„Wir werden auf die Barrikaden gehen“, kündigte Klinik-Geschäftsführer Dr. Jörg Noetzel am Mittwoch an. Auslöser des Ärgers ist die geplante Krankenhausreform. Die Belegschaft und die Geschäftsführung der Alb-Fils-Kliniken demonstrierten an beiden Standorten den Schulterschluss. Gemeinsam traten sie am Mittag zur Protestaktion gegen die Reform an. Etwa 300 Mitarbeiter aus allen Abteilungen versammelten sich vor der Klinik am Eichert, 120 vor der Helfenstein-Klinik – als Teil einer bundesweiten Protestaktion der Gewerkschaft Verdi.

In den Händen hielten die protestierenden Mitarbeiter Schilder mit Ziffern zwischen 1 und 162000. Laut Verdi fehlen an deutschen Krankenhäusern 162 000 Stellen, heruntergerechnet auf den Kreis Göppingen bedeutet das einen Personalnotstand von 300 Vollzeitstellen. Deshalb verschickte die Gewerkschaft 162000 Nummernschilder an Krankenhäuser in ganz Deutschland. Um 13.25 Uhr versammelte sich das Krankenhauspersonal vor den Haupteingängen und hielt zehn Minuten lange die Nummernschilder hoch, von denen jedes eine fehlende Stelle repräsentieren sollte.

Auf den Stationen werde die Arbeit immer mehr verdichtet, berichteten protestierende Mitarbeiter vor der Klinik am Eichert. Es gehe aber nicht nur um ausreichend Personal und um ein angemessenes Gehalt, sagt beispielsweise der Intensivpfleger Manfred Höller. Vor allem müsse der Beruf wieder attraktiver werden, um die Nachwuchsprobleme zu lösen. „Die Politik soll endlich aufwachen.“

In Geislingen demonstrierten 120 Mitarbeiter aus allen Bereichen der Helfenstein-Klinik vor dem Krankenhaus - darunter Mitarbeiter des Hausdienstes und der Verwaltung, des Sozialdienstes und des Gütertransportes, Pflegekräfte und auch einige Ärzte.  "Wir brauchen finanzierte Stellen, damit wir unsere Patienten gut versorgen können", forderte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Ludwig Duschek. Das Problem des Personalmangels könne man nicht hier vor Ort lösen, sondern müsse in Berlin angegangen werden, betonte Duschek. Der Protest richte sich deswegen ausdrücklich nicht gegen die hiesige Geschäftsführung, sondern an die Adresse der Bundespolitik.

Der Personalabbau in der Helfenstein-Klinik sei ein eher schleichender Prozess, erklärte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende: Freigewordene Stellen kämen auf den Prüfstand und würden teilweise nicht mehr voll besetzt oder ganz gestrichen. "Wie in allen Kliniken in Deutschland", fügt er hinzu. Fehlt es an Stellen, bekommen es die Mitglieder aller 40 Berufsgruppen, die an der Helfenstein-Klinik vertreten sind, zu spüren.

Vor allem das Pflegepersonal belaste es auch auch psychisch, wenn nicht genügend Zeit für die Patienten bleibt, sagt Krankenhausseelsorger Volker Weiß. Wenn zum Beispiel eine Nachtschwester einem Sterbenden beistehen wolle, aber gleichzeitig auch für die Bedürfnisse aller anderen Patienten auf der Station zuständig ist. "Das Problem in der Krankenhausstruktur wird auf das Gewissen des Einzelnen abgeladen", findet der Pfarrer.

Auch der Krankenhausnachwuchs bekommt den Personalmangel teilweise schon zu spüren: "Auch wir leiden darunter", sagt etwa die Auszubildende Janina Maier. "Es bleibt weniger Zeit, um uns Dinge zu erklären und uns einzuweisen."

Das ständige "schnell, schnell" erschwert auch dem Reinigungspersonal die Arbeit. "Die hygienerelevanten Bereiche werden immer hygienisch gereinigt", betont Evelyn Ermlich, die Leiterin der Hauswirtschaft. Aber durch den zunehmenden Zeitdruck blieben eben manchmal ein Flur oder ein Umkleideraum auf der Strecke. "Dabei wollen wir alle Räume mit gutem Gewissen verlassen können", verdeutlicht sie. Das entlaste schließlich auch das übrige Personal.

Die große Politik nehmen auch die Chefs der Alb-Fils-Kliniken ins Visier. Der Kaufmännische Geschäftsführer Wolfgang Schmid erklärt die Ausgangslage: Die Krankenhäuser hängen seit Jahren am Tropf. Fast jede zweite Klinik schreibt rote Zahlen. Wenn die Reform durchkomme, würden sie vollends im Siechtum landen.

„Viel Sprengstoff an sehr vielen Stellen“

„Punktuelle Entlastungen“ identifiziert Jörg Noetzel zwar, die aber „in keinem Verhältnis zur finanziellen Unterversorgung“ stünden. Das Strukturgesetz ist ein bürokratisches Monster mit überwiegend negativen Effekten, glauben die Klinik-Chefs und die Betriebsräte. „Viel Sprengstoff an sehr vielen Stellen“, hat der Betriebsratsvorsitzende Max Radloff entdeckt. „Die Personalsituation ist völlig ausgereizt.“ Das gehe zu Lasten der 145 000 Patienten, die an den Kreiskliniken mittlerweile jährlich behandelt werden – Tendenz steigend.

Die wichtigsten Kritikpunkte: Das Pflege-Förderprogramm sei unzureichend, weil es für die Klinik am Eichert jedes Jahr nur etwa einen zusätzlichen Mitarbeiter in der Pflege bedeuten würde. Bei derzeit etwa 480 Pflege-Vollzeitstellen „ein kleiner Tropfen auf einen sehr heißen Stein“, so Radloff. Die Kliniken sollen sich daran auch noch mit zehn Prozent beteiligen, das könnten viele defizitären Häuser gar nicht leisten, sagt Geschäftsführer Schmid. Größtes Sorgenkind bleibe die „Tarifschere“: Die Lohnkosten steigen viel schneller als die Kostenerstattungen der Krankenkassen. Das mache allein für die beiden Standorte der Alb-Fils-Kliniken in diesem Jahr 1,1 Millionen Euro aus.

Kein gutes Haar lassen Schmid und Noetzel auch an weiteren „Brennpunkten“ im Gesetzentwurf: Der erst 2013 eingeführte Versorgungszuschlag soll wieder wegfallen, was die Alb-Fils-Kliniken eine weitere Million kosten würde. Noch eine Million kostet es, dass Abschläge bei Leistungszuwächsen kommen sollen.

In der ambulanten Notfallversorgung steigt die Zahl der behandelten Patienten kontinuierlich, dieser Bereich sei ebenfalls deutlich unterfinanziert, erklärte Schmid. Die angepeilten Verbesserungen finden die Krankenhäuser unzureichend. Sie wollen volle Kostendeckung für die Notfallbehandlung „wenn wir schon rund um die Uhr für die Menschen da sind“, so Noetzel.

Die finanzielle Ausstattung einer Klinik soll sich künftig auch nach der Qualität richten. Das sei jedoch sehr schwer zu messen, sagt Jörg Noetzel. Schon gar nicht passt den Kliniken, dass die Krankenkassen mit ihrem Medizinischen Dienst die Qualität kontrollieren sollen. Sie fordern eine neutrale Stelle als Kontrollinstanz. Schließlich ärgern sich die Klinik-Vertreter auch darüber, dass viel zu wenig Geld für Investitionen zur Verfügung stehe. Fazit von Wolfgang Schmid: „Die geplante Krankenhausreform gibt auf die großen Zukunftsfragen des Gesundheitswesen keine Antworten.“

Schon zum Jahresende soll die Reform kommen

Zeitplan: Das Bundeskabinett hat das Krankenhausstrukturgesetz beschlossen, am 10. Juli ist der erste Durchgang im Bundesrat geplant, zum Jahreswechsel soll es bereits in Kraft treten.

Reaktion: Die Göppinger Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens (SPD) reagierte am Mittwoch auf die Proteste: „Es ist wichtig, dass die Mitarbeiter auf die angespannte Situation in der Pflege in den Krankenhäusern hinweisen. Die Botschaft ist auch in der Politik angekommen“, so Baehrens in einer Pressemitteilung. Die SPD fordere deshalb eine Verdoppelung der Pflegeunterstützung in den kommenden drei Jahren.