Aichelberg Spurensuche am Aichelberg

Aichelberg / Jürgen Schäfer 06.07.2018
Was sich auf dem Aichelberg abspielte und woher der Turmberg seinen Namen hat: eine Burgenführung.

In alten Zeiten war der Aichelberg Sitz einer Grafenfamilie, die einen beträchtlichen Teil des Voralbgebiets im heutigen Landkreis besaß: das zur Burg gehörende Dorf Aichelberg, Zell, Hattenhofen, Pliensbach und Eckwälden, dazu das vormals zähringische Weilheim, Hepsisau, Holzmaden und Jesingen. Die Grafen besaßen auch einzelne Höfe und Güter in Dürnau, Uhingen, Albershausen und im Uhinger Raum – darunter zeitweilig die Burg Filseck. Auch in Oberschwaben und bei Tübingen hatten sie Streubesitz.

Wie sie genau ins Voralbgebiet kamen, weiß man nicht. Auch nicht, ob sie die Burg bauten, kauften oder erbten, die für Jahrhunderte auf dem Aichelberg stand. Sie stammten wohl aus dem Neckarraum bei Plochingen. Verwandt waren sie mit ihren Nachbarn, den hochadligen Herzögen von Teck. So schilderten das Kreisarchivar Dr. Stefan Lang und Kreisarchäologe Dr. Reinhard Rademacher bei einer Burgenführung am Aichelberg,  die im Rahmen der Veranstaltungen zum 80jährigen Kreisjubiläum stattfand. Mit ihnen begaben sich 35 Geschichtsinteressierte auf eine gut dreistündige Spurensuche.

Nicht nur auf dem Aichelberg. Dahinter erhebt sich der Turmberg, und wer sich je gefragt hat, warum der Berg so heißt, der der höhere ist: dort standen einst zwei Türme. Genauer gesagt: Burgstellen. Die sicherten wohl die Burg Aichelberg im Rückraum ab, zum Albtrauf hin. Man muss sich den Aichelberg und Turmberg kahl vorstellen, sagt Rademacher. „Man hat den Wald damals intensiv genutzt.“ Die Türme auf dem 600 Meter hohen Berg boten den Rundumblick ins Land.

Von der einstigen Burg sieht man nichts mehr. Was der Bauern­krieg 1525 davon übrig gelassen hat, hat Heinrich Schickhardt 1595 zum Bau des Badhauses von Bad Boll verwendet. Da war Aichelberg längst württembergisch. Die Teck ebenso.

Funde belegen es: Alle drei Burgstellen auf dem Aichelberg und Turmberg waren vom 13. Jahrhundert an „in Betrieb“. Sie bildeten ein System, sagt Rademacher. Offen ist aber, ob die Burg Aichelberg als erstes entstand. Vielleicht sei es auch auf dem Turmberg „losgegangen“ mit dem Burgenbau, sagt der Kreisarchivar. Dort liegt ein 20 mal 8,5 Meter breites Plateau, und das Gelände weist die Merkmale einer klassischen mittelalterlichen Burg auf: Graben, Vorburg, Graben, Hauptburg.

Das ist die hintere der beiden Turmberg-Burgstellen. Die vordere bietet nur Platz für einen Turm von zehn mal elf Metern. Das war auch ein gängiger Burgentyp, sagt Rademacher. Man wohnte in verschiedenen Etagen, und oben waren die Zinnen. Reste solcher Wohnturmburgen finde man bei Bünzwangen, bei der Burgstelle Zillenhard und beim Burren nahe Wäschenbeuren – letzteres könnte die Wiege der Staufer gewesen sein. Ob der Turm auf dem Turmberg ständig bewohnt war oder nur der Ausguck für eine Wachmannschaft, vielleicht umgeben mit Palisaden – man weiß es nicht. Jedenfalls war er beheizt, wie die anderen Burgstellen auch, denn es wurden dort Scherben von Kachelöfen gefunden. Die waren eine ungeheuer wichtige Erfindung des Mittelalters. „Sie boten rauchfreies Feuer“, sagt Rademacher. Die heutigen Relief-Kacheln benutzte man aber noch nicht, sondern sogenannte Becher-Kacheln, die sich nach außen wölbten und mit ihrer großen Oberfläche warm in den Raum hineinstrahlten.

 1220 wird die Burg Aichelberg erstmals urkundlich erwähnt. Vielleicht war sie nicht viel älter, die bisherigen Keramikfunde legen das nahe. Wer sie gebaut hat, wollte damit weit sichtbar seinen Status zeigen, sagt Lang. Beim früheren Sitz Kersch bei Plochingen wäre das nicht so eindrucksvoll gewesen. Die Grafen Diepold und Egeno – so die Leitnamen der Familie – wählten Aichelberg als Hauptresidenz. Eine zweite Burg namens Merkenberg bei Neidlingen wird 1247 erwähnt.

Es waren damals meist gute Zeiten, berichtet der Kreisarchivar. Die Bevölkerung wuchs, denn das Klima war sogar wärmer als heute und ermöglichte hohe Ernteerträge. Die adeligen Landesherren entdeckten Potenzial: Aus Geislingen, Kirchheim und Göppingen wurden Städte, in Rechberghausen und Heiningen gelang es nicht dauerhaft. Die Aichelberger zogen mit und erhoben Wendlingen zur Stadt. Die politischen Verhältnisse, sagt Kreisarchivar Lang, waren noch relativ stabil.

Das änderte sich spätestens mit dem Niedergang der Staufer. Die Zeiten wurden unruhiger, es herrschte lange so etwas wie permanenter Bürgerkrieg, sagt Lang. Jeder gegen jeden: die Könige gegen den Adel, Adel gegen Adel, die aufstrebenden Reichsstädte gegen Adel. Da war es sinnvoll, auf einem gut zu verteidigenden Bergsporn zu sitzen wie die Grafen von Aichelberg. Der Kreisarchivar kann sich für diese unruhigen Jahrzehnte dauerhafte Wachmannschaften auf den Türmen des Turmbergs vorstellen.

Der Hauptzugang zur Burg Aichelberg, ging – anders als der heutige Aufstieg vom Ort aus – wohl über den Sattel zwischen dem Aichelberg und dem Turmberg. Dort findet man noch einen klar definierbaren Graben. Der Weg kann zudem mit einer vorgelagerten Mauer geschützt gewesen sein. Mit einer Zugbrücke wäre man dann zur Burg gekommen.

Ihre Anlage half den Aichelberger Grafen nicht für lange Zeit. Sie konnten ihr Territorium nicht halten. Sie machten außerdem den Fehler, ihre Grafschaft 1318 zu teilen, und dann waren sie quasi nur noch am Verkaufen, sagt Lang. „Die militärische Sicherung und die vielen Konflikte der Zeit werden auch kostspielig gewesen sein.“ Als erstes ging 1318 Filseck verloren, 20 Jahre später die komplette Grafschaft. Die mächtigen Württemberger kauften alles auf. Ein letztes Ausrufezeichen kam kurz nach der Teilung: Graf Ulrich von Aichelberg erhob 1319 Weilheim zur Stadt. Kurz nach 1400 war die aus dem Grafenstand abgestiegene Familie ausgestorben.

Die Württemberger haben die Burg „verleast“

Findig Die Württemberger übernahmen den Aichelberger Besitz und setzten adelige Vögte auf die Burg. Nach gut 100 Jahren kam ein besonderer Gast: Graf Ludwig von Helfenstein hatte 1446 ein Drittel der Burg Hiltenburg an Württemberg verpfändet und durfte dafür auf der Burg Aichelberg standesgemäß residieren. „Die Burg wurde sozusagen verleast“, schmunzelt Kreisarchivar Stefan Lang.

Klamm 20 Jahre später waren die Württembergern selbst knapp bei Kasse. Sie veräußerten 1470 die Burg mit einigen Dörfern  an Wilhelm von Zillenhard, der seinen Stammsitz bei Ursenwang hatte. Die „Vermietung“ war eine Folge der Teilung Württembergs. Als diese 1482 endete, kauften die Württemberger ihre Burg bald wieder zurück.

Wünschenswert Gegraben hat man nie auf dem Aichelberg, sagt Rademacher. Er wünscht sich, dass sich bei zukünftigen Forschungsprojekten Gelegenheit bietet. Schon mit wenigen Tonscherben lassen sich neue Aussagen über die Geschichte von Aichelberg und Turmberg machen.

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