Böhmenkirch Schmerzvolle Hoffnung für SAM

Mitarbeiter der Frühschicht bei SAM verlassen gestern Nachmittag das Werksgelände auf den Heidhöfen. Nach der Insolvenz ihres Arbeitgebers gehen sie einer ungewissen Zukunft entgegen.
Mitarbeiter der Frühschicht bei SAM verlassen gestern Nachmittag das Werksgelände auf den Heidhöfen. Nach der Insolvenz ihres Arbeitgebers gehen sie einer ungewissen Zukunft entgegen. © Foto: Lauschke
Böhmenkirch / Thomas Hehn 22.08.2018
Trotz der Pleite sind Insolvenzverwalter und IG Metall zuversichtlich, dass es beim Automobilzulieferer SAM weiter gehen und das Unternehmen nicht zerschlagen wird.

Nachdem die Kreissparkasse als Hauptgläubiger, der VW-Konzern als größter Kunde und Kreditversicherer Atradius die Reißleine gezogen haben (die GZ berichtete), geht es im Insolvenzverfahren darum, die in Schieflage geratene Firma SAM automotiv group wieder auf Kurs zu bringen.

Erste Schritte

Hauptaufgabe des vom Amtsgericht Aalen zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellten Anwalts Dr. Holger Leichtle von der Sozietät Schultze & Braun in Stuttgart wird es zunächst sein, Kunden wie Lieferanten des Herstellers von Dachreelingsystemen, Zierleisten und Tankdeckelsystemen bei der Stange zu halten. Wie gestern bekannt wurde, haben Personaldienstfirmen bereits die ersten Leiharbeiter bei SAM abgezogen. In einer Pressemitteilung versichert der Insolvenzverwalter denn auch, dass das vorläufige Insolvenzverfahren keinerlei Auswirkungen auf die Auftragsbearbeitung bei SAM habe. „Alle Aufträge werden vereinbarungsgemäß abgewickelt und in der gewohnt hohen Qualität ausgeliefert“, betont Leichtle. Der Insolvenzverwalter will sich in den nächsten Tagen einen detaillierten Überblick über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens verschaffen und Sanierungsoptionen prüfen.

Ursachen des Verfahrens

An den Gründen für die Insolvenz scheiden sich die Geister. Besitzer Bregal betont, man habe nach dem Kauf der Binder-Group im Februar  2016 „intensiv an der Stabilisierung des Unternehmens gearbeitet (...) und insbesondere in die Optimierung von Prozessen und Organisation (...) investiert.“ Die Auswirkungen des Großbrandes im Galvanikbereich auf den Heidhöfen im März sowie eine abgeschwächte Nachfrage hätten dann aber zu Umsatzeinbrüchen geführt, „die nicht kompensiert werden konnten“.

Bei der IG Metall sieht man das anders. Abgesehen von den Folgen des Großbrandes hat Bregal in den Augen der Gewerkschaft viel zu wenig investiert.  „Dabei wären eine umfassende Modernisierung und Rationalisierung vor allem der Produktionsabläufe bei SAM schon seit Jahren überfällig gewesen“, kritisiert Manuel Schäfer von der IG Metall Göppingen-Geislingen.  Leerlauf bei der Fertigung und mangelhaftes Controlling hätten zu hohen Ausschussquoten geführt und die sich daraus ergebenden aufwendigen Nacharbeiten die Kosten zusätzlich in die Höhe getrieben. „SAM hat so schon die letzten fünf Jahre kein Geld mehr verdient“, wirft der Gewerkschafter altem wie neuem Management grundlegendes Versagen vor.

Schäfer wundert es daher nicht, dass die Verhandlungen für weitere Geldspritzen seitens der Gläubiger gescheitert sind. In dem jetzt anstehenden Insolvenzverfahren sieht Schäfer sogar eine Chance, dass die schlingernde Firma unter der Führung eines erfahrenen Fachmannes wieder in sicheres Fahrwasser kommt.

Wie er das anstellen will, wird der Insolvenzverwalter am morgigen Donnerstag der Belegschaft bei einer Betriebsversammlung um 14 Uhr im Werk 8 in Böhmenkirch erläutern. Eins zeichnet sich schon jetzt ab: Kommt es zur Sanierung und SAM wird nicht abgewickelt und zerschlagen, wird das voraussichtlich mit schmerzhaften Opfern seitens der Beschäftigten verbunden sein. Da ein Großteil der Belegschaft keine Facharbeiter sondern Angelernte sind, könnte es für viele schwer werden, wieder einen Job zu finden.

Info Betroffen von der Insolvenz bei der SAM automotiv group sind rund 1800 Beschäftigte an Standorten in Böhmenkirch, Steinheim, Feldstetten und Puebla (Mexiko). Dazu kommen noch 500 Leiharbeiter und 200 bis 300 Beschäftigte von Firmen, die über Werkverträge für den Automobilzulieferer tätig sind.

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