Wiesensteig Rosenmontagsumzug ohne bösartige Scherze

HARTMUT ALEXY 17.02.2015
Zwei Stunden hat der Rosenmontagsumzug in Wiesensteig gedauert. In knapp 70 Gruppen bewegten sich annähernd 1700 Mitwirkende durch das Städtle - bunt und ganz entspannt.

Isolde Mack, eine freundliche alte Dame von 71 Jahren, ist mit ihrer Nichte und deren Familie eigens aus Weilheim unter Teck nach Wiesensteig gekommen. Beim Rosenmontagsumzug sollen erstmals die Weilheimer Ross-Mugga mitlaufen, und das will sie nun fotografieren. Sie kennt die Gruppe von daheim und hat auch Bekannte in Wiesensteig - da ist das doch eine schöne Gelegenheit zu einem Besuch, findet sie.

Das Faltblatt mit dem Programm zählt knapp 70 teilnehmende Gruppen auf; die Weilheimer Ross-Mugga hat Isolde Mack darauf noch nicht entdeckt. Sie werden wohl erst zum Schluss kommen. So steht sie nun in der Hauptstraße vor dem Rathaus, gleich gegenüber vom Lautsprecherwagen, und wartet.

Weiter unten, vor dem Schloss, setzt sich der Zug kurz nach 14 Uhr in Bewegung. Sabine Ligmann-Serig und Matthias Wiedmann kommentieren hier das Geschehen von einem weiteren Lautsprecherwagen aus, weiter oben in der Hauptstraße sind es Dieter Ligmann und Heike Pickel. Der Narrenbüttel schwingt seine Schelle und schreitet voran, Sabine Ligmann-Serig ist mit dem Publikum aber noch nicht ganz zufrieden: "Leut, klatschet a bissle mit!"

Wie der Narrenruf geht, wissen die Zuschauer jedenfalls schon: "Goißa raus - mäh, Hexa send - zäh, Narragruaß - bäh!" Beherzt stimmen sie in Ligmann-Serigs Ansage ein. Sie stehen dicht gedrängt vom "Brunnengarten" bis knapp unterhalb des Rathauses, erst dort lichtet sich die Reihe, weil die Hauptstraße enger und der Lautsprecher entsprechend lauter wird. Wie viele Menschen mögen das sein? Auf jeden Fall so viele wie im Vorjahr, vielleicht ein paar mehr. Die Sonne lacht den annähernd 1700 Narren im Zug diesmal gar zu schön.

Zwei Stunden dauert es, bis der bunte Umzug am Marktplatz angelangt ist. Und alle scheinen ihr Bestes zu geben. Die Guggenmusiker blasen in und hauen auf ihre Instrumente, dass es nur so kracht. Die Hermaringer Dorfhexa ("Schnaps nei - Sau raus") und die Narrenzunft Biberach bauen schöne Hexenpyramiden, die Forstberghexen Wangen laden zum Seilspringen ein und lassen Mädchen in ihrem Kessel rotieren. Die Berkheimer Waschweiber tauchen ihren Hudelwisch in den Bottich und spritzen damit die Umstehenden nass, die Reußensteindämonen lassen sich von Kindern die langen verfilzten Zotteln streicheln und die Deggner Leirakiebl färben ihren Opfern das Gesicht oder die Haare grün. Natürlich werfen sich die Hexen verschiedener Narrenzünfte wieder das eine oder andere Mädchen über die Schulter und tragen es ein Stück weit mit. Einen richtig bösartigen Scherz leistet sich aber niemand.

Vielleicht nicht ganz so üppig wie sonst sind diesmal die Mottowagen ausgefallen. Das meint zumindest Helmut Poloczek (75), der bis vor einem Jahr noch selbst diesen Rosenmontagsumzug kommentiert hat. Ein Bauwagen propagiert mit Hippies "Love, Peace und Vollgas", die Lammbrauerei Wiesensteig ist in Gestalt einer riesigen Bierkiste wieder auferstanden und der "Saunaclub Deggingen" gibt zu bedenken: "Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen." Oft aber dient der Festwagen als rollende Bar, so bei der "Comeback-Party" des TSV-Männerballetts. Die Lokomotive des Heimatvereins Mühlhausen fährt mächtig qualmend in den "Bahnstreik" und die Spitze der Fasnetsgesellschaft Wiesensteig bietet natürlich auch wieder ihre Festwagen auf. Ganz anders urteilt der Zuschauer Rainer Enrich (58): Ihm waren es eher zu viele Gruppen. Insgesamt habe ihm der Umzug aber gefallen, sagt er.

Isolde Mack muss vor dem Rathaus lange warten. Erst zehn Minuten vor vier tauchen "ihre" Weilheimer Ross-Mugga in der Ferne auf, sie hat sie gleich entdeckt. Und dann sind sie auch schon zum Grüßen nahe. Für ein Foto hat es nicht mehr gereicht.