Interview Sportkreis-Präsident: „Da muss einiges auf den Prüfstand“

Die Übungsleiter sind der Dreh- und Angelpunkt, um Sportler in den Vereinen zu halten, sagt Lothar Hilger, Präsident des Sportkreises Göppingen mit 228 Vereinen. Er sucht nach Rezepten, den Mitgliederschwund zu stoppen.
Die Übungsleiter sind der Dreh- und Angelpunkt, um Sportler in den Vereinen zu halten, sagt Lothar Hilger, Präsident des Sportkreises Göppingen mit 228 Vereinen. Er sucht nach Rezepten, den Mitgliederschwund zu stoppen. © Foto: Staufenpress
Kreis Göppingen / Von Arnd Woletz 11.08.2018
Sportkreis-Präsident Lothar Hilger sucht nach Erklärungen, warum der Kreis Schlusslicht bei der Mitglieder-Entwicklung in Sportvereinen ist.

Der Sportkreis Göppingen verliert seit Jahren so stark an Mitgliedern wie kein anderer im Würtembergischen Landessportbund. Was läuft bei uns falsch?

Lothar Hilger: Ich muss sagen, ich bin erstaunt über diese Zahlen. Mein subjektiver Eindruck ist eigentlich ein anderer, wenn ich bei den Vereinen der unterschiedlichen Sportarten bin. Ich denke, dass wir immer noch gut aufgestellt sind, im Wettkampfsport genauso wie im Breitensport. Und man muss auch beachten: Wir haben im Landkreis bei 250 000 Einwohnern immer noch knapp 78 000 Mitglieder.

Aber zufrieden können Sie mit der Entwicklung nicht sein, oder?

Zufriedenstellend ist es natürlich nicht, wenn sich das so rückwärts entwickelt. Man muss aber sehen, wo wir verlieren: Das sind vor allem die Teenager zwischen 13 und 18 Jahren. Da müssen wir schauen, dass wir die stärker an die Vereine binden.

Diese Phänomene gelten ja für alle anderen Sportkreise auch, die aber insgesamt zum Teil sogar Zuwächse aufweisen.

Wir im Stauferkreis kommen eben auch von einem sehr hohen Niveau. Jeder dritte Landkreis-Bewohner ist im organisierten Sport. Und wir haben Potenzial für die Zukunft. Denn entgegen der Prognosen steigen die Geburtenziffern wieder an.

Göppingen nennt sich Sportstadt und verweist auf seine gute Sportförderung, hat aber innerhalb von zehn Jahren 15 Prozent der sporttreibenden Mitglieder verloren. Ein Negativwert. Ist da das Attribut Sportstadt noch sicher?

Auf jeden Fall. Jeder kennt ja die Vereine, die hier sehr hochklassig Wettkampfsport betreiben. Dazu kommen einige sehr gute Einzelsportler in anderen Disziplinen. Das gilt nach wie vor. Und die Stadt ist an einer sehr guten Vereinslandschaft interessiert.

Wenn man annimmt, dass die Menschen im Stauferkreis in den vergangenen zehn Jahren nicht plötzlich zu Sportmuffeln geworden sind: Kann das auch etwas mit den Vereinen und ihren Strukturen zu tun haben?

Da muss sicher einiges auf den Prüfstand. Jeder Verein, jede Sportart, muss sich auch hinterfragen. Wie sind die Sportstätten? Wie sind die Möglichkeiten der Trainingszeiten? Wie sind die Ehrenamtlichen aufgestellt? Gibt es genügend Trainer und Jugendbetreuer? Wie funktioniert der Übergang zwischen Wettkampfsportlern einerseits, den Breitensportlern, Gesundheitssportlern und Fitnessfreunden andererseits? Möglich wäre da beispielsweise eine Partnerschaft.

Wie könnte die aussehen?

Beispielsweise dass man sich die athletischen Grundlagen in einem Fitnessstudio holt und diese dann in einem Wettkampf im Rahmen des Vereinssports gut einsetzen kann. Das muss ja nicht zwingend eine Konkurrenz sein, wie immer dagestellt wird. Und Vereine können auch kleinere Fitnesseinrichtungen selber aufbauen.

Was können Sie als ehrenamtlicher Sportkreisvorsitzender tun, um die Mitgliederzahl zu stabilisieren?

Der Sportkreis ist ja die untere Ebene des Landessportbundes. Und der WLSB kann die Vereine beraten, beispielsweise beim Sportstättenbau. Wir haben beispielsweise auch ein Fortbildungsprogramm für die steigenden Anforderungen ans Vereinsmanagement. Das reicht ja vom Steuerrecht und der neuen Datenschutzverordnung bis zum Schutzauftrag beim Stichwort Kindesmissbrauch.

In diesem Wust an Verantwortlichkeiten müssen sich die Ehrenamtlichen doch überfordert fühlen.

Ja, das wird schon deutlich. Man muss auch bei den Funktionären Talente finden, die sich vielleicht auch beruflich mit einem Thema befassen und dabei den Vereinen helfen. Das muss ja keine Lebensaufgabe sein, sondern kann auch projektbezogen sein.

Gerade die feste Bindung an den Verein, die früher dazugehörte, schreckt eben viele heute ab, oder?

Ja, aber es muss ja nicht sein, dass Vereinsarbeit automatisch auf Lebenszeit gilt, dass man anfangen soll, aber nie mehr aufhören darf.

Um Menschen in die Vereine zu locken braucht es nicht nur Manager, sondern auch gute Angebote und begeisterte Übungsleiter. Was tun?

Die Übungsleiter sind tatsächlich ein Dreh- und Angelpunkt bei der Frage, ob Abwanderung vorherrscht oder ob Anmeldungen kommen. Und dieses Problem drückt die Vereine wirklich, dass sie engagierte Ehrenamtliche an der Basis oft nicht halten können.

Und wie kann es gelingen?

Vielleicht muss man immer wieder darauf hinweisen: Das Ehrenamt ist eine unheimliche Bereicherung. Man kann selber davon profitieren, seine Zeit sinnvoll fürs Gemeinwesen einzusetzen. Es bilden sich Freundschaften, die tragen einen dann auch mal in einer Krise. Ein Verein  bietet einen sozialen Rückhalt.

Das ist ein flammender Appell fürs Ehrenamt. Die Realität sieht aber anders aus.

Der Landkreis Göppingen nennt sich ja Ehrenamts-Landkreis und ist tatsächlich vergleichsweise gut aufgestellt, auch außerhalb des Sports. Man darf Menschen aber nicht in ein Vereinsamt drängen und sie dann mit ihren Aufgaben überfordern.

Sehen Sie auch eine Lösung in der Professionalisierung der Klubarbeit, also die lästige Bürokratie einem bezahlten Profi zu überlassen, damit die Vereinsführung den Rücken frei hat, um sich um die Mitglieder zu kümmern?

Das ist eine der Lösungen, die angedacht werden können. Sie birgt natürlich auch Risiken, vor allem in finanzieller Hinsicht. Kleine und mittlere Vereine müssten sich zusammentun, wie das beispielsweise im Voralbgebiet angegangen wurde.

Manche Vereine nehmen jetzt die ganz Jungen und die Alten in den Blick, also Kleinkinder und Senioren. Ein Ansatz?

Auf jeden Fall. Im Elementarbereich kommen Kinder erstmals mit Vereinen in Kontakt. Hier wird die Basis gelegt, sich mit Freude zu bewegen, sich auch mal anzustrengen und sich mit anderen zu messen. Wettkampf ist ja das Monopol der Vereine. Und für Senioren kann man auch andere Trainingszeiten anbieten, also auch tagsüber.

Und was ist mit den Teenagern, die häufig den Vereinen den Rücken kehren, selbst wenn sie als Kinder Mitglied waren?

Da gibt es eben die Notwendigkeiten der Ganztagsschulen und das achtjährige Gymnasium, die kaum noch Zeit lassen. Diese Jugendlichen müssen wir aber binden, da müssen die Trainer sehr feinfühlig vorgehen, um auch den weniger Talentierten zu zeigen, dass sie genauso wertvoll sind wie die Top-Torjäger.

Das hört sich nach einem komplexen Unterfangen für die Ehrenamtlichen an. Kann der Sportkreis helfen?

Da muss tatsächlich viel von den 228 Vereinen kommen. Wir im Sportkreis sind ja auch Ehrenamtliche. Wir können einen Sportentwicklungsprozess nicht anbieten. Die Vereine müssen sich das beim WLSB einkaufen. Aber selbst für einen solchen Prozess sind Ehrenamtliche  manchmal schwer zu finden.

Sie sind im Frühjahr wiedergewählt worden. Müssen Sie damit leben, auf Dauer Präsident eines schrumpfenden Sportkreises zu sein?

Natürlich ist es das erklärte Ziel, wieder Mitglieder-Zuwächse zu verzeichnen, wie andere Landkreis das schaffen. Und wir werden zusammen mit den Vereinen daran arbeiten, dass in den Kommunen das Bewusstsein wächst, dass Investitionen in den Sportstättenbau gut angelegtes Geld sind. Die Sportvereine sind schließlich immer noch die größte Bürgerbewegung in einer Gemeinde.

Sportkreis-Präsident Lothar Hilger

Lothar Hilger wurde vor 53 Jahren in Schwäbisch Gmünd geboren, lebt im Göppinger Stadtbezirk Holzheim und leitet beruflich das Jugendamt des Landkreises Göppingen. Er hat vier Kinder zwischen 21 und 31 Jahren.

Seit 2011 ist Hilger Sportkreis-Präsident in Göppingen. Im April wurde er für weitere vier Jahre wiedergewählt. Seit 1972 ist Lothar Hilger auch Mitglied bei Frisch Auf Göppingen. Er selber selber kommt  vom Judo.

Sportkreis Göppingen verliert die meisten Mitglieder

Vergleich Einen so großen Mitgliederschwund wie der Sportkreis Göppingen weist kein anderer der 24 Sportkreise innerhalb des WLSB auf. Rund um den Hohenstaufen sind in zehn Jahren zwölf Prozent weniger Mitglieder gezählt worden, gefolgt von Calw (minus 9 Prozent), Reutlingen (minus 6  Prozent) sowie Ostalb und Sigmaringen (minus 5 Prozent). Sieben der 24 Sportkreise sind gewachsen.

Zahlen Nach der aktuellen Statistik liegt die Zahl der Sportvereinsmitglieder im Kreis jetzt noch bei 77 300. Vor zehn Jahren waren es knapp 88 000. Allein im vergangenen Jahr haben 677 Menschen mehr den Vereinen den Rücken gekehrt als hinzukamen. Auch die Zahl der Vereine ist geschrumpft.

In der Stadt Göppingen ist der Mitgliederschwund noch stärker. Dort waren vor zehn Jahren noch 58 Vereine mit 17 900 Mitgliedern registriert, heute sind es noch 49 Vereine mit  14 950 Mitgliedern.

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