Prozess Staatsanwalt fordert neun Jahre Haft für Nellinger Bluttat

Der Tatort: Die Unterführung an der A 8 bei Nellingen-Aichen.
Der Tatort: Die Unterführung an der A 8 bei Nellingen-Aichen. © Foto: Markus Sontheimer
Kreis Göppingen/Ulm / STEFANIE SCHMIDT 15.07.2015
Im Prozess um die Frau, die im Oktober ihre Tochter tötete, hielten Anklage und Verteidigung die Plädoyers. Der Staatsanwalt forderte eine Haftstrafe von neun Jahren und die Unterbringung in der Psychiatrie.

„ Sie waren der Mittelpunkt ihres Lebens und ihr Halt“, sagte Oberstaatsanwalt Rainer Feil über die Beziehung der Angeklagten C. zu ihren beiden Kindern. Was brachte diese „stets liebevolle und besorgte“ Mutter dazu, ihre elfjährige Tochter mit 26 Messerstichen zu töten und den zweijährigen Sohn schwer zu verletzten? Bei der Beantwortung dieser Frage waren sich der Staatsanwalt und Strafverteidiger Ingo Hoffmann nach sechs Verhandlungstagen weitgehend einig: Sie folgten in der Bewertung ihrer Motive und auch ihrer Schuldfähigkeit weitgehend dem Gutachten des Gerichtspsychiaters Dr. Peter Winckler. Beide halten die Beschuldigte für schuldfähig – jedoch in erheblich eingeschränktem Maße.

Er habe keinen Zweifel daran, dass C. primär selbst aus dem Leben scheiden wollte, betonte Rainer Feil. Ihr Suizidversuch nach der Tat sei keinesfalls vorgetäuscht gewesen; zur Selbsttötung habe ihr lediglich „die letzte Kraft gefehlt“. Der Auslöser für die Tötung der Tochter sei in der schweren Depression C.s und den begleitenden Wahnvorstellungen zu suchen, die ihr Wesen völlig verändert und ihre Gedankenwelt gänzlich beherrscht hätten, so Feil weiter. Am Ende stand der Entschluss, gemeinsam mit den Kindern „zu Gott“ zu gehen – der subjektiv einzige Weg, um den Kindern zum Glück zu verhelfen.

Allerdings habe es sich bei der Tat um kein „Augenblicksversagen“ gehandelt, führte Feil weiter aus: Die Beschuldigte habe eine Vielzahl von Ausstiegsmöglichkeiten gehabt. Nicht zuletzt habe sie sich nur wenige Stunden vor der Tat gegen eine stationäre Aufnahme in der Psychiatrie entschieden – aus Angst, ihr würden die Kinder weggenommen. „Sie macht vor der Klinik kehrt, weil sie ihre Kinder behalten will und verliert sie genau deshalb“, verdeutlichte der Staatsanwalt.

Diesen Vorwurf machte auch Nebenklagevertreter Hans Steffan, der C.s Ehemann und den Vater der gemeinsamen Kinder vertrat, der Angeklagten. Die Entscheidung, sich nicht einweisen zu lassen, sei völlig unverständlich: „Das Schicksal der Kinder stand nicht im Vordergrund.“ C.s Verteidiger hielt dagegen, dass die Tötung der Tochter die Tat einer „Sprachlosen“ gewesen sie, die es verlernt habe, mit anderen zu sprechen, um wirkliche Hilfe zu bekommen. „Hätte sie sprechen können, wäre sie in die Psychiatrie“.

Als weiterer Nebenkläger trat im Namen des überlebenden Sohnes das Kreisjugendamt auf, vertreten von Anwalt Jürgen Rechenberger. Das Ziel der Nebenklage sei durch den Prozess erreicht worden, sagte dieser: Denn das Jugendamt habe hauptsächlich Interesse daran gehabt, dabei Erkenntnisse zu gewinnen, die für die weitere Betreuung des Sohnes wichtig werden könnten. Oberstaatsanwalt Rainer Feil forderte für C. wegen Totschlags in Tateinheit mit versuchtem Totschlag und schwerer Körperverletzung eine Haftstrafe von neun Jahren und eine Unterbringung in der Psychiatrie. Durch die verminderte Schuldfähigkeit verschiebe sich der Strafrahmen für Totschlag zwar nach unten, „doch in diesem Rahmen sind wir ganz oben.“

Rechtsanwalt Ingo Hoffmann plädierte für eine Höchststrafe von sechs Jahren für Totschlag in einem minder schweren Fall und psychiatrische Unterbringung. Er gab zu bedenken, dass das Leben seiner Mandantin erst durch das Tötungsdelikt des Mannes „aus dem Gleis“ geraten und ihr Tatmotiv in keinster Weise egoistisch gewesen sei. Direkt nach der Tat habe sie dem eigenen Leben ein Ende setzen wollen. Nun wolle seine Mandantin weiter „durchhalten“, um ihrem Sohn irgendwann das „Unerklärliche erklären zu können.“ „Liebe war der Grund für den Tod der Tochter“, schloss Hoffmann sein Plädoyer „Sie hat ihre Tochter zu Tode geliebt.“

Info: Das Urteil wird am Montag, dem 27. Juli um 9 Uhr verkündet.

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