Wäschenbeuren Schwaben stehen auf der feuerroten Liste

Der Eislinger Autor Horst Stierand hat in der Wäschenbeurer Bibliothek übers Schwäbische referiert.
Der Eislinger Autor Horst Stierand hat in der Wäschenbeurer Bibliothek übers Schwäbische referiert. © Foto: Annerose Fischer Bucher
Wäschenbeuren / ANNEROSE FISCHER-BUCHER 12.07.2016
Einen „Sprachkurs“ als vergnügliche Rundschau aufs Schwäbische erlebten die Besucher mit dem Schwaben-Kenner Horst Stierand in Wäschenbeuren.

Seine Hauptsorge galt der grausigen Vorstellung, das Schwäbische könnte aussterben und damit auch die Menschen, die diesen Dialekt nicht reden, sondern tatsächlich  schwätzen. „Die Schwaben stehen auf der feuerroten Liste der bedrohten Arten“ und „Die Mundart ist ein Gebiss, das keine Zähne mehr hat“, zitierte der Autor Horst Stierand aus Eislingen verschiedene und bekannte Schwäbisch-Kenner.

Der Kenner des Dialekts kommt aber zu der beruhigenden Einschätzung, dass „noch nicht alles verloren“ sei. Denn immerhin 48 Prozent der Baden-Württemberger sprächen noch ihren Dialekt, der – obwohl der Schwabe päb (sparsam) auch mit Worten sei –  einen Wortschatz von immerhin etwa 10 000 Wörtern umfasse.

Bei der Lesung zu seinem Buch „Schwäbisch gschwätzt und Schwäbisch glacht“  in Wäschenbeuren ging es vor allem um die sprachlichen Besonderheiten, welche die Lebensart des Schwaben zeigten. Regionale Unterschiede oder der Einfluss der sozialen Herkunft blieben außen vor. Anlass zur Lesung war das 5-jährige Bestehen der Bibliothek gewesen, die beim Bestand von über 8000 Medien etwa 25 000 Ausleihen im Jahr verzeichnen kann. Bürgermeister Karl Vesenmaier bezeichnete die Bücherei seiner Gemeinde denn auch als „Wohlfühl-Bibliothek im Rathausquartier“.

Stierand sagte, im Schwäbischen werde das Natürliche nicht vornehm umschrieben, sondern man sage es halt. Als Bauernsprache sei sie deftig und verfüge über etwa 2000 Schimpfwörter, Flüche und Drohungen nicht eingerechnet. Allein das Wort „Dackel“, das abwertend für einen Menschen verwendet wird, kenne über 16 Standardtypen wie beispielsweise Halbdaggel, Saudaggel oder Grasdaggel, mit dem man feine Nuancen und Differenzierungen ausdrücken könne, was man dem Schwaben gar nicht zutraue. Am volkstümlichen Beispiel der Einsteinschen Relativitätstheorie könne man das Deftige und die Denkweise erkennen: „Scheißt ma em a Baur uf da Grend (Kopf), ischs zviel, scheißt mam uf da Ackr, ischs zwenig.“

Der Eislinger Humorist hatte einen unerschöpflichen Wortschatz an idiomatischen Wendungen dabei und bezog das Publikum geschickt ein, das falsche und richtige „Übersetzungen“ herausfinden sollte und sich amüsierte. Ein Gang durch die Wortarten wurde mit Geschichten, Anekdoten und Gedichten erläutert. „Ma mäh“, was soviel heißt wie „der Mann soll mähen“, ließ die Schwierigkeiten der Sprache aufblitzen. Bei „De Henna henna“ kam es im Inhalt auf die Schreibung an und über die Verfügbarkeit des Allerweltswortes „ebbes“ (etwas) wunderten sich selbst die anwesenden Schwaben.

Die eigene Begriffswelt bei den menschlichen Körperteilen mit den vielen Synonymen war ebenso Thema wie die Verkleinerungsform „-le“ in „wasele, Sößle, Fritzle, Schätzle,  saichelet oder korkelet“ (beim Wein), mit dem man Bedeutungen verschleiern oder verharmlosen kann. Und „sau-teuer“ oder „arsch- kalt“ zeigen den unerschöpflichen Erfindungsreichtum beim Superlativ „sehr“. Am Ende durften die Zuhörer noch deftige Witze hören, bevor sich Bibliotheksleiterin Roswitha Früh-Kunz bedankte: „Wir fühlen uns als Bücherei auch den regionalen Autoren verpflichtet.“

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