Starke Frauen Bad Bollerin kämpft gegen Beschneidung in Afrika

Eine Künstlerin, die sich für Menschenrechte einsetzt: Regina Fährmann aus Bad Boll vor einem ihrer Schattenspiele, die das Publikum in Afrika aufrütteln sollen. 
Eine Künstlerin, die sich für Menschenrechte einsetzt: Regina Fährmann aus Bad Boll vor einem ihrer Schattenspiele, die das Publikum in Afrika aufrütteln sollen.  © Foto: Sabine Ackermann
Bad Boll / Sabine Ackermann 08.12.2018
Bad Bollerin bekämpft mit künstlerischen Mitteln Genitalverstümmelung in Afrika. Sie betrieb auch Aids-Aufklärung.

Regina Fährmann möchte nicht nur drüber erzählen – sie möchte gerne zeigen, wie sie es schon etliche Male in den abgelegenen Dörfern in Westafrika praktiziert hat: Aufklären mit ihrem Schattentheater, sowohl über das Leid, als auch über das Verbot der weit verbreiteten Genitalverstümmelungen. Seit langem arbeitet sie mit diesem Medium, macht ohne Blut oder Schreie auf die unfassbaren Schmerzen von Kleinkindern, jungen Mädchen und Frauen aufmerksam.

Über Sexualität und Beschneidung zu reden ist oft ein großes Tabu –  nicht für Regina Fährmann. Oft hat die „Schattenspielerin“ erlebt, wie die Zuschauer im Dunkel der Aufführung zum ersten Mal von den medizinischen Zusammenhängen hören. Darunter Frauen, die die „Schnitte in Körper und Seele“ am eigenen Leib erlebt haben. Regina Fährmanns Schattentheater ist ein wohlbedachter Ansatz, die Menschen zum Nachdenken zu bewegen – besonders diejenigen, die noch immer an die Notwendigkeit dieses furchtbaren Brauchs glauben.

„Mit vergleichsweise wenig Geld kann in Afrika sehr viel erreicht werden“, weiß die Bad Bollerin. Seit 16 Jahren befasst sie sich mit Themen, die in ihrer Heimat Deutschland weit weg sind. Wie kam sie als Europäerin dazu? Wenn die 76-jährige zu erzählen beginnt, muss man ihr einfach zuhören. Es ist die Kraft und der eiserne  Wille, etwas zu tun, der mit jedem Satz aus dem Körper der zierlichen Frau herausströmt.

1942 in Wien geboren, floh sie gerade mal drei Jahre alt mit ihren Eltern rund 300 Kilometer zu Fuß zum Wörthersee. 1950 ging’s von Tirol nach Frankfurt am Main. Nach dem Abitur 1963 studierte sie in der Meisterklasse der „Beaux Arts“ in Paris, dann an der Goethe Universität Frankfurt. Regina Fährmann entschied sich für die „Frankfurter Schule“, eine Gruppe von Philosophen und Wissenschaftlern, die an die Theorien von Hegel, Marx und Freud anknüpfte. Nach dem Tod ihres Bruders absolvierte sie mit 27 Jahren ein Lehramtsstudium.

Richtig begonnen hat es mit dem Schattentheater vor 35 Jahren, ab 1983 entwickelte die vielseitig Interessierte mit einer Elterngruppe Aufführungen an der Waldorfschule Nürtingen, im Umkreis von Esslingen und Göppingen sowie auf Festivals in Tschechien und Österreich. Nach vielfältiger Berufstätigkeit als Lehrerin, Heilpädagogin und Altenpflegerin musste sie 1991 wegen einer schweren Polyarthritis aufhören.

2001 reiste Regina Fährmann auf Einladung afrikanischer Puppenspieler-Gruppen nach Burkina Faso und Mali. Im Folgejahr kam die Künstlerin im Rahmen eines Kulturaustausches abermals nach Westafrika und faszinierte die Menschen mit europäischen Märchen, die sie als Schattentheater aufführte. Daraufhin wurde sie gebeten, mit dieser besonderen Ausdrucksform Aids-Aufklärung zu betreiben. Monate später kehrte sie zurück und studierte das Aids-Aufklärungs-Stück „La chance dans le malheur – Glück im Unglück“ ein.

„Das Leben im afrikanischen Dorf, das intensive Proben, der Austausch auf Augenhöhe und die Wirkung dieser Arbeit waren für mich ein sehr beglückendes Erlebnis“, erinnert sich die Seniorin. Sie gründete einen Förderkreis und begann, etwa drei Monate im Jahr in Burkina Faso zu arbeiten und dort weitere Gruppen zu gründen und finanzieren.

Kurz darauf wünschte sich die für die „FGM-Aufklärung – Female Genital Mutilation“ zuständige Afrikanerin eine Schattentheaterstück zur Beschneidung von Mädchen und Frauen. Regina Fährmann zögerte: „Ich fühlte mich als Europäerin für diese heikle Aufgabe nicht kompetent genug.“ In Zusammenarbeit einer von „Terre des Femmes“  unterstützten afrikanischen Initiative entwickelte sie gemeinsam mit Betroffenen die Geschichte von „Mariam“: Als kleines Kind beschnitten, verliert die junge Frau ihr erstes Kind bei der Geburt, schwört nach großer Trauer, gemeinsam mit ihrem Mann gegen diese Tradition anzukämpfen. Bislang hat die unermüdliche Aktivistin sieben Gruppen angeleitet, drei davon können mittlerweile eigenständig auf Tournee gehen.

Bis 2017 war sie mitunter  acht Monate in Afrika und organisierte jeweils um die 80 Schattenspiele mit anschließenden Gesprächen. Ihre Erfahrungen hat sie in einem Stapel Tagebücher festgehalten. „Das ist für mich eine sehr reiche Zeit gewesen.“

Porträtreihe über starke  Frauen im Landkreis

Jubiläum 2018 feiert der Landkreis 80. Geburtstag, das  Frauenwahlrecht wird 100 Jahre alt. Die NWZ veröffentlicht aus diesem Anlass die Reihe „Starke  Frauen“, die oft im Verborgenen Großartiges leisten.

Vorgestellt wurden: Theresia Nuding, Ilse Birzele, Barbara Küpper, Susanne Weißkopf, Caroline Märklin, Lena Urbaniak, Claudia A. Schlürmann, Angeline Fischer, Margret Hofheinz- Döring, Marga Lorch, Renate Mutschler, Birgit Göser, Gabriele von Trauchburg, Claudia Leber, Helene Mühlhäuser, Emilie Eisele, Pia Schäfer-Mayer, Margret Keller- Rehm, Marianne Rasch, Melanie Schulze, Sandra Skutta, Elnora Hummel, Elisabeth Sigmund, Friederike Wackler, Astrid Vöhringer, Gudrun Lamparter, Anna von Sprewitz, Susanne Gieler-Breßmer, Anneliese Hermes, Vera-Maria Schäfer, Elke Keller, Mareile Beigelbeck, Andrea Staudenmaier, Hilde Huber, Marianne Fuchs, Brigitte Dursch, Caroline Niklaus, Sevgi Aslanboga, Ulla Biskup, Carmen Weiß, Vanessa Tolksdorf, Claudia Liebenau- Meyer, Tanita Kafka.

Kooperation Die Serie erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises, Lidwine Reustle, dem Kreisfrauenrat und der Geislinger Zeitung.

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