Eschenbach Rätselhafte Häufung von Kinderkrebs in Eschenbach

Die Einwohner von Eschenbach sollen bald über die rätselhafte Häufung bei Kinderkrebs-Erkrankungen informiert werden.
Die Einwohner von Eschenbach sollen bald über die rätselhafte Häufung bei Kinderkrebs-Erkrankungen informiert werden. © Foto: Staufenpress
Eschenbach / Dirk Hülser 11.10.2018
Bürgermeister Schubert äußert sich erstmals zur Häufung von Kinderkrebs und ruft zur Demo gegen den Müllofen am Freitag auf.

Erstmals hat sich Eschenbachs Bürgermeister Thomas Schubert öffentlich zu der überdurchschnittlich hohen Zahl von Kinderkrebs-Fällen in der Voralbgemeinde ge­äußert. „Voraussichtlich im Laufe des Novembers“ soll die Öffentlichkeit über Untersuchungsergebnisse aus den vergangenen Jahren, „weitere Überlegungen und Vorgehensweisen“ informiert werden. In seinem zweiseitigen Schreiben ruft der Bürgermeister die Eschenbacher auch dazu auf, Freitag in Göppingen gegen die geplante Kapazitätserweiterung des Göppinger Müllheizkraftwerks zu demonstrieren.

Vier Kinder sind seit 2008 in Eschenbach an Krebs oder Leukämie erkrankt, statistisch zu erwarten wäre aber nur ein Fall alle 18 Jahre. Damit belegt die 2200-Einwohner-Gemeinde unter 11 000 Kommunen in Deutschland die Plätze 178 und 172. Zudem, dies machte die Epidemiologin Professor Iris Zölllner vom Regierungspräsidium bei einer Infoveranstaltung in Göppingen deutlich, liege die Wahrscheinlichkeit, dass die höheren Fallzahlen kein Zufall sind, bei 72 Prozent.

Doch wo kommt die Häufung her, wenn sie mutmaßlich kein Zufall ist? Die Untersuchungen von Kita, Schule und Trinkwasser hätten keine Belastungen gezeigt, heißt es aus dem Landesge­sundheitsamt. Der Leiter des Deutschen Kinderkrebsregisters an der Universität Mainz, Dr. ­Peter Kaatsch, hat zwar die Zahlen parat, kann aber zur möglichen Ursache nichts sagen. Er meint, dass Eschenbach zwar statistisch auffalle, dennoch gelte: „Es gibt sicher deutlich auffälligere Konstellationen in der Republik.“

In der kommenden Woche, am 16. Oktober, soll der Gemeinderat in nichtöffentlicher Sitzung über die Thematik informiert werden. „Doch eines kann vorweg gesagt werden“, schreibt Bürgermeister Schubert: „Bislang ohne jedes greifbare Ergebnis oder zu ziehende Konsequenzen, hatten sich Gemeindeverwaltung und -rat in der Vergangenheit bewusst für den ,stillen Weg’ entschieden – um genau dies zu vermeiden, was nun durch (voreilige?) Presseveröffentlichungen geschehen ist: Dass die Gemeinde vorschnell einen Stempel verpasst bekommt, obwohl keinerlei weitergehenden Erkenntnisse vorliegen oder gar Schlüsse zu ziehen wären.“

Gemeinderat Eberhard Mühlhäuser von der Freien Wählervereinigung will nun den 16. Oktober abwarten. „Ich weiß nicht, ob es neue Erkenntnisse gibt.“ Er berichtet, dass in den vergangenen Jahrzehnten zehn Kinder im Ort beerdigt worden seien, die meisten seien an Krebs oder Leukämie gestorben, momentan wisse er von drei Fällen. „Das ist schon eine andere Betroffenheit, als wenn ein 90-Jähriger stirbt“, meint er. „Aber wir haben uns seither zurückgehalten mit Äußerungen, weil wir einfach nicht genug wissen.“

Es ist kein Zufall, dass Schubert die Bevölkerung für Freitag zum Demonstrieren aufgerufen hat, liegt die Gemeinde doch unmittelbar südöstlich des Müllofens. Er und sein Gemeinderat haben sich bereits im August vergangenen Jahres öffentlich gegen die Vertragsverlängerung mit dem Betreiber EEW und dem damit verbundenen höheren Durchsatz positioniert. Mit Blick auf die Krebsproblematik in seiner Gemeinde fragt der Rathauschef: „Was hat dies alles nun mit dem Müllheizkraftwerk zu tun?“

Was ist der Auslöser?

Schubert beantwortet die Frage gleich selbst: „Aus Sicht der Betreiber rein gar nichts, und auch aus Gemeindesicht sind Relativierungen angezeigt: Nie haben wir deshalb behauptet, das Müllheizkraftwerk wäre Auslöser für Erkrankungen in unserer Gemeinde. Sonst müssten nämlich diejenigen Gemeinden, die übers Jahr die meiste MHKW-Abluft abbekommen, doch eigentlich stärker betroffen sein.“

Die Einhaltung von Grenzwerten sei das eine, schreibt Schubert, „neue Erkenntnisse in der Zukunft das andere“. Er folgert daraus: „Deshalb gebietet es aus unserer Sicht allein das Vorsorgeprinzip, dass auch beim Müllheizkraftwerk alles getan wird, um höhere Schadstoffausstöße zu vermeiden und das Heft des Handelns wieder in kommunale Hände zu nehmen.“

Der Bürgermeister von Eschenbach gehört auch zu den Rednern bei der Kundgebung, die am Freitag um 11.45 Uhr auf dem Göppinger Marktplatz beginnt. Für den Eschenbacher Gemeinderat Mühlhäuser ist klar: „Für mich ist das ein Pflichttermin, ich gehe davon aus, dass alle unsere Gemeinderäte kommen werden.“

Doch Schubert ruft nicht nur zur Demo auf: Auch zur Kreistagssitzung, die um 14 Uhr auf Schloss Filseck beginnt, sollen „möglichst viele besorgte Bürger aus dem ganzen Landkreis erscheinen und mit ihrem Kommen ihre Protesthaltung gegen die beabsichtigte Entwicklung zum Ausdruck bringen“. Der Tagesordnungspunkt Müllheizkraftwerk ist gegen 16.50 Uhr angesetzt.

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