Kreis Göppingen / Dirk Hülser  Uhr
Ein 49-Jähriger wird vom Amtsgericht verurteilt, weil er in einem Hotel seine Ex-Freundin geschlagen hat. Er bezichtigt die Finanzbeamtin der Prostitution.

War der Angeklagte einer Hobby-Prostituierten aufgesessen, die ihn ausnahm wie eine Weihnachtsgans? Oder war es vielmehr so, dass er einfach eine gute Seele ist und seiner Freundin immer wieder gerne bei finanziellen Engpässen half? Diese Fragen konnten vor dem Amtsgericht Göppingen letztlich nicht abschließend geklärt werden. Dafür war unstrittig, dass die Beziehung des Paars damit endete, dass die Frau im Januar 2018 blutend vor einem Hotel in der Göppinger Innenstadt stand. Für den 49-jährigen Angeklagten heißt das, dass er nun wegen gefährlicher Körperverletzung rechtskräftig zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt ist.

Haarsträubende Geschichte

Die Geschichte, die der gelernte Gartenbauer den Prozessbeteiligten erzählte, klingt streckenweise haarsträubend. Über eine Zeitungsanzeige habe er die Frau 2016 kennengelernt. Sie arbeitet im Finanzamt Göppingen, wohnt in einer Umlandgemeinde. Im zweiten Halbjahr 2016 waren die beiden ein Paar. „Sie sagte schon damals, sie habe Kinder und sei verschuldet“, berichtete der Mann aus einer Kreisgemeinde.

Immer wieder sei es ums Geld gegangen, auch nach dem Ende der Beziehung. „Sie hat Schluss gemacht und gesagt, wir könnten weiterhin Sex haben, gegen Bezahlung.“ Die Frau, die auch als Nebenklägerin auftrat, räumte ein, dass es auch später noch „unregelmäßig Sex“ gegeben habe. Sieben Mal habe er das Angebot ausgenutzt, berichtete der Angeklagte. Geld sei unter anderem geflossen für die Firmung eines Kindes, das Schullandheim, einen Autokredit. „Sie wollte immer mehr Geld und drohte, sich sonst weiter zu prostituieren.“ Per Zeitungsannonce habe er einen Mann gefunden, der auch von der Frau ausgenommen worden sei.

Kurioses Treffen

Im Januar vergangenen Jahres schuldete die Frau dem Angeklagten 500 Euro – so kam es zum letzten Treffen des ehemaligen Paares in Göppingen. „Man hat sich für ein klärendes Gespräch kurioserweise in einem Hotelzimmer getroffen“, wunderte sich der Verteidiger des Angeklagten, Harald Stehr. „Ich wollte an diesem Abend einen Schlussstrich unter die Beziehung ziehen“, sagte die Frau. Außerdem wollte sie ihrem Ex-Partner einen Teil der ausstehenden 500 Euro zurückgeben. Sie habe ihm das Geld gegeben, daraufhin habe er ihr den Weg versperrt. „Das ging alles so schnell, dann habe ich eine Blumenvase auf den Kopf gekriegt.“ Schließlich sei der Mann mit beiden Füßen auf ihrem Brustkorb gestanden, dabei habe sie sich mehrere Rippen gebrochen.

Vase oder Stuhl als Tatwaffe?

Da wunderte sich dann der Staatsanwalt: „Einen Rippenbruch habe ich den Unterlagen nicht entnommen.“ Auch war fraglich, ob sich in dem Zimmer überhaupt eine Vase befand, schließlich schwenkte das Opfer auf die Version des Mannes ein: Sie sei gar nicht mit einer Vase, sondern mit einem Stuhl geschlagen worden.

Ganz anders die Version des Angeklagten: Er habe überhaupt nicht unvermittelt auf das Opfer eingeschlagen. Vielmehr habe die Frau erst gesagt, sie habe nun doch kein Geld dabei. Er selbst war zuvor auf der Bank gewesen und hatte 400 Euro abhoben, für Konzertkarten: Peter Maffay, Helene Fischer, Guns ’n’ Roses. Nachdem er auf der Toilette war, habe seine Ex gesagt, dass sie doch noch 120 Euro in ihren Taschen gefunden habe. Als er das Geld in seine Brieftasche, die auf einem Nachttisch lag, stecken wollte, bemerkte er, dass nur noch 280 anstatt 400 Euro darin waren.

Die Situation eskaliert

„Ich habe sie daraufhin festgehalten und sie hat mir meine Brille runtergeschlagen“, berichtete der 49-Jährige. Die Situation sei eskaliert, sie habe gedroht, auf den Gang zu rennen und zu schreien, dass er sie vergewaltigen wolle. Er habe sie dann mit dem Stuhl auf den Boden gedrückt. Ein Hotelgast, der den Lärm gehört hatte, alarmierte die Polizei.

Der Polizist, der zuerst am Tatort war, schilderte als Zeuge, wie er die Frau am Abend blutend vor dem Hotel vorfand. Ein Rettungswagen brachte sie in die Klinik, der Beamte klopfte mehrfach an der Zimmertür, bis der Tatverdächtige öffnete. „Ich bin auf ihn draufgesprungen, wir sind dann zusammen im Bett gelegen“, berichtete der Zeuge. „Im Zimmer waren überall Blutspritzer.“ Festgenommen wurde der Täter aber nicht: „Wir sind dann mit ihm so verblieben, dass er die Nacht über im Hotel bleibt.“

„Zum Zorn gereizt“

Sechs Monate auf Bewährung forderte der Staatsanwalt für den Mann, der keine Vorstrafen hat. „Blanke, rohe Gewalt“ habe er angewendet. Drei Monate seien genug, befand Anwalt Stehr, weil sein Mandant „zum Zorn gereizt“ worden und deshalb die Strafe zu mildern sei. Richterin Seda Dogac sah es anders: „Einen minderschweren Fall kann man nicht mehr annehmen“, sagte sie in ihrer Urteilsbegründung, schon allein wegen der erheblichen Verletzungen der Frau. Dem 49-Jährigen gab sie mit auf den Weg: „Ich denke, dass das Urteil für sie der Anlass sein sollte, mit der ganzen Geschichte abzuschließen.“