Freizeit Spannende Einblicke in die Unterwelt

Bad Überkingen / Jochen Hordnasch 29.08.2018

Der Ausblick ist gigantisch. Bad Überkingen und das Obere Filstal liegen zu Füßen des Kahlensteins. Der 25 Meter hohe Fels thront 200 Meter über der Talsohle und nur wenige Schritte von der Kahlensteinhöhle entfernt, deren Erforschung Anfang der 70er Jahre begann. Spektakuläre von Menschenhand geschaffene Funde kamen ans Licht.

Doch sicher nicht der Aussicht wegen wurde die Höhle bereits 3000 Jahre vor Christus aufgesucht. Vielmehr hätte sie als Rast- und Schlafplatz gedient, bot Schutz gegen Wind und Wetter und sei im Gegensatz zu anderen Höhlen nie bewohnt gewesen, betont Dieter Domke, Vorsitzender des Kahlensteiner Höhlenvereins Bad Überkingen. Zusammen mit Vereinsmitglied Gerd Hettich
ermöglichte er am Samstag Besuchergruppen im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Sommer der VerFührungen“ bei jeweils einstündigen Führungen einen Blick in das normalerweise mit einem Tor verschlossene 150 Meter lange Loch zu werfen.

Wenige Meter hinter dem Eingang kommt mit 14 Meter Länge und sieben Meter Breite die große Halle, der größte Raum der Höhle. Dort fanden die Mitglieder des Kahlensteiner Höhlenvereins beispielsweise den Boden eines Gefäßes aus der Jungsteinzeit (etwa 3000 v. Chr.). Scherben, die auf 500 bis 400 v. Chr. datiert werden, konnten ebenfalls aus der Lehmschicht zu Tage gefördert werden. Auch die Römer hinterließen ihre Spuren. Eine Münze aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, die auf der Vorderseite den lorbeerbekränzten Kaiser Antonius Pius und auf der Rückseite das barhäuptige Brustbild seines Adoptiv- und Schwiegersohnes Marcus Aurelius zeigt, ist wohl einem römischen Legionär vor 1800 Jahren in der Kahlensteinhöhle aus der Hosentasche gefallen. Zwei identische Münzen wurden in einem Acker auf der Gemarkung Weiler sowie in Altenstadt gefunden. Selbst das Mittelalter hat in Form eines Topfes seine Spuren hinterlassen.

Doch nicht nur den Menschen diente die Tropfsteinhöhle als Unterschlupf. Knochenfunde belegen, dass auch Braunbär, Wolf, Dachs, Rotfuchs, Luchs, Hirsch und zahlreiche Kleintiere die Höhle aufsuchten. „Diese Funde geben wichtige Informationen über die Tierwelt der Schwäbischen Alb von der Eiszeit bis heute“, sagt Domke. Heutzutage wird die Höhle hauptsächlich von Höhlenkreuzspinnen, Weberknechten und verschiedenen Nachtfaltern bewohnt. Und von Oktober bis März überwintern verschiedene Fledermausarten, wie das Große Mausohr, die Wasserfledermaus oder die Fransenfledermaus. Sie fühlen sich allem Anschein nach wohl in dem Sommer wie Winter maximal neun Grad kalten Loch, in dem immer eine Luftfeuchtigkeit zwischen 80 bis 90 Prozent herrscht.

Die Besiedlung mit den vom Aussterben bedrohten Fledermäusen wurde Domke zufolge allerdings erst möglich, nachdem im Jahr 1972 der Höhleneingang mit einem Gittertor verschlossen wurde. Bis dahin sei die Kahlensteinhöhle oftmals als Abenteuerspielplatz oder Lokalität für ungestörte Partys missbraucht worden. Auch Vandalismus in Form von mutwillig abgeschlagenen Tropfsteinen hätten traurige Spuren hinterlassen. Und die durch Ruß geschwärzten Tropfsteine und Wände würden noch heute den Beweis liefern, dass einst Fackeln für Licht sorgten.

Domke zufolge mussten vor der Erforschung der Höhle erst Berge von Müll beseitigt werden, bevor man mit den Grabungen beginnen konnte. Glücklicherweise ist dies Vergangenheit und die
56 Mitglieder des Kahlensteiner Höhlenvereins können zurecht stolz sein, dass ihre Neugier und das Betreten von Neuland unter der Erdoberfläche wesentliche Erkenntnisse und Aufschlüsse für die Wissenschaft gebracht hat. Obwohl die Forschungen an der Kahlensteinhöhle 1996 abgeschlossen wurden, sind die Vereinsmitglieder alles andere als untätig. Seither haben sie die Laierhöhle bei Weiler ob Helfenstein im Visier, eine der tiefsten Schachthöhlen der Schwäbischen Alb und mit 14 Millionen Jahren möglicherweise die älteste Höhle der Alb.

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