Grabungen Schlacke aus dem Mittelalter

Der Boden gibt seine Geheimnisse preis: Schwarze Verfärbungen künden von einem verbrannten Grubenhaus (Bildmitte). Kreisarchäologe Rademacher (im Hintergrund links) ist begeistert.
Der Boden gibt seine Geheimnisse preis: Schwarze Verfärbungen künden von einem verbrannten Grubenhaus (Bildmitte). Kreisarchäologe Rademacher (im Hintergrund links) ist begeistert. © Foto: Staufenpress
Gruibingen / Jürgen Schäfer 09.05.2018
Kreisarchäologe Rademacher findet vor der Kirchhofmauer in Gruibingen Spuren einer Handwerkerhütte und eines Wohnhauses.

So einen erlesenen Platz zum Graben findet Kreisarchäologe Dr. Reinhard Rademacher nicht alle Tage. Zumal in Gruibingen. „Eine spannende und brisante Zone“, schwärmt er. Unmittelbar vor dem Kirchhof der altehrwürdigen Martinskirche sind alte Häuser abgerissen worden, ein Stall stand sogar direkt auf der Mauer. Ein Stallfenster in der Mauer kündet noch davon. Was an diesem uralten Siedlungsplatz lag, kommt zum Vorschein. Allerdings nur zum Teil, weil die alten Häuser Keller hatten. Was dort an Schutt der Jahrhunderte gelegen haben mag, ging beim einstigen Kelleraushub verloren. Aber es bleibt ein Streifen unberührter Boden, sagt Rademacher.

Genug, um zu enthüllen, dass dort mal eine Handwerkerhütte gestanden haben muss. Der Archäologe deutet auf eine dunkle, rechteckige Verfärbung. „Das ist der untere Teil eines Grubenhauses.“ So nennt man Hütten, die in den Boden eingetieft waren und ein Satteldach hatten, das fast bis an den Boden reichte. Diesen Haustyp gab es schon in vorrömischer Zeit, bei den Kelten, dann auch bei den Alemannen und im Mittelalter.

Was mit der Hütte passiert ist, sieht Rademacher sofort: „Sie wurde durch Brand zerstört.“ Ruß- und Brandspuren sind beim Graben zutage gekommen, an einer Stelle sieht es nach dem verkohlten Abdruck eines Balkens aus. Der Boden verrät noch mehr. Weil man den Boden des zerstörten Grubenhauses wieder aufgefüllt hat, wanderte auch damaliger Müll mit hinein. Tierknochen, die von Mahlzeiten zeugen, und Keramikscherben. Rademacher kennt diese Keramik gut. Die ältere gelbtonige Drehscheibenware mit dem typischen Rand des 10. Jahrunderts, die spätere Keramikmode mit Randfalz, die Albware mit Kalkmagerung, die ins ausgehende 12. oder 13. Jahrhundert weist. Das war dann wohl das Ende der Hütte. Gut möglich, dass es eine Schmiede war: Rademacher und sein Team haben Schmelzschlacke gefunden. Aber die kann auch beim Verfüllen hineingewandert sein. Eine Weberhütte wäre ebenso typisch. „Diese Hütten hatten ein feuchtes Milieu, das ist gut fürs Weben.“

Daneben tauchte noch anderes auf: Vier Pfosten, die zu einem Haus gehörten. Den Grundriss kann man nicht mehr erahnen, die Pfosten zeigen kein Muster. Solche Pfostenbauten waren Wohnhäuser, Speicherbau, Stall, sagt Rademacher. Es könnte das Wohnhaus für den Handwerker gewesen sein. „Wenn wir Glück haben, gelingt die Datierung“, sagt Rademacher. Beim Grubenhaus sollte sie gelingen. Die Brandspuren werden ins Labor zum Bestimmen des Kohlenstoff-Gehalts geschickt.

Für Rademacher öffnet sich hier ein Fenster zur Vergangenheit an einer Nahtstelle zwischen Kirche und Dorf. Die Martinskirche liege ja nicht mitten im Dorf, sondern „im absoluten Randbereich“. Weil dort vermutlich ein Herrenhof existierte, und zuvor wohl ein römischer Gutshof. Man hat römische Keramik gefunden. Das passt ins Bild: Die Alemannen hab sich gerne festgesetzt im Umfeld alter römischer Höfe, weiß Rademacher. Die Sippe vom Herrenhof, der Ortsadel, hat dann das Christentum angenommen, und sich eine Kirche gebaut. Das wurde dann irgendwann eine Kirche für alle. Zwei Vorgängerbauten sind für die Martinskirche nachgewiesen. Man hat dort auch Gräber aus dem 6. Jahrhundert gefunden. „Eines mit ganz reichen Beigaben“, sagt Rademacher, darunter ein Goldohrring mit Edelsteinen aus Byzanz.

Dorfseitig zur jetzigen Grabung, an der unteren Schulgasse, hat schon Rademachers Vorgänger Walter Lang geforscht. Dessen Befund: Dort habe sich diese frühe Siedlung fortgesetzt.

Zwei bäuerliche Anwesen sind auf dem Grundstück neben der Kirche verschwunden. Das vordere zur Schulgasse hin hatte Bedeutung für den Ort: Es war das Haus vom „Stafflabeck“, einer Bäckerei mit Tante Emma-Laden. „Stafflabeck“ Friedrich Gölz, heute 91, hat sie noch bis Ende der 70er Jahre betrieben, erzählt seine Enkelin Sandra Moll. Und schon dessen Vater Wilhelm Gölz war der Stafflabeck – so genannt nach einem Stäffele, das in den Laden führte. Sandra Moll baut ein neues Haus, in das dann auch der alte Stafflabeck Friedrich Gölz, ihr Großvater, einzieht. „Er freut sich drauf“, sagt sie.

Ein Brunnen für die neue Mitte von Gruibingen

Fund: Kreisarchäologe Rademacher hat in Gruibingen gerade viel zu tun. Beim Abbruch der alten Häuser hinter dem Rathaus ist ein Brunnen zum Vorschein gekommen. Die alten Gruibinger wussten, dass es ihn gibt. Er lag unter dem „Friseurhaus“ an der Königstraße.

Versorgung: Ein Brunnenschacht mit 1,20 Meter Durchmesser und mindestens vier Metern Tiefe – so lautete Rademachers vorläufiger Befund. Die Leute brauchten früher Brunnen am Haus, es gab noch keine Wasserleitung. Der Brunnen könnte so alt sein wie die Häuser in der Umgebung, aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Oder auch älter.

Dorfplatz: Bürgermeister Roland Schweikert will den Brunnen für den künftigen Dorfplatz nutzen, auf dem er idealerweise liegt. „Er wird in die Gestaltung eingebunden.“

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