Als Maler äußerst aktiv hält sich Dietmar Kriegstötter bei Einzelausstellungen merklich zurück. Zweifel sind erlaubt. Sie stellen sich ohnehin ganz von alleine ein. Läuft da nicht unter dem Steg Wasser aus dem Bild, ist der Porzellanteller wirklich „nur“ gemalt und der blinkende Stern auf der Motorhaube nicht doch echtes Metall? Den eigenen Augen ist nicht zu trauen. Man glaubt nicht, was sie sehen.

Kann man Kristallglas, Wasser oder Licht mit der ureigenen Charakteristik so malen, dass man als Betrachter der eigenen Wahrnehmung misstraut? Dietmar Kriegstötter kann und belegt eindrucksvoll, wieso Sehen und Wahrnehmen nicht ein und dasselbe sind.

Der gebürtige Leutkirchener lebt für und zu einem Teil von der Malerei. Dafür hat er seinen erlernten Beruf als Lehrer vor Jahren an den Nagel gehängt. Malen ist für ihn eine ständige Herausforderung, ein schöpferischer Prozess bei dem er sich immer wieder der Aufgabe stellt, Wirklichkeit zu imitieren. Das braucht Zeit. Am kommenden Freitagabend eröffnet eine breit gefächerte Kriegstötter-Schau, die der Maler schlicht „Kunst erleben im Rathaus Süßen“ nennt. Sie zeigt sein gesamtes künstlerisches Spektrum, das von der abstrakten über die Porträtmalerei bis hin zur traditionellen Landschaftsmalerei, vom Fotorealismus bis zur kopierten klassischen Malerei alter Meister reicht.

Zwar hält sich der 59-jährige, der sich selbst lieber als Maler denn als Künstler bezeichnet, in punkto Ausstellungen sehr zurück. Die jetzt in Süßen ist seine dritte in zwölf Jahren. Weil auch für ihn Kunst von Können kommt, legt Kriegstötter mehr Wert auf technische Entwicklung als auf eine nach dem Zeitgeist ausgerichtete Malerei. Menschen sollen beim Betrachten seiner Bilder Freude empfinden. „Ich will Schönes für die Seele schenken“, sagt der Impressionist Kriegstötter und zitiert ganz im Sinne von Eugene Delacroix: „Das vorrangige Verdienst eines Bildes ist es, dem Auge ein Fest zu sein“. Zum Zweifel mischt sich irritierendes und neugieriges Erstaunen. Der Putz an der Fassade am alten Haus am Mühlkanal blättert plastisch ab und ist gleich dem Konfekt – zum Reinbeißen echt  wie es realer, perfekter nicht geht, tatsächlich gemalt. Der gewundene Olivenbaumstamm und die Kühlerhaube mit dem Stern sind hyperrealistisch festgehalten. Wirklich nicht fotografiert? Das Bild „Dorfleben in Runo“ entstand über Tage hinweg wie im Zeitraffer. Die Menschen auf dem Bild erschienen zu unterschiedlichen Zeiten, das Gebäudeensemble über Tage hinweg im immer gleichen Licht. Seit zwei Jahren erst ist Ölmalerei für Kriegstötter eine neue Herausforderung. Weil die Farbe sich nach dem Auftragen  nicht mehr verändert. Anders als Acrylfarbe. Der „gedeckte Tisch in Scotney Castle“, das Bild mit dem Porzellanteller, ist bewusst unvollendet geblieben. Es zeigt die zeitaufwändige Malweise. Allein am Trinkglas hat der Künstler 15 Stunden lang gemalt, am Teller 25 Stunden.

Kriegstötters Kunstfertigkeit und ausgeprägte Technik zeigen sich so richtig in den Kopien der Bilder alter Meister. Etwa in der Bildkopie von Jan Vermeers „Junge Frau mit Wasserkanne am Fenster“ oder der Manet-Imitation „Bar in den Folies-Bergère“. Beide Kopien sind bereits verkauft.

Info Vernissage für die Ausstellung im Rathaus Süßen ist Fr. 19 Uhr. Öffnungszeiten: Mo., Di., Do. 8-12 Uhr und 14-16 Uhr, Mi. 14-18 Uhr, Fr. 8-13 Uhr. Ausstellungsdauer: bis 1. März.

Beruflich zweispurig


Lehrer Dietmar Kriegstötter lebt in Donzdorf. Er studierte Deutsch, Musik und Bildende Kunst fürs Lehramt an Grund- und Hauptschulen und unterrichtete 20 Jahre lang an verschiedenen Schulen, zuletzt in Donzdorf.

Künstler Im Jahr 2007 hängte Krieg­stötter für die Malerei seine Lehrertätigkeit an Schulen an den Nagel. Allerdings erteilte er bis 2017 Asylbewerbern Deutschunterricht und er unterrichtet bis heute an der VHS Donzdorf Englisch und Italienisch.