Spätestens seit Anfang des Jahres Patienten in der Klinik am Eichert an einem gefährlichen Keim erkrankt waren, ist die Brisanz multiresistenter Erreger auch im Kreis Göppingen erneut ins Bewusstsein gerückt. Denn die Keime können bei ohnehin geschwächten Menschen lebensgefährlich werden. Und auch in Zukunft ist angesichts immer neuer Antibiotikaresistenzen keine Lösung in Sicht.

Wegen dieser alarmierenden Entwicklung hat die Göppinger SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens am Dienstagabend zu einer Expertenrunde in die Stadthalle in Göppingen geladen. Es gehe darum, „den Resistenzen weltweit Herr zu werden – auch vor Ort“, machte Baehrens, die im Bundestag Mitglied des Gesundheitsausschusses ist, deutlich. Bei den Besuchern stieß das Thema auf großes Interesse, so dass im vollen Märklinsaal kein Platz unbesetzt blieb. Als Referenten konnte Baehrens den Mikrobiologen Andreas Peschel gewinnen, der am Tübinger Institut für Infektionsmedizin resistente Keime erforscht.

Der Experte machte dem Göppinger Publikum wenig Hoffnung auf einfache Lösungen. „Wir müssen die richtigen Paradigmenwechsel einleiten“, betonte Peschel und verwies auf die Generationenaufgabe, neue Maßnahmen zu entwickeln. Heute stehe man trotz einer „Erfolgsgeschichte gegen Infektionen“ in der Vergangenheit vor neuen Herausforderungen: Während im Moment jedes Jahr rund 700 000 Menschen weltweit an resistenten Erregern sterben, rechnen manche Wissenschaftler mit zehn Millionen Todesfällen im Jahr 2050. Umso bedeutsamer sei es, auch auf lokaler Ebene gegenzusteuern. „Es wird möglich sein, in den nächsten 20 Jahren ein großes Stück weiterzukommen“, meinte der Experte.

Über die medizinische Forschung hinaus komme es dabei aber zuvorderst auf gesellschaftliche und politische Weichenstellungen an. Eine große Herausforderung sei etwa der Kostendruck im Gesundheitswesen, denn strengere Hygiene brauche mehr Personal und Schulungen. Außerdem habe die Pharmaindustrie ihre Antibiotikaforschung deutlich heruntergefahren, da neue, seltene Antibiotika ökonomisch wenig Profit versprechen. „Ein gesunder Patient ist ein schlechter Kunde“, sagte Peschel. An die Politik richtete der Tübinger Professor den Wunsch, für die Forschung in diesem Bereich mehr Planungssicherheit – und damit langfristige Finanzierungszusagen – zu erhalten. Nur so sei es im Ansatz möglich, an Universitäten die ausbleibende Forschungsarbeit der Pharmabranche auszugleichen. Auch niedrigere Hürden für klinische Studien und eine direkte Förderung durch Steuergeld wären wichtige Neuerungen. Diese Forschung sei wichtiger denn je, erläuterte Klinik-Hygieniker Matthias Orth vom Marienhospital Stuttgart, denn die „Übertragungswege von Keimen sind hochkomplex“. Bis heute gebe es keine verbindliche Hygiene-Richtlinie für Kliniken zu resistenten Keimen. Viele Menschen trügen bereits Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) in sich, die für gesunde Personen zunächst nicht schädlich sind. Diese VRE-Keime könne man sich auch beim Spazieren über eine gedüngte Wiese einfangen – das Problem geht also weit über den klinischen Bereich hinaus.

Bei den Alb-Fils-Kliniken ist man dennoch davon überzeugt, dem Problem mit strengeren Hygiene-Maßnahmen beizukommen. Diese habe man zuletzt mit neuen und noch intensiveren Maßgaben deutlich verstärkt, betonte Pflegedirektorin Margit Hudelmaier. Zudem werde jeder Patient bei der Aufnahme in die Klinik auf den VRE-Keim getestet, erklärte Martin Bommer, Chefarzt für Infektiologie in der Klinik am Eichert. Positiv getestete Patienten kommen dann in ein Einzelzimmer und unterliegen deutlich höheren Hygiene-Anforderungen. Von über 400 stationären Patienten seien in der Klinik jüngst 31 positiv auf VRE getestet worden.

Der Vorsitzende der Göppinger Kreisärzteschaft, Frank Genske, wies auf die notwendige Zusammenarbeit zur Bekämpfung der Keime hin. Dabei gehe es auch darum, Patienten nicht allzu schnell Antibiotika zu verschreiben. „Ärzte müssen für das Nicht-Verschreiben Zeit haben und es den Patienten erklären. Das ist manchmal schwer zu leisten“, meinte der Mediziner. Auch sei es sinnvoll, VRE-Tests bereits beim Hausarzt vor einem Klinik-Aufenthalt durchzuführen. Über die Kosten würde derzeit noch mit den Krankenkassen verhandelt. Man dürfe resistente Keime nicht bagatellisieren – aber auch nicht dramatisieren, so Genske. Vor allem aber dürften Betroffene nicht stigmatisiert werden, waren sich die Experten einig.