Windpark Spatenstich für den größten Windpark im Land

DIRK HÜLSER 09.09.2015
Viel Prominenz hat am Mittwoch tief im Wald über Weißenstein die Spaten geschwungen und den offiziellen Baustart für den größten Windpark des Landes gefeiert. Umweltminister Franz Untersteller war auch vor Ort. Mit einem Kommentar von Dirk Hülser.

Es riecht nach Wald. Nach Harz und Fichtennadeln. Auf einer frisch gerodeten Lichtung im Wald irgendwo zwischen dem Lautersteiner Stadtteil Weißenstein, Degenfeld und Bartholomä ist ein Baum aber noch nicht bis zur Wurzel abgesägt worden, sein Stumpf dient als Rednerpult. Und Reden gibt es einige, gilt es doch, den Bau des größten Windparks in Baden-Württemberg mit einem offiziellen Spatenstich zu beginnen. Auch der Umweltminister des Landes, Franz Untersteller (Grüne), wollte die Projektpartner vor Ort persönlich begrüßen. Besonders freut er sich darüber, dass der Windpark mit seinen 16 Rotoren „von einer überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung gerade hier vor Ort befürwortet“ werde.

Nur vier Einwendungen gab es gegen die endgültigen Pläne, ein Umstand, auf den alle Redner immer wieder hinwiesen. So auch Hartmut Brösamle vom Vorstand des Bauherren WPD. Er lobte die Bevölkerung von Lauterstein, die nicht nach dem „St.-Florians-Prinzip“ verfahren sei, sondern den Windpark gutgeheißen habe. 75 Aktenordner habe sein Unternehmen schließlich im Göppinger Landratsamt fürs Genehmigungsverfahren im Januar eingereicht – am 13. August sei dann die Genehmigung da gewesen. „Wenn es eine Wahl zur Behörde des Jahres gäbe, wäre dem Landratsamt Göppingen das Votum der WPD sicher.“

Auch Untersteller war erfreut, dass die Genehmigung hier „sehr schnell“ erteilt worden sei. „Das ist eine starke Leistung, die man nicht so oft antrifft.“ Dies gelte nicht nur mit Blick auf Baden-Württemberg, sondern auch im bundesweiten Vergleich. Auf zehn Prozent, so das Ziel der Landesregierung, solle der Anteil der Windenergie in Baden-Württemberg bis 2020 steigen. Doch hätten hierfür erst einmal die Weichen gestellt werden müssen. Seien doch beim Regierungswechsel 2011 noch 99 Prozent der Gebiete im Land Ausschlussflächen für Windkraft gewesen. „Und die wenigen Vorranggebiete waren meist hinter statt auf dem Berg.“ Untersteller räumte aber auch ein: „Ich sage ganz offen, dass ich mir natürlich einen schnelleren Ausbau der Windenergie gewünscht habe.“

Für WPD-Chef Brösamle, der heute gemeinsam mit Gernot Blanke ein Unternehmen mit 1400 Mitarbeitern und Sitz in Bremen leitet, ist der Windpark in Lauterstein ein besonderes Projekt, in gewisser Weise auch ein Happy End: Bereits in den 90er-Jahren wollte er mit seiner damaligen Fünf-Mann-Firma auf Lautersteiner Gemarkung vier Windräder errichten. Doch gegen den erbitterten Widerstand des damaligen Bürgermeisters Gebhard Mangold, der Mehrheit des Gemeinderats und letztlich auch gegen die Gerichte konnte sich der damalige Windkraft-Pionier nicht durchsetzen. „Das ist quasi mein Lieblingswindpark“, sagte er dann am Mittwoch auch und meinte rückblickend: „Die Zeit war offensichtlich noch nicht reif.“ Heute betreibt sein Unternehmen 310 Windparks mit 1700 Turbinen.

Für Unmut hatte bei einigen Leserbriefschreibern gesorgt, dass die Öffentlichkeit zum Spatenstich nicht eingeladen war. „Ein großes Missverständnis“ sei das, betonte Brösamle. Vielmehr hätte eine größere Anzahl Gäste auf der Lichtung gar nicht untergebracht werden können, auch gebe es keine Infrastruktur. Zur Inbetriebnahme des ersten Windrads im Frühjahr sollen die Bürger eingeladen werden, auch planen die Betreiber für den Sommer ein großes Bürgerfest. „Natürlich wollen wir die Leute mitnehmen, wir haben hier einfach eine super Stimmung, das soll auch so bleiben.“

Bürgermeister Michael Lenz lobte die konstruktive Atmosphäre, in der das Projekt geplant worden sei. Auch mit der Nachbarstadt Schwäbisch Gmünd seien Kompromisse gefunden worden. Die Zusammenarbeit und der Austausch seien „unendlich wertvoll“. Auch die Kritik von Windkraftgegnern sei „immer konstruktiv und auf sachlicher Ebene“ vorgetragen worden: „Das war wohltuend.“

Landrat Edgar Wolff und Hubert Rinklin vom Geislinger Albwerk stimmten in den Lob-Reigen ein. Nach einer Stunde ging es dann zu den bereitgestellten Spaten – der Windpark Lauterstein wird jetzt hochoffiziell gebaut.

Windpark Lauterstein

Leistung: Die 16 Rotoren in Lauterstein sollen 120.000 Megawattstunden Strom pro Jahr liefern, das entspricht dem Verbrauch von etwa 100.000 Menschen.

Zeitplan: Spätestens ab Herbst 2016 soll der Windpark komplett in Betrieb sein, das erste Windrad soll im kommenden Februar oder März Strom liefern.

Rotoren: Die Windräder werden eine Gesamthöhe von jeweils 199 Meter haben, der Rotordurchmesser beträgt 120 Meter. Das Gesamtgewicht einer Anlage beträgt etwa 1200 Tonnen.

Rodung: Der Wald ist ein reiner Fichtenwald, angelegt zur wirtschaftlichen Nutzung. Für den Windpark werden sieben Hektar gerodet.

Kosten: Drei der 16 Windräder werden vom Geislinger Albwerk betrieben, eines davon als Bürgerwindrad. Gesamtkosten des Windparks: rund 80 Millionen Euro.

Ein Kommentar von Dirk Hülser: Happy End nach 20 Jahren

Happy End für einen Windkraft-Pionier: Wie David gegen Goliath hat Hartmut Brösamle vor 20 Jahren versucht, vier Windräder bei Lauterstein zu bauen – und war gescheitert. Gescheitert an der politischen Stimmungslage, gescheitert an Lokalpolitikern, die keine „Verspargelung der Landschaft“ wollten, gescheitert an Gerichten.

Zwei Jahrzehnte später ist Brösamle selbst ein Goliath, einer der ganz großen Player im Geschäft mit der Windkraft. Nun ist er zurück in Lauterstein – dieses Mal als strahlender Bauherr, der als Investor mit offenen Armen empfangen wird und nicht mit Schimpf und Schande aus dem Lautertal gejagt wird. Denn die Zeiten haben sich geändert – zum Glück. Dass die Energiewende begonnen hat, ist unbestritten und unumkehrbar. Qualmende Kohlekraftwerke und strahlende Atomreaktoren haben keine Zukunft mehr. Doch dann müssen auch Alternativen her. Je dezentraler, desto besser. Erinnert sei nur an den Protest gegen die Stromtrasse im Schurwald: An irgendeine Leitung müssen die Steckdosen angeschlossen werden. Wenn vor Ort Strom für 100.000 Menschen produziert werden kann, ist das aus ökologischer Sicht die beste Lösung.

Ganz ehrlich: Die Fichten-Monokultur bei Lauterstein ist keine Naturoase, sondern eine große Schonung. Diese Bäume wurden gepflanzt, um gefällt zu werden. Nichts anderes passiert nun mit einem kleinen Teil. Der Gegenwert in Form von Ökostrom gleicht das mehr als aus.