“ suggeriert wieder Negatives. Für mich war Udo Jürgens einer der Größten überhaupt. Und ich fand es völlig unpassend, dass manche Medien in ihren Nachrufen geradezu abschätzig erwähnt hatten, er habe halt auch Mitsinglieder geschrieben. Ist es denn verwerflich, Ohrwürmer wie „Griechischer Wein“ oder „Aber bitte mit Sahne“ zu singen?

HÜLSER: Nein, das ist ja auch gute Unterhaltung. Vor allem, weil „Griechischer Wein“ einen hochpolitischen Text hat.

BOMM: Ich stehe dazu, auch einige meiner ehemaligen Journalistenkollegen kritisiert zu haben – und zwar am Beispiel eines Open-Air-Konzerts, das die Klostertaler im Täle veranstaltet hatten. Da war die Meinung vertreten worden, es müsse nicht sonderlich groß darüber berichtet werden, weil’s doch bloß um volkstümliche Schlager gehe. Doch wenn in einem örtlichen Kulturtreff ein Konzert von irgendwelchen Gruppen war – die mochten durchaus bekannt gewesen sein, okay – dann schien dies bedeutender zu sein, obwohl die Zahl der Zuhörer dort nur einen winzigen Bruchteil dessen betrug, was die Klostertaler angelockt hatten. Da stellt sich doch die Frage: Sind das denn alles minderbemittelte Leute, die da hinrennen? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Schlagerfans in eine solche Ecke gestellt werden sollen. Die anderen verschaffen sich jedenfalls so viel Gehör, dass sich selbst die Radiostationen nicht mehr trauen, solche Programme zu bieten.

HÜLSER: Ich hab’s jetzt nicht gezählt, aber im Radio läuft doch auch ein Drittel bis die Hälfte etwa deutsche Musik. Vielleicht nicht der klassische Schlager, aber wo fängt Schlager an? Ist Pur schon Schlager? Ist Ich + Ich schon Schlager? Und außerdem: Es wird ja auch berichtet. Wenn Helene Fischer in der Schleyerhalle spielt, schreiben die Zeitungen ja auch darüber.

BOMM: Ich kenne solche Artikel. Und ich weiß auch, wie man solche Artikel schreibt . . . Es gibt einfach Dinge, die finden so im deutschen Journalismus nicht mehr statt. Da ist die Linie vorgegeben.

HÜLSER: Wer gibt denn die Linie vor? Das ist doch eine Verschwörungstheorie! Wird die vom Kulturstaatssekretär vorgegeben?

BOMM: Nein, Quatsch. Die geben sich die Journalisten in ihren Köpfen selbst vor. Wenn einmal die Süddeutsche Zeitung oder irgendein großes Medium die Linie vorgibt, dann traut sich keiner mehr, etwas dagegen zu schreiben. Das gilt für viele Themen. Nicht nur für die Musik. Und wahrscheinlich wird man auch in gewissen Journalistenschulen und Hochschulen bereits so geimpft.

HÜLSER: Aber die Meinungen sind doch nicht vorgegeben!

BOMM: Nicht vorgegeben, natürlich nicht. Aber ich will nur sagen, dass insbesondere der junge Journalismus bei der Musik natürlich auf eine andere Richtung eingeschossen ist. Aber ausgewogener Journalismus sieht im Bezug auf Schlager eben anders aus. Ich habe einmal gelernt, Berichterstattung und Kommentar strikt zu trennen. Heute fließt das oft ineinander über – oder wird geschickt miteinander verbunden.

HÜLSER: Das ist im Feuilleton aber auch so üblich – seit jeher.

BOMM: Mir gefällt auch nicht, dass ich bei jedem Stadtfest, egal wo auch immer, von wenig melodiöser Musik zugedröhnt werde. Wenn ich jetzt sage, früher habe da gelegentlich auch noch die örtliche Musikkapelle gespielt, dann weiß ich jetzt schon, wie alle über mich herfallen werden. Kaum jemand wird es wagen, mir öffentlich beizupflichten – weil angeblich nur modern und aufgeschlossen ist, der dem vermeintlichen Trend nach wummernden Bässen und Rundumbeschallung nachhängt. Und dieser kann man sich nirgendwo entziehen.

HÜLSER: Ja wäre die Beschallung denn angenehmer, um sich zu unterhalten, wenn es „Atemlos“ oder Andrea Berg wäre?

BOMM: Jetzt hören Sie doch auf, unser Thema auf diese beiden Sängerinnen zu reduzieren. Aber natürlich wäre es für einen Großteil der Besucher von Stadtfesten angenehmer, wäre die Musik melodiöser und leiser. Reden Sie doch mal mit den Besuchern solcher Stadtfeste! Ich denke, die ganze Aggressivität, die unsere Gesellschaft beklagt, etwa bei Stadtfesten oder auch in Diskotheken, das geht zu einem großen Teil auf dieses aggressiv machende Gewummere zurück.

HÜLSER: Sie meinen also, Schlager würden für eine friedlichere Gesellschaft sorgen?

BOMM: Das ist jetzt überspitzt gesagt. Sie überdrehen das dauernd.

HÜLSER: Ja, wir machen doch ein Streitgespräch.

BOMM: Deshalb sage ich meine Meinung. Eine friedlichere Gesellschaft insgesamt wird der Schlager sicher nicht schaffen, aber er würde in gewissen Situationen eine aggressive Atmosphäre nicht noch weiter aufheizen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass diese elektronisch verstärkten Bass-Wummertöne aggressiv machen, insbesondere, wenn dann noch Alkohol im Spiel ist.

HÜLSER: Aber Helene-Fischer-Songs sind auch am Computer produziert, das ist auch elektronisch.

BOMM: Vermutlich zu einem Teil. Aber letztlich kommt es doch darauf an, wie es ins Ohr geht.

HÜLSER: Na ja . . . Das ist Geschmacksache.

BOMM: Eben. Und da sind wir bei unserem Thema. Alles ist Geschmacksache. Die Frage ist doch nur, ob man so tolerant ist und akzeptiert, dass es Leute gibt, die eine andere Musikrichtung mögen.

HÜLSER: Macht Ihnen dann ein Wettbewerb wie der in Göppingen Hoffnung, dass sich – aus Ihrer Sicht – noch etwas zum Guten wendet?

BOMM: Das ist natürlich ein ganz kleiner Schritt, aber ich finde es gut, dass mal so etwas gemacht wird. Immerhin scheint die Veranstaltung auf bundesweites Interesse zu stoßen. Ob man bei diesem Kompositions- und Textdichter-Wettbewerb tatsächlich einen neuen Hit findet, wird sich am Samstagabend zeigen.

HÜLSER: Und sie werden zur „Stauferkrone“ hingehen?

BOMM: Ich werde hingehen, klar.

HÜLSER: Da werden wir uns dann mit Sicherheit nicht treffen.

BOMM: Das hab ich auch nicht erwartet.

19 Interpreten singen in der Göppinger Stadthalle um die „Stauferkrone“

Wettbewerb: An der „Stauferkrone“ nehmen am Samstag ab 19.30 Uhr in der Göppinger Stadthalle 19 Interpreten aus fünf europäischen Ländern teil.

Preise: Vergeben werden ein Publikumspreis, der Preis des Förderungs- und Hilfsfonds des Deutschen Komponistenverbands für die beste Komposition sowie der Jurypreis.

Jury: Zur siebenköpfigen Jury zählen unter anderem SWR-Musikredakteur Edi Graf, die Interpretin Gitti Götz, die Göppinger Sopranistin Jessica Eckhoff und der Schlagzeuger Reiner Oliva aus Eschenbach.

Showprogramm: Mitwirkende im Showblock sind die Sängerin Laura Wilde, die Akkordeon-Virtuosin Christa Behnke und das Göppinger Schlager-Duo Daniel & Steffen.

Vorabend: Bereits am Freitagabend treffen sich in Gammelshausen 120 Vertreter aus der Schlagerbranche, darunter Komponisten und Texter.

Radio: Das Göppinger Lokalradio Fips (UKW 89,0 MHz) überträgt die „Stauferkrone“ live.

Tickets: Karten für die „Stauferkrone“ gibt es bei der NWZ, im i-Punkt und bei Easy-Ticket.