Ein spannender Streifzug durch die Geschichte des Filstals und keine öde Museumstour soll es werden, wenn man sich (am besten mit dem Rad) auf die Route der Industriekultur im Filstal begibt. Das wünschte sich der Vorsitzende des Verbands Region Stuttgart, Thomas S. Bopp, als er jetzt in Kuchen zusammen mit Vertretern des Landesdenkmalamtes das 500.000 Euro teure Projekt einweihte. Es ist Teil des Masterplans Filstal und die EU hat es mit 260.000 Euro gefördert, weil sie Anregungen für ähnliche Vorhaben sammeln wollte. Von der Papierfabrik Josef Lang am Filsursprung bei Wiesensteig bis zur ehemaligen Spinnerei Otto in Plochingen geht die gut 70 Kilometer lange Strecke, die zu Mühlen, Fabrikantenvillen und alten wie neuen Firmen führt. "Geschichte kann und muss hier lebendig bleiben", bestätigte Kuchens Bürgermeister Bernd Rößner, der das sommerliche Fest mit 130 Gästen in einem Zelt auf dem SBI-Festplatz mit einem Grußwort eröffnete.

Im Filstal habe es viele Jahrhunderte lang nur Landwirtschaft gegeben, erklärte Thomas Bopp. Den Anstoß zur Industrialisierung habe zweifellos die Hungersnot von 1816 gegeben, dem "Jahr ohne Sommer". Sie habe die maschinelle Produktion von Waren angeregt. Eine spannende Frage sei dabei immer gewesen, woher die Energie kommt. Im Filstal habe es nahegelegen, die Wasserkraft zu nutzen. Mühlen habe es hier schon lange gegeben, in Kuchen auch zahlreiche Hausweber. Der Schweizer Unternehmer Arnold Staub führte 1857 in seiner Baumwollspinnerei und -weberei alles zusammen. 1858 liefen hier schon 460 Webstühle - die Energie kam über ein besonderes Transmissionssystem von der vorbeifließenden Fils. Später hätten die Firmen andere Energieträger favorisiert, mittlerweile gebe es im Filstal aber wieder viele Wasserkraftwerke. "Der Wandel ist ein wesentlicher Bestandteil der Industriegeschichte", erklärte Bopp.

Landrat Edgar Wolff verwies darauf, dass der Bau der Eisenbahnlinie Mitte des 19. Jahrhunderts "der Region ein ungeahntes Wachstum beschert" habe. 50 Jahre später habe es an der Fils bereits um die 100 Firmen gegeben. Der nächste bedeutende Impuls müsse von der weitergebauten B 10 kommen.

Der Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Göppingen Peter Saile hob hervor, wie gut die Wirtschaft im Filstal den Strukturwandel schon früher bewältigt habe, indem sie sich nicht gegen ihn stemmte, sondern ihn für sich nutzte. So führe die Route der Industriekultur nicht nur ins Gestern, sie schaffe mit Firmenbesichtigungen und Fabrikverkäufen auch die Verknüpfung zum Heute. "Wir müssen uns immer ändern, damit es funktioniert", erklärte Regionaldirektorin Nicola Schelling. Allerdings müssten die politischen Rahmenbedingungen stimmen, meinte Edith Strassacker von der Kunstgießerei Strassacker in Süßen. Im Kreis Göppingen sei das der Fall (heute vielleicht noch mehr als vor 40 Jahren), am anderen Strassacker-Standort in Frankreich allerdings weniger.

"Zukunft braucht Herkunft", betonte Staatssekretär Peter Hofelich, der aus Eybach stammt und, wie er sagte, "im Schatten von Schachenmayr in Salach aufgewachsen" ist. Er forderte die Betriebe auf, die Zeugen ihrer Vergangenheit zu erhalten. Es sei allerdings nicht damit getan, Bauwerke einfach als Denkmal stehen zu lassen, fügte der Präsident des Landesamts für Denkmalpflege Claus Wolf hinzu. Sie müssten für etwas Neues genutzt werden, wenn sie fortbestehen sollen. Eine der nächsten großen Aufgaben seiner Behörde sei der Albaufstieg der Autobahn: Was macht man mit den Brücken und Viadukten der 1930er Jahre, wenn die neue Autobahn da ist?

Auf der Route der Industriekultur soll die Einweihung nicht den Schlusspunkt gesetzt haben. Wie Regionaldirektorin Schelling sagte, wollen etliche der 16 beteiligten Kommunen nun mit eigenen Touren anknüpfen. Außerdem hat der Verband Region Stuttgart einen 112-seitigen Reiseführer mit Spiralbindung herausgegeben, in dem alle Stationen beschrieben sind.

Infos www.industriekultur-filstal.de