Update (15 Uhr): Der Vorsitzende Richter Wolfgang Tresenreiter hat die 33-jährige Angeklagte zu einer Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt. Eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt ist zudem angeordnet worden. Die Taten seien ohne den massiven Alkoholkonsum nicht zu erklären, sagte Tresenreiter. Wenn die etwa zweijährige Therapie erfolgreich ist, könnte sie nach der Hälfte der Zeit entlassen werden.

Bei seinem Urteil berücksichtigte er neben den Alkohol- auch die schwerwiegenden Persönlichkeitsprobleme der 33-Jährigen (wir berichteten). Die Taten hätten sie damals aus rassistischen Motiven begangen. Ein Neo-Nazi sei sie heute allerdings nicht mehr.

Die 33-Jährige wurde verurteilt wegen versuchten Mordes in insgesamt 44 Fällen, schwerer Brandstiftung und versuchter Brandstiftung.

Folgend unsere Meldung von heute morgen:

Brandstiftungen im September 2018 in Geislingen und Bad Überkingen

Staatsanwalt Patrick Bader fordert eine Gefängnisstrafe von neun Jahren für die 33-jährige Angeklagte aus dem Raum Geislingen. Sie hatte gestanden, im September vergangenen Jahres Brände vor einem türkischen Lebensmittelgeschäft in Geislingen und einer Asylbewerberunterkunft in Bad Überkingen gelegt zu haben.

Staatsanwalt glaubt der Angeklagten nicht: „Nicht die Wahrheit“

Die Angeklagte hatte erklärt, sie habe den Flüchtlingen nur Angst machen wollen. Und im Falle des Lebensmittelmarktes sei es ihr lediglich um Sachbeschädigung gegangen. Staatsanwalt Patrick Bader glaubt ihr nicht: „Ich glaube nicht, dass das die Wahrheit ist.“ Sie habe den Tod der Menschen, die über dem Geschäft leben, billigend in Kauf genommen. „Es war ihr im Grunde egal, was mit diesen Menschen passiert.“ Ohne Passanten, die die brennenden Müllsäcke vor dem Geschäft entdeckt und gelöscht hatten, hätte es weitaus schlimmer kommen können. Und dass in der Gemeinschaftsunterkunft keine Person zu schaden gekommen war, sei entgegen ihrer Absicht gewesen. Das Feuer an der Holztür war von selbst erloschen.

Geislingen/Bad Überkingen

Bader warf der 33-Jährigen vor, die Brände aus Heimtücke und rechtsradikalen Motiven gelegt zu haben. In seinem Plädoyer sprach der Staatsanwalt auch über die Alkoholsucht der Angeklagten und über das Gutachten des Psychiaters Peter Winckler, der betont hatte, dass die 33-Jährige unter einer Störung der Identität litt und unfähig gewesen sei, ihr Handeln zu reflektieren. „Sie war in sich gefangen.“ Deswegen müsse das Strafmaß gemindert werden, dennoch seien neun Jahre Haft letztlich gerecht, so Bader.

Kreis Göppingen/Ulm

Rechtsanwalt: Es bestand nur eine abstrakte, keine konkrete Gefahr

Rechtsanwalt Reinhold Branz erinnerte ebenfalls an das psychiatrische Gutachten und betonte, seine Mandantin sei nur vermindert einsichts- und steuerrungsfähig gewesen. Außerdem sei zu bedenken, dass niemand bei den beiden Taten verletzt wurde. Es habe keine konkrete, sondern nur eine abstrakte Gefahr für die Leben der insgesamt 44 Menschen gegeben.

Seine Mandantin sei schwer alkoholisiert gewesen und habe schwere Persönlichkeitsprobleme. Branz hält deswegen eine Haftstrafe von sechs Jahren für Tat und Schuld angemessen.

Bader wie Branz folgten der Empfehlung Wincklers, dass die Angeklagte eine Entwöhnungstherapie brauche.

33-Jährige bereut die Taten

Die 33-Jährige erklärte abschließend am Dienstagmorgen: „Ich bereue es wirklich, und ich bin froh, dass niemandem was passiert ist.“

Weitere Berichte in der GEISLINGER ZEITUNG


Liebe Leser, zum ersten und zweiten Verhandlungstag finden Sie ausführliche Artikel im ePaper Ihrer Geislinger Zeitung (jeweils Samstag, 11. und 18. Mai). Darin geht es auch um die Frage nach der Anzahl der bedrohten Menschen, die nachträglich nach oben korrigiert wurde. In der Asylunterkunft waren 29 Menschen und nicht 16, wie anfangs von der Staatsanwaltschaft angenommen.

Einen ausführlichen Artikel zum dritten Verhandlungstag finden Sie wie gewohnt in ihrer gedruckten GEISLINGER ZEITUNG und im ePaper am Mittwoch, 22. Mai.