Sonntagnachmittag, aus dem Saal der Christuskirche in Uhingen-Holzhausen ertönt Country-Musik. Hört man allerdings genauer hin, fällt auf, mitten im Song kommen Abschnitte,  ja, fast Kommandos, die mit der ursprünglichen Version des Liedes nichts zu tun haben. „Make an arch“, „once full turn“ oder „a quarter more“, sollen die Tänzer einen Bogen, eine volle Umdrehung oder ein Quadrat mehr machen. Wie jetzt? Volkstanz nach Ansage? Klingt langweilig und irgendwie so unselbstständig. Völlig zu Unrecht. Denn Squaredance ist alles andere als das.

Vielmehr handelt es sich um einen aus den USA kommenden Tanz, der nicht auswendig gelernt werden muss und generell auch für Ungeübte oder notorische Nichttänzer in Frage kommt. Damit dennoch so etwas wie ein harmonischer Tanzfluss entsteht, bindet ein sogenannter Caller (Zurufer) auf der Bühne seine willkürlich und meist spontan ausgedachten Schritt- und Figurenanweisungen zwischen den Liedtexten laut rufend mit ein. Und wie man hört und sieht, die Stimmung ist bombig. Gerade wenn mal eine Figur im „Quadrattanz“ nicht so rund läuft, ist kollektiver Spaß angesagt, das gefällt unter anderem Moritz Ries aus Schorndorf. Der 21-Jährige ist mit seinem Vater und dessen Freundin heute als Gasttänzer hier und was die Tanzlevels angeht, noch ziemlich am Anfang. Gerade weil es dabei nicht um Schadenfreude oder den Ehrgeiz „besser als die anderen zu sein“ gehe, habe er Riesenspaß an dieser Freizeitaktivität. „Niemand regt sich auf. Selbst dann nicht, wenn innerhalb eines Squares nur einer patzt“, beschreibt er die harmonische Atmosphäre. Mal sind es mangelnde Englisch-Kenntnisse, eine ausgeprägte Rechts-Links-Schwäche oder der Überraschungseffekt, Gründe für einen „bewegten“ Lapsus gibt es genug.

Die Tanzwilligen wissen vorher nie, welche Figur dem Caller gerade in den Sinn kommt, denn „he ist the Boss“. Vertanzt sich einer, trifft es eben sieben andere mit. Nicht schlimm, denn Toleranz wird großgeschrieben. „Beim Squaredance sind das Gemeinschaftserlebnis und die Freude am Tanzen die wichtigsten Komponenten. Wettbewerbe oder Turniere, wie bei anderen Tanzdisziplinen üblich, gibt es hier nicht. Wir tanzen ausschließlich zur Entspannung und aus Spaß, ohne dabei Leistungsdruck zu vermitteln“, betont Rolf Höflinger. Für den Präsidenten der „Woodcats Holzhausen“ trägt Squaredance außerdem zur Völkerverständigung bei. „Man tanzt ihn fast auf der ganzen Welt. Durch ein einheitliches Programm wird schon beim ersten Level „Mainstream“ gewährleistet, dass jeder überall mittanzen kann“. Mittlerweile hat das Zusammenwirken von Menschen ohne Ansehen von Rasse, Religion, Herkunft, Handicap oder Alter, das harmonische Miteinander – so sind Tänzer und Caller aufeinander angewiesen – auch in Deutschland zahlreiche Anhänger. Seit elf Jahren gibt es den „Square Dance Club Woodcats Holzhausen“, etwa zwei Dutzend aktive Frauen und Männer lassen sich zweimal im Monat mit interessanten Choreografien von Uli Schingen verwöhnen.

An diesem Sonntagnachmittag ist besonders viel los, etwa zwanzig Tanzkollegen aus befreundeten Clubs der näheren Umgebung tanzen ihrem Kursabschluss entgegen. Die „Holzkatzen“ bieten einerseits ein hohes Niveau in den Tanzlevels, neben Mainstream beherrschen sie obendrein „Plus“ und „Advanced 1“. Andererseits kommen viele aufgrund des beliebten Clubcallers Uli Schingen, der Stuttgarter ist seit über 30 Jahren in der nationalen wie internationalen Szene bekannt. „Da sind wir schon ein wenig stolz darauf, keinen „08/15-Caller“ in unseren Reihen zu haben“, freut sich Rolf Höflinger mit seiner Frau Lore. Inzwischen haben sich alle Gruppen wieder in Squares aufgestellt. Ein Quadrat besteht aus jeweils acht Tänzern, wobei ein Paar pro Himmelsrichtung gilt. Im Hinblick auf die unbekannten Figuren, ist abermals konzentriertes Zuhören sowie Mitdenken angesagt.

 „Gerade diese Herausforderung macht den besonderen Reiz des Squaredance aus“, findet Renate Jamuth, die sich seit 1990 diesem Tanz verschrieben hat. Die 68-Jährige aus Holzhausen setzte sich dafür extra an die Nähmaschine, hat sich etwa drei Dutzend Kostüme und Röcke in sämtlichen Farben und Mustern genäht. „Die dazugehörigen dreilagigen Petticoats habe ich mir aus Amerika kommen lassen, nur dort sind sie so schön bauschig“, verrät die Holzhäuserin. Und wenn man sich so umschaut, ist sie nicht die einzige, die mit einem wippenden Unterrock Aufsehen erregt. Auch Carmen Wenske aus Esslingen, hat sich ihr Tanzoutfit selbst designt. „Als junges Mädle habe ich bei den Amerikanern zum ersten Mal einen Squaredance gesehen und dieser Tanz hat mir gleich sehr gut gefallen. Um nicht in ein Altersloch zu fallen, genieße ich nun die Bewegung und die Konzentration der Figuren, halte mich dadurch schon seit Jahren körperlich wie geistig fit.“

Mittlerweile ist die Hälfte der insgesamt vier Stunden um. Uli Schingen steht unermüdlich mit Mikro auf der Bühne. Wie ein Fels in der Brandung und ohne sich dabei selbst groß zu bewegen, behält er das Geschehen mit Argusaugen im Blick. Während auf der Tanzfläche ausgelassen die Post abgeht, Arme sowie Röcke fliegen, macht der Caller eine Ansage nach der anderen. Und Uli Schingens Stimme hat nicht den oftmals typisch knödelnden Slang seiner amerikanischen Kollegen, nein, bei ihm klingt es fast wie eine Melodie, angenehm warm mit rollendem „r“ und sehr rhythmisch. Zwischen 130 und 140 Figuren unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade können die meisten Mitglieder der Woodcats Holzhausen abrufen, das ist eine recht stattliche Anzahl. „Bitte nur die eine Hälfte, recycelt hier“, erklärt der Caller um anschließend verwundert zu fragen: „Was machen denn die Damen in der Mitte? Randale steht nicht im Mietvertrag.“ Gelächter folgt bei Fuß. Irgendwie scheint jetzt der Wurm drin zu sein. „Meine Herren, die letzte Hand, die ihr benutzt habt war die linke, jetzt ist die rechte dran“, empfiehlt Uli Schingen und muss Sekunden später wegen des Lachflashs eine Zwangspause einlegen. Nach dem Motto „ja, wo laufen sie denn“ nebst manch orientierungslosem Blick zum Caller, bewahrt dieser wie immer die Ruhe. Professionell schafft er Ordnung in dem einem Hühnerhaufen gleichendem Tanzquadrat und nach dem erfrischenden „break“ geht es schwungvoll aber „gesitteter“ weiter. Genau das machen die Woodcats aus: Mit Spaß und Kurzweil dem Squaredance frönen.

Info Wer Lust hat mitzumachen, kann ab 11. September gerne unverbindlich im Saal der Christuskirche in Holzhausen „vorbeitanzen“. Infos bei Rolf Höflinger, E-Mail: rolf.lore@hoeflingers.de