Leitartikel Ruben Wolff: „Missbrauch der Wahrheit“

Kreis Göppingen / Ruben Wolff 13.04.2018
Sie sagen, sie hätten den Mut zur Wahrheit, doch tatsächlich missbrauchen viele AfD-Politiker die Wahrheit. Das darf nicht toleriert werden.

Der Göppinger AfD-Politiker Sandro Scheer sagt, er bereue die Falschmeldung, die er über Facebook verbreitet hat. Mag sein, dass er es jetzt ernst meint, aber er ist nicht zum ersten Mal „auf der Maus ausgerutscht“. Zudem passt es in das Schema seiner Partei: Provozieren, dann relativieren. Die Reue verbreitet sich im Netz nicht so schnell wie ein Vorwurf.

Es ist seit Jahren die Taktik vieler AfD-Politiker, diese Tatsache auszunutzen. Sie legen ein Feuer und hoffen auf einen ­virtuellen Flächenbrand. Stehen sie dann in der verkohlten Digital-Welt, relativieren sie die eigene Schuld. Folgen aber hat es. Opfer gibt es.

Es ist das Martialische ihrer Rhetorik, das viele ihre Anhänger so anzieht: Ein Deutschland, das vor dem Ende steht, eine sogenannte kulturelle Identität, die verloren geht – dies scheint Rechtfertigung zu sein, zu beleidigen, zu verhöhnen, Unwahrheiten zu verbreiten. Es ist ein beliebtes Missverständnis zu glauben, sich rächen zu dürfen, wenn jemandem tatsächlich oder vermeintlich etwas genommen wird. Die Rechten fürchten einen Verlust ihrer deutschen Identität. Sie sehen ihn sogar schon. Für wie schwach halten sie die moderne deutsche Kultur, dass sie sich zurückdrängen lässt, wenn es um tiefe Überzeugungen geht?

Sich Menschen anderer Kulturen zu öffnen, ihnen hier eine neue Heimat zu geben, ist etwas völlig anderes als sich ihnen auszuliefern. Menschen verändern einander gegenseitig. Sie werden geprägt von der Kultur, in der sie leben – und sie erschaffen daraus etwas Neues. Hat der Deutsche der Aufklärung das gleiche Bewusstsein wie der heutige Deutsche? Kann das überhaupt pauschalisiert werden? Sogenannte deutsche Identitäten haben sich schon immer gewandelt; ihnen also ein Sein zuzusprechen, ist willkürlich.

Die AfD-Politiker sagen, sie hätten den Mut zur Wahrheit, und doch begehen viele von ihnen reihenweise Missbrauch an ihr. Sie setzen auf Verdächtigungen und Misstrauen, denn so lässt sich ein Feuer am besten legen. Sie sagen, sie bemühen sich um ein moralisches Miteinander, frei von Gewalt, und dennoch grenzen sie aus, verhöhnen und verspotten. Sie ziehen sich in die Opferrolle zurück. Das ist ihre Rechtfertigung, aber wo ist hier die Moral?

Es stimmt sicher, dass nicht jeder AfD-Wähler eine rechte Gesinnung hat. Es stimmt sicher, dass sich unter AfD-Wählern gute Menschen befinden, aber diese sollten sich überlegen, ob in der AfD tatsächlich die Wahrheit liegt, die wir ­brauchen, um dieses Land wirklich voranzubringen.