Wiesensteig Jäger als Pfleger des Waldes

Wildschweine haben bei der Nahrungssuche eine Wiese umgedreht.
Wildschweine haben bei der Nahrungssuche eine Wiese umgedreht. © Foto: Jochen Horndasch
Wiesensteig / Von Jochen Horndasch 07.09.2018
Ein Jäger schießt nicht nur. Dass er das Wild in seinem Revier viel mehr hegt und pflegt, erfuhren die Teilnehmer jetzt beim Sommer der Verführungen.

Nur 20 Prozent meiner gesamten Zeit im Revier sitze ich mit dem Gewehr bewaffnet auf dem Jägerstand“, sagt Wolfgang Hauser, der auf Wiesensteiger Gemarkung ein 500 Hektar großes Jagdgebiet betreut. Die meiste Zeit sei er mit der Hege und Pflege von Tier- und Pflanzenwelt beschäftigt, betont der passionierte Jäger.

Dass dies kein Jägerlatein, sondern Wirklichkeit ist, davon konnten sich am Montagnachmittag 30 Naturliebhaber überzeugen, die allerdings konditionsstark und gut zu Fuß sein mussten. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Sommer der Ver-Führungen“ hatten sie einen strammen, knapp fünfstündigen Marsch durch Hausers Revier gebucht. Erst anschließend ging‘s zum Wildessen im  Hotel Gasthof Selteltor in Wiesensteig.

Glücklicherweise startete die Wanderung nicht vom Treffpunkt am Hotel Selteltor aus. Die 200 Höhenmeter auf die Albhochfläche wurden mit Fahrgemeinschaften bequem im Auto überwunden. Doch dann wurde es ernst. Denn die Kondition des Jägers, der mit Stock und Hund voraus marschierte, sorgte beim ein oder anderen Gast für Schweißperlen. Hauser war in seiner gewohnten Umgebung, einem Revier, das zum großen Teil aus Wald und Grünflächen und wenig Ackerflächen besteht. Glück für ihn. Denn der Wildschaden, den insbesondere das Schwarzwild in Maisfeldern anrichtet, kann schnell vierstellig werden. „Zwischen 1200 bis 1500 Euro kostet ein verwüsteter Hektar Acker­land. Die sind schnell zusammen, wenn Wildschweine auf Nahrungssuche sind“, sagt Hauser. In seinem Revier vermutet er zwei Stammrotten: die eine mit 18 bis 22 Tieren, die andere Rotte schätzt Hauser auf 12 bis 15 Schweine. Doch dies dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass vagabundierende Borstentiere sein Gebiet aufsuchen, Schäden anrichten und die Bauern ihn anschließend zur Kasse bitten.

 „Eine Rotte kann bis zu 30 Kilometer am Tag zurücklegen“, weiß Hauser. Trotz der beachtlichen Mobilität bekommt man selten welche zu Gesicht: „Wildschweine sind normalerweise menschenscheu und verkriechen sich am Tag“, erläutert der Jäger. Sollte man allerdings versehentlich einem Wurfkessel, in dem die Frischlinge zwischen März bis Mai zur Welt kommen, zu nahe kommen, kann es gefährlich werden. „Die Bache verteidigt ihren Nachwuchs und ist wie der Keiler dabei nicht zimperlich“, warnt Hauser. Deshalb solle man während dieser Zeit im Wald lieber auf den Wegen bleiben und vor allem bei einer Begegnung der Dritten Art nicht wegrennen: „Alles, was rennt, ist bei Fleischfressern Beute und deshalb Nahrung.“

 Doch nicht nur die Schweine, die bis auf März und April das Jahr über gejagt werden dürfen, richten oft große Schäden an. Auch der Verbiss durch Rehwild ist für jeden Förster ein schmerzlicher Verlust, insbesondere wenn senkrechte Triebe von Ahorn, Eschen, Buchen und Nadelbäumen abgefressen werden. Sie beeinträchtigen das Wachstum der Bäume. Wird der Verbiss im Wald unvertretbar groß, werde im Normalfall  die Abschussquote erhöht, sagt der 59-Jährige. Doch Hauser betont, dass in seinem Revier alles in Ordnung sei. „30 bis 35 Rehe und Böcke werden jedes Jahr geschossen“.

Um den Wildverbiss vor allem im Winter in Grenzen zu halten, war die Zufütterung bis zur Änderung des Landesjagdgesetzes erlaubt. Die rot-grüne Landesregierung hat dieser Maßnahme einen Riegel vorgeschoben und erteilt nur in Ausnahmefällen eine Fütterungserlaubnis, die hohe Anforderung stellt. Auch Rehböcke sind für Schäden am Wald nicht ganz unschuldig. Um ihre absterbende Geweihhaut loszuwerden, suchen sie sich bevorzugt junge Bäume aus, an denen sie so lange mit ihrem Geweih reiben, bis die Haut von Ast oder Stamm abgeschabt ist. „Ein großflächiger Verlust der Rinde und ganzer Astpartien sind die Folge“, betont der Jäger, der selbst nach fünf Stunden ungebremst in seiner launig-gewitzten  Rede und Antwort steht.  Gleichgültig, ob es um den Jagdhund und dessen Ausbildung geht, um den Fuchs und seinen für Menschen gefährlichen Bandwurm, um die Unterschiede zwischen den inzwischen verbotenen Bleigeschossen im Vergleich zu den bleifreien oder um die Hege und Pflege von Wild­äckern – der 59-Jährige bleibt keine Antwort schuldig. Hauser überzeugt als kompetenter Gesprächspartner in Sachen Jagd.

Bei so viel Infos und zurückgelegten Kilometern war die Einkehr im Hotel Gasthof Selteltor in Wiesensteig dann auch wohlverdient. Dort erwartete die Gäste dem Anlass entsprechend ein schmackhaftes Drei-Gänge-Wildmenü.

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