Projekt Rimini Protokoll kommt nach Göppingen

Foto: David von Becker
Foto: David von Becker © Foto: David von Becker
Göppingen / Marcus Zecha 19.09.2018

Sie erklärten schon mal eine Daimler-Hauptversammlung zum Theaterstück und entwickelten begehbare Stasi-Hörspiele, in denen sie Observationsprotokolle per Android-Telefon abhörbar machten. Und fürs Schauspielhaus Hamburg inszenierten sie eine „Weltklimakonferenz“ als Simulation eines UN-Gipfels. Weltweit begeistert das Kollektiv Rimini Protokoll, das seine Stücke seit 2002 interaktiv in unterschiedlichen Besetzungen aufführt, Kritik und Besucher mit innovativen Projekten. Jetzt kommen Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel nach Göppingen.

Im Rahmen der Interkulturellen Wochen ist Rimini Protokoll vom 27. September bis 10. Oktober sieben Mal zum „Hausbesuch Europa“ in Göppingen und Faurndau. Im Gespräch mit der NWZ betonte Mitglied Daniel Wetzel den Reiz der Aufführungen: „15 Leute sitzen zusammen und lernen sich durch eine Art Gesellschaftsspiel zu Europa kennen.“ Das Besondere bei „Hausbesuch Europa“, das bereits gut 300 Mal in ganz Europa aufgeführt wurde und in Varianten auch in den USA, Russland und Brasilien gezeigt wird, ist, dass die Aufführungen in Privatwohnungen stattfinden. Die 15 Personen werden Teil einer Inszenierung, die um das politische, geografische und historische Europa kreist.

Zuvor stellt Wetzel am nächsten Samstag ab 18 Uhr die Arbeit der Gruppe im Gespräch mit Werner Meyer in der Kunsthalle Göppingen vor und beantwortet Fragen. Aufführungstermine in Göppingen sind am 27. September ab 20 Uhr, am 2./3. Oktober, 20 Uhr, 6./7. Oktober, 16 Uhr, sowie 9./10. Oktober, 20 Uhr, in Wohnungen im Stadtgebiet Göppingen und im Haier. Die genaue Adresse erfahren Besucher auf ihrem Ticket. Diese gibt es nur im Vorverkauf in der Kunsthalle Göppingen und beim i-Punkt im Rathaus. Fragen und Kontakt: Tel. 0157 87 52 09 45.

Zahlreiche Preise

Mit „Schwarzenbergplatz“ wurde Rimini Protokoll im Jahr 2005 für den Österreichischen Theaterpreis Nestroy nominiert. Das Projekt „Karl Marx: Das Kapital. Erster Band“ gewann 2007 sowohl den Publikumspreis als auch den Mülheimer Dramatiker Preis. 2011 erhielt das Gesamtwerk von Rimini Protokoll den Silbernen Löwen der 41. Theaterbiennale Venedig, mit dem Stück „Situation Rooms“ wurde das Kollektiv 2014 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Marcus Zecha

Nachgefragt bei Daniel Wetzel von Rimini Protokoll

Wie kamen Sie auf den Namen Rimini Protokoll?
Daniel Wetzel
: Wir waren vier Künstler mit eigenen Projekten, eigentlich keine Gruppe. Zusammen haben wir neue Theaterformen erarbeitet, etwa das Expertentheater, das inzwischen ein eigenes Genre ist. Da lag Protokoll im Namen nahe. Kyoto-Protokoll gab’s schon, und Rimini Protokoll klang auch schöner.

Wolfgang Thierse hat Ihnen 2002 Hausverbot für den Bonner Plenarsaal erteilt, weil er um die Würde des Bundestags fürchtete. Hat Sie das enttäuscht?
Enttäuscht hat uns, dass er als Parlamentspräsident in Unkenntnis des Projekts entschied. Letztlich ist er einem Missverständnis aufgesessen, da er dachte, dass Christoph Schlingensief dahinter steckte. Unser Konzept war aber weder sarkastisch noch persiflierend. Leider revidieren Politiker einmal gemachte Fehler in der Regel nicht.

Sind die Göppinger Auftritte für Sie etwas Besonderes?
Ja, schon. Ich lebe in Athen, bin aber ein Göppinger, wenn auch ein „nei­gschmeckter“. Nächste Woche werde ich mit meinem Bruder Valentin proben, der neben einem Fulltime-Job monatelang die Auftritte geplant hat. maz

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel