Im Jahr 2003 hatten nach einer Umfrage 52 Prozent der Deutschen noch nie den Begriff „demografischer Wandel“ gehört. Doch mittlerweile ist klar: Die immer älter werdende Gesellschaft macht sich bemerkbar – auch im Kreis Göppingen. Nach einer Vorausrechnung des Statistischen Landesamts wird bis zum Jahr 2030 mehr als jeder vierte Einwohner im Landkreis älter als 65 Jahre sein. „Das ist ein Zuwachs dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung von sieben Prozentpunkten im Vergleich zum Jahr 2014“, schreibt Landrat Edgar Wolff im Vorwort des kürzlich vom Kreistag verabschiedeten Seniorenplans.

Das 250 Seiten starke Planwerk soll eine Handlungsgrundlage für Politik, Verwaltung, Institutionen und Selbsthilfeorganisationen sein, die sich für Senioren im Landkreis einsetzen. Die Netzwerkarbeit gewinne dabei mehr und mehr an Bedeutung, unterstreicht Wolff. „Dem Landkreis ist es ein Anliegen, dass die Seniorinnen und Senioren sich in ihrer vertrauten Umgebung wohlfühlen und diese altersgerecht gestaltet ist“, fügt er hinzu. Nachbarschaftliche Beziehungen und ehrenamtliches Engagement würden immer wichtiger. Ob es dabei um Einkaufsdienste, Bürgerbusse oder der schnellen handwerklichen Hilfe des Nachbarn geht: „Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt“, sagt auch Rudolf Dangelmayr, Dezernent für Jugend und Soziales im Landratsamt.

Der Seniorenplan befasst sich in elf Kapiteln mit der demografischen Entwicklung und Lebenslagen älterer Menschen, befasst sich mit Infrastruktur und Mobilität sowie kommunaler Wohnpolitik und dem Wohnumfeld und mit der pflegerischen Versorgung, die von Unterstützung in den eigenen vier Wänden bis hin zur vollstationären Betreuung reicht.

Der Landkreis sieht eine zukunftsorientierte Seniorenpolitik als zentralen Baustein kommunaler Arbeit und möchte für Städte und Gemeinden in dieser Frage Impulsgeber und Wegbegleiter sein, betont Dangelmayr. Daher hatte der Landkreis Vertreter der Kommunen kürzlich zu einer Veranstaltung in die Villa Vogt der Wilhelmshilfe in Göppingen eingeladen. Thema: „Quartiersarbeit im Landkreis – Sorgende Gemeinschaften in den Kommunen“. Die Initiative des Ministeriums für Soziales und Integration Baden-Württemberg mit ihrem Ideenwettbewerb „Quartier 2020“ gab dabei die Richtung vor.

Der Landkreis habe mit dieser Veranstaltung seine Städte und Gemeinden motivieren wollen, „gemeinsam den demografischen Wandel anzugehen und Strategien aufzuzeigen“, heißt es in einer Pressemitteilung. „Es geht einfach darum, Bedingungen zu schaffen, die für alle Altersgruppen optimal sind“, erklärt der Sozialdezernent. Oberstes Ziel sei es, Senioren zu ermöglichen, so lange wie möglich daheim in der vertrauten Umgebung bleiben zu können. Dazu zählten Einkaufsmöglichkeiten vor Ort, eine fußläufig erreichbare Apotheke und ein Arzt oder zumindest eine Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel in der Nähe. Ganz praktische Nachbarschaftshilfe gehöre ebenso dazu.

Dangelmayr hat bei der Veranstaltung festgestellt, dass Kommunen in Sachen Seniorenarbeit unterschiedlich weit sind: „Manche machen sich gerade erst auf den Weg, andere sind schon relativ weit.“ Schwäbisch Gmünd zum Beispiel beschäftige sich schon seit einigen Jahren mit Quartiersarbeit. Der Hauptreferent der Impulsveranstaltung kam denn auch aus der Nachbarstadt: Dieter Lehmann, Leiter des Amts für Familie und Soziales in Schwäbisch Gmünd.

Er appellierte an die Kommunen, vor dem Einstieg in die Quartiersarbeit eine Sozialraumanalyse zu machen, denn jedes Viertel sei anders: „Mann kann nicht in Quartier A das gleiche wie in Quartier B anbieten“, erläuterte Lehmann aus eigener Erfahrung aus der 60 000-Einwohner-Stadt. Zudem gehe es darum, „alte Traditionen im sozialen Miteinander wieder aufleben lassen“. Das motiviere die Bürger, sich aktiv zu beteiligen.

In einer Podiumsdiskussion beleuchteten Experten der Altenhilfe aus dem Großraum Stuttgart anschließend die verschiedenen Perspektiven der „Quartiersarbeit”. Die Gemeinde Bad Ditzenbach zum Beispiel hat eine neue Projekt-Stelle für die Koordination und Organisation in der Seniorenarbeit geschaffen und startete Anfang März mit der Zukunftswerkstatt „Älter werden in der Gemeinde Bad Ditzenbach“.

Thema waren auch Senioren mit besonderen Bedürfnissen, in erster Linie mit Demenz. „Menschen mit Demenz wollen wahrgenommen und wertgeschätzt werden”, erläuterte Ute Hauser  von der Alzheimer Gesellschaft BW/Projekt Demenz und Kommune. Sie stellte die Wohnform der Ambulant Betreuten Wohngemeinschaften nach dem Wohn-, Teilhabe- und Pflegegesetz vor, die eine alternative und zukunftsorientierte Wohnform im Quartier darstelle.

Die Quartiersstrategie des Landes


Die Idee Die Strategie „Quartier 2020 – Gemeinsam.Gestalten.“ zur alters- und generationengerechten Quartiersentwicklung des Ministeriums für Soziales und Integration hilft Kommunen und Landkreise bei der Etablierung und Weiterentwicklung von Quartieren.

Das Verständnis Quartiere sind lebendige soziale Räume, in die Menschen sich einbringen, Verantwortung übernehmen und sich gegenseitig unterstützen. Die räumlichen Grenzen eines Quartiers sind somit nicht klar fixiert. Es kann ein Straßenzug, eine Nachbarschaft, ein Stadtteil oder ein  Dorf sein.

Das Ziel Um den demografischen und sozialen Herausforderungen zu begegnen, brauchen Kommunen neue Strukturen des Zusammenlebens. Ziel der Quartiersentwicklung ist es, den sozialen Lebensraum in den Nachbarschaften, Stadtvierteln, Dörfern und Gemeinden zu stärken und eine hohe Lebensqualität sowie Teilhabe für alle dort lebenden Menschen zu ermöglichen. Dazu gehörten bedarfsgerechte Wohn- und Nahversorgungsangebote und eine wohnortnahe Beratung genauso wie Begegnungsorte, eine tragende soziale Infrastruktur, eine gesundheitsförderliche Umgebung und ein wertschätzendes, von bürgerschaftlichem Engagement getragenes gesellschaftliches
Umfeld.