Roßwälden / Inge Czemmel  Uhr
Neu im Programm beim Sommer der Ver-Führungen und gleich ein Renner: die Backaktion im Rosswälder Backhaus.

Es ist schon von Weitem zu riechen: Im Backhaus in Roßwälden ist der Ofen angefeuert. Erdtraut Zwicker hat das Feuer unter Kontrolle. Immer wieder schürt sie nach und schiebt das verglühende Holz auseinander. „Das Anfeuern des Backhausofens ist eine Wissenschaft für sich und immer wieder spannend“, lacht sie. Sie und 14 Teilnehmerinnen an der Backhausaktion des Sommers der Ver-Führungen machen sich derweil unter Anleitung von Helga Sautter-Schöll daran, verschiedene Teige zuzubereiten. Eingenetztes Bauernbrot, salzige Backhauskuchen mit verschiedenen Belägen, Apfelblatz und Schneckennudeln sollen später, wenn das Holz verglüht und die Schamottsteine im Ofen richtig heiß geworden sind, gebacken werden.

Bis es soweit ist und der Teig in den Schüsseln „gegangen“ ist, gibt es noch einiges zu tun. Zwiebeln und Lauch schnippeln, Champignons putzen, Äpfel schälen und achteln, Schneckennudelfüllung vorbereiten, den Guss für die Kuchen herrichten – die Frauen arbeiten emsig vor sich hin.

Zwischendurch erzählt Erdtraut Zwicker die Geschichte des Roßwälder Backhauses, dessen Bau anno 1842 im Gemeinderat befürwortet wurde. 1846 erstmals in einem Protokoll erwähnt, diente es nicht nur dem Backen, sondern auch als „Suppenanstalt“, in der für die Armen des Dorfes gekocht wurde. Das Backhaus war immer in Besitz der Gemeinde und wurde von ihr unterhalten. Bis 1916 wurde es an einen Backhausbäcker verpachtet, der für das Holz sorgte und Feuer machte. Die Frauen brachten ihren Teig zum Einlaiben und bezahlten ihm pro Laib einen Lohn von zwei Kreuzern. Um möglichst wenig bezahlen zu müssen, wurden die Laibe immer größer und sollen bis zu acht Pfund gewogen haben. Als der Backhausbäcker Rudolf Wöhrle in den Ersten Weltkrieg ziehen musste, buk seine Frau, bis das Holz aufgebraucht war. Danach gab es keinen Backhausbäcker mehr.

Die Frauen bekamen Gelegenheit, selbst anzufeuern und in eigener Regie zu backen. Es bildeten sich Backgruppen, die in rotierendem System das Backhaus nutzten. „Früher wurde die ganze Woche über drei- bis viermal am Tag im Backhaus gebacken“, weiß Zwicker und liest aus einem Aufschrieb ihrer Mutter aus dem Jahr 1936 vor, wie die Frauen mit dem Schubkarren Holz herbeischafften, mit der Teigschüssel auf dem Kopf zum Backhaus kamen und vor Festen bis in die Nacht hinein buken. Wegen schöner Kindheitserinnerungen ist Gisela Lemke gemeinsam mit ihrer Tochter hergekommen. „Als ich Kind war, wurde bei uns im Zabergäu samstags im Backhaus gebacken. Ganz zum Schluss kam der Kartoffelkuchen in den Ofen und den haben dann alle zusammen heiß gegessen“, erzählt sie und verrät: „Ich hab es schon im Herd zu Hause probiert, aber das schmeckte nicht so gut.“ Gisela Lemke hat nach Absprache zu Hause Teig und Füllung vorbereitet und will ihren Kartoffelkuchen mit in den Ofen schieben. „Ich bin gespannt, wie er wird.“

Doch bevor irgendwas in den Ofen kann, müssen zunächst Holzreste und Asche ausgeräumt werden. Mit dem nassen „Hudler“, einem Lappen am Stecken, wirbelt Erdtraut Zwicker ordentlich Asche und Dampf auf und kehrt immer wieder den Ofen aus. Es ist schweißtreibende Arbeit vonnöten, bis endlich die Bleche in den Ofen geschoben werden. Eine Viertelstunde später kann schon alles verputzt werden.

Dann sind die Brote an der Reihe. Mit dem Schapf werden sie in den Ofen „eingeschossen“, und am Nachmittag können die Teilnehmerinnen alle eines mit nach Hause nehmen. Die Bäckerinnen kamen aus dem ganzen Landkreis und sogar bis aus Gerstetten. In Roßwälden gibt es übrigens noch drei Backhausgruppen – eine davon rein männlich –, die das Backhaus regelmäßig nutzen.

Nähere Informationen zum Programm

Website Alle wichtigen Informationen zum Sommer der Ver-Führungen, das aktuelle Veranstaltungsprogramm und nützliche Hinweise erhalten Sie auf der Website www.sommer-der-verfuehrungen.de. Dort können Sie auch online Ihre Teilnahme buchen. Tagesaktuelle Informationen finden Sie auf der Facebook-Seite unter www.facebook.com/sdv.gp