Uhingen Saalbau: Schwäbische Küche trifft Mittelmeer

Uhingen / Sabine Ackermann 06.04.2018
Seit Januar lässt sich’s in der Uhinger Traditionsgaststätte Saalbau wieder gut speisen.

Fast alles scheint wie immer: alte Tuschezeichnungen von Fritz Schurr, die zeigen, wie sich der Uhinger Künstler vor mehr als drei Jahrzehnten das Schloss Filseck, die evangelische Cäcilienkirche oder den längst abgerissen Bahnhof hundert Jahre zuvor vorgestellt hat sowie eingerahmte Fotografien von 1903, 1907 und 1933, auf denen das Gebäude und der Saal zu sehen sind.

Nostalgie, die Hazel und Cüneyt Irener zu schätzen wissen. Ganz bewusst haben die frischgebackenen Pächter die alten Relikte hängen lassen, weil sie einfach zu der Geschichte des Saalbaus dazugehören. Was allerdings ganz neu ist und so bleiben soll, ist die abwechslungsreiche Küche, bei der alles hausgemacht ist.

Die 31-jährige Wirtschaftsjuristin, deren Familie aus der Gastronomie kommt, und ihr 47-jähriger Mann, der als Marineoffizier und leidenschaftlicher Hobbykoch die ganze Welt bereist hat, sind dem Wunsch etlicher Stammgäste nachgekommen und bieten neben ihren mediterranen Spezialitäten darüber hinaus beliebte schwäbische Gerichte an.

„Wir legen großen Wert auf saisonal und regional frische Produkte, einfach bodenständig und ehrlich“, betont Hazel Irener, die zusammen mit ihrem Mann, ihrer Familie und einem gelernten Koch ebenfalls in der Küche steht. Auf der Karte stehen handgeschabte Spätzle zu Zwiebelrost- oder Schweinebraten, unentbehrliche Klassiker wie Wiener Schnitzel, Maultaschen, Linsen mit Spätzle und die täglich wechselnden Empfehlungen des Hauses wie beispielsweise „Wolfsbarsch auf Tomaten-Chutney mit Salbeikartoffeln“. Nicht alltäglich sind die Nachtisch-Leckereien wie Grießflammeri oder Vanille-Parfait.

Die Pächter freuen sich auf die Eröffnung des Biergartens, der ab Ende April für rund 50 Gäste  Platz bietet und hoffen, dass dieser genauso so gut wie der monatliche Sonntags-Brunch ankommt. Rege Nachfrage gibt es auch für den  Saal, der ideal für Feiern wie Hochzeiten, Konfirmationen, Kommunionen, runde Geburtstage und Beerdigungen ist. Bis zu 200 Personen finden da Platz, auf Wunsch kann der Saal geteilt werden, und die 75 Quadratmeter große Bühne bietet sich für Veranstaltungen an.

Dass in den geschichtsträchtigen Mauern auch früher schon jede Menge los war, darüber könnte Besitzerin Siglinde Koronai, geborene Haug, ein Buch schreiben. Von Anfang an war der große Saal ein wichtiger Faktor für den Wirtschaftsbetrieb, was amerikanische Soldaten nach Kriegsende 1945 dazu veranlasste, die Wirtschaft zu requirieren und die darüber wohnenden Haugs fast ein Jahr lang aus dem Haus zu vertreiben.

Danach war der Saalbau nur noch eine Hülle, im Inneren war fast alles, was nicht niet- und nagelfest war, zerstört, erinnert sich die 80-jährige Wirtin, die dieses Metier in jungen Jahren kennenlernte. „Do kommsch her und gucksch, wie ma’ Schnitzel macht“, holte 1948 ihre Großmutter Friederike die Zehnjährige zum „Kochen lernen“ in die Küche. Viele Jahrzehnte in der Gastronomie sollten folgen. Nach und nach habe man alles renoviert, auch die dazugehörige Metzgerei ging wieder in Betrieb, bis sie 1965 aufgegeben und deren Räume dem Lokal zugeschlagen wurden.

Im Rückblick erinnern sich auch Siglinde Koronais Söhne Andreas (56), Uwe (52) und Martin (50), die wie ihr Neffe Markus (51), der Sohn ihres Bruders Karl Haug, ständig in der Wirtschaft zur Hand gingen, dass es keine gesellschaftliche Gruppe gab, die nicht schon mal im großen Saal getagt habe. Angefangen von den unterschiedlichsten Parteien,  Gewerkschaften, Kirchen oder Vereinen, – ganz früher wurde hier sogar Tischtennis trainiert –, über private Veranstaltungen von der Hochzeit über Taufe, Kommunion und Konfirmation bis hin zu Altersjubiläen und Trauergesellschaften mit Butterbrezel und Hefezopf, viele Uhinger Familien wussten den Saal für ihre Feiern zu schätzen.

„Die Buba henn do immer helfe müssa, später au in der Bar“, sagt Siglinde Koronai und erzählt von den zahlreichen Politikern, die sich insbesondere vor den Wahlen die Klinke in die Hand gaben. Heiner Geißler, Kurt-Georg Kiesinger, Manfred Rommel, Lothar Späth,  Franz Steinkühler, Manfred Wörner oder die bayerische „Landesmutter“ Marianne Strauß sind nur einige, die der Seniorin mit dem beneidenswerten „Elefantengedächtnis“ einfallen. Besonders Norbert Blüm hat sie nicht vergessen: Als dieser einst das Lokal betrat und die Kartenspieler sah, meinte er locker: „Das würde ich jetzt auch gern tun“. Richtig aufregend wurde es in den 80er Jahren, als die rechtspopulistische Partei „Republikaner“ den Saal für eine Veranstaltung gemietet hatte. „Da positionierten sich etliche Polizisten mit geladenen Pistolen in unserem Wohnzimmer und hielten von da oben die ganze Gegend in Schach“, berichtet Siglinde Koronai von einem der eher spannenden Momente. Ansonsten beschreibt sie die Zeit in ihren „Wirtschaftsjahren“ als sehr arbeitsintensiv, „wir gönnten uns nur zwei Wochen Urlaub im Jahr“. „Es war hart, aber schee“, bereut Siglinde Koronai keine Stunde ihres Schaffens, auch deshalb, weil sie nie Ärger mit Schlägereien oder volltrunkenen Gästen hatte, „soweit ließ man es auch gar nicht kommen“. Damals war die Kundschaft noch entspannter, erinnert sie sich, man spielte Karten, unterhielt sich am Stammtisch, ging zum Essen. Ganz am Anfang sah man sogar Filme, genoss die Operettenbühne oder schwang das Tanzbein. Hier lernten sich auch viele Paare kennen, die Jahre später im Saalbau ihre Hochzeit feierten – wo auch sonst?

Fast hundert Jahre prägte Familie Haug den Saalbau

Erste Generation: Anno 1905, Kaiser Wilhelm II. regierte noch, erwarb Karl Haug den „Saalbau“, damals gehörte noch eine Metzgerei dazu. Erbaut worden war das Haus 1895 von einem Friseurmeister, 1905 kam der Anbau hinzu. Bis zu seinem Tod 1934 führte er zusammen mit seiner Frau Friederike das Lokal. Sie blieb als Witwe weitere drei Jahre lang die Wirtin und gab den Familienbetrieb 1937 an ihren Sohn Karl und dessen Ehefrau Klara, geborene Waldenmaier, weiter.

Familienbetrieb: 1951 starb mit dem Sohn Karl Haug die zweite Generation, abermals war es die verwitwete Ehefrau, die 14 Jahre lang für die „gutbürgerliche Küche“  zuständig war. Ab 1965 übernahmen ihre Kinder, die Geschwister Karl (Großvater, Vater und Enkel – alle hießen Karl) und Siglinde mit ihren Ehepartnern die Traditionswirtschaft. Karl Haugs Frau Franziska starb 1988, Siglindes Mann Rudolf Koronai 1993. Bis zur Jahrtausendwende stand das Geschwisterpaar allein hinter dem Tresen.

Jahrtausendwende: Von Anfang März 2000 an waren Lina und Harald Pettau über 17 Jahre lang die Wirtsleute. Seit Januar 2018 bringen Hazel und Cüneyt Irener frischen Wind in die Traditionsgasstätte.