Wohnzimmeratmosphäre Pointen statt Pauker

Sabine Ackermann 24.08.2018

Zugegeben – Bad Boller Bürgertreff klingt schon etwas angestaubt. Allerdings, unter diesem sperrigen Namen ist der etwas versteckt liegende Kulturkeller im Alten Schulhaus in Bad Bolls Mitte eh kaum bekannt. „BoB ist Kult“, verrät Michael Baron immer wieder gerne die Abkürzung. Mittlerweile längst kein Geheimtipp mehr, hat das „BoB“-Mitglied keinesfalls vergessen, dass man zu Beginn dem mit viel ehrenamtlichen Engagement aufgebauten Veranstaltungsort kaum Chancen eingeräumt hatte. Doch genau genommen sei es im Voralbgebiet seit Januar 2006 die einzige Möglichkeit, regelmäßig zwei- bis dreimal im Monat unterschiedliche Musikstile, launige Kleinkunstdarsteller oder vielfältige Ausstellungen hautnah zu erleben. Nach dem Motto, „Platz ist in der kleinsten Hütte“ kann der circa 76 Quadratmeter große Kellerraum für nur maximal 60 Personen bestuhlt werden – weitere 30 bis 40 Gäste können die jeweilige Darbietung im Stehen genießen. Doch gerade diese „Wohnzimmeratmosphäre und die Nähe zu den Künstlern“ machten das Besondere aus, das bekommt das etwa 15-köpfige ehrenamtliche Schaffer-Team immer wieder zu hören.

Berührungsängste – ein Fremdwort im „BoB“. Je nach Veranstaltung ist die Freifläche in unmittelbarer Nähe zu den Akteuren mit Stehtischen und,  falls genügend Platz vorhanden, mit dazu passenden Stühlen versehen oder wird zum Tanzen genutzt. Was beim Betreten des Raumes sofort ins Auge sticht, ist der von einem Göppinger Möbelhaus gesponserte erhöhte Sitzbereich – eigens für die Zuschauer.

Auf einem etwa 30 Zentimeter hohen Laminat-Podest  verteilen sich fünf runde Tische mit je vier bequemen Stühlen, ganz am Ende lädt ein Ledersofa zum kollektiven Lümmeln ein. „Wir haben bei der Renovierung so ganz bewusst den Besucher- und Künstlerbereich etwas abgetrennt“, verrät Michael Baron. Nichtsdestotrotz, liegt seit kurzem auf den rotbraunen Steinfliesen ein etwa fünf Quadratmeter großer kurzfloriger Teppich als imaginäre Bühne. Kleingemustert und überwiegend in Rottönen gehalten, symbolisiert das von einem „BoB“-Mitglied ausgemusterte Knüpfwerk das Refugium der musikalischen oder witzigen Akteure. Die meisten Künstler waren schon mehrmals in Bad Boll.

Darüber hinaus sind es die kleinen liebevollen Details, die „BoB“ ausmachen: Holzscheite vor den „züngelnden“ Kaminflammen, diverse alte Holzschränke, Laternen auf jedem Fenstersims, Deko-Blumen an den Fenstern sowie rote Tischdecken aus Stoff und nostalgische Sammeltassen mit Teelichtern auf jedem Tisch. Garderobe und WC-Anlage befinden sich im Eingangsbereich. Ausgestattet ist der Raum mit Hängelampen und flexiblen Strahlern, zwei Lautsprechern und einem Subwoofer (monofone Lautsprecherbox) sowie einer kleinen Nischenküche für den Getränkeausschank.

Auch wenn die Künstler ihre Technik meistens selber mitbringen, wünscht sich das „BoB“-Team eine hauseigene Ton- und Lichtanlage. „Ganz wichtig ist unser Schepperles-Topf“, so Michael Baron augenzwinkernd und erklärt den Sinn dahinter: Dieses Gefäß macht am Schluss die Runde, darin wird der freiwillig gegebene Obolus für die Unkosten gesammelt. Da die Musiker und Bands keine Gage bekommen, ist am liebsten eine „leise Spende“ erwünscht.  „Das klappt ganz gut“, bestätigt der Bad Boller. Mittlerweile kommen die Besucher aus den Nachbargemeinden oder anderen Landkreisen regelmäßig in das ehemalige Alte Schulhaus, wo sich der unterhaltsame Dreh- und Angelpunkt diverser Künstler befindet. Zwar etwas „tiefergelegt“ als die übrigen öffentlichen Anlaufstellen und direkt neben der evangelischen Stiftskirche St. Cyriakus.

Bestückt mit zahlreichen Fenstern stechen vor allem die sechs Dachgauben des imposanten Schulhaus-Gebäudes ins Auge. Das Alte Schulhaus von 1876 steht an der Stelle des damaligen alten Schul- und Rathauses. Nach dem zweiten Weltkrieg waren die Schulräume zu klein und ein Teil des Unterrichts musste ausgelagert werden. Nach der Fertigstellung des neuen Schulgebäudes 1966, bezogen das Polizeirevier, Notariat sowie der Verwaltungsverband Raum Bad Boll das frei gewordene Gebäude – rund zwanzig Jahre später wechselten die Behörden ins neue Dienstleistungszentrum.

Seit der Renovierung in den Jahren 1987/88 beherbergt das Bauwerk die Gemeindebücherei über zwei Ebenen und direkt über dem „BoB“ den Bürgersaal, in dem unter anderem auch die Sitzungen des Gemeinderates abgehalten werden.

Darüber befindet sich das ehemalige Atelier des 2013 verstorbenen und in der Region angesehenen Künstlers Klaus Heider, der zeitweise im Alten Schulhaus gelebt und gearbeitet hat. Heute finden dort Veranstaltungen wie Kindertheater und diverse Kurse statt. Die übrigen Teile des Gebäudes sind  an Privatpersonen vermietet.

Nachgefragt bei Michael Baron, Organisator


Herr Baron, was war Ihr schönstes Erlebnis im „BoB“?

Michael Baron: Ende April hatten wir mehrere Gäste vom Haus der Mitte, darunter auch Thomas Koch. Mit Begeisterung zählte er bei jedem Titel seinen eigenen Takt ein. Anfangs irritiert, hatte die Country-Band „Crock-it“ große Mühe im Rhythmus zu bleiben – aber, sie haben sich darauf eingelassen.

Das größte Lob, das es fürs „BoB“ oder eine Veranstaltung gab?

Als die Crock-it-Musiker am Ende preisgaben, dass sie im „BoB“ ihre schönste Aufführung hatten. „Hier haben wir gelernt, mit behinderten Menschen umzugehen“, waren sie sehr angetan von deren Miteinbeziehung in die tolle „BoB“-Gemeinschaft.

Gab es einen besonders peinlichen Zwischenfall während einer Veranstaltung?

Nein. Trotz Enge, trotz des erhöhten Zuschauerpodestes – alles lief bisher glatt. Sogar eine neue Band wurde hier gegründet. Einmal steckte der Leadgitarrist von „Hot Fudge“ am New Yorker Flughafen fest, konnte nicht pünktlich zum Konzert erscheinen. Ganz Profis schrieb die Gruppe kurzerhand das Programm um. Zwar kam der Gitarrist noch, aber die Idee war geboren, warum nicht mit kleiner Besetzung eine andere Art von Musik? Die Geburtsstunde von „Wild & Mild“ war am 18.3.2016, Geburtsort „BoB“ und die Eltern: Sängerin Manuela Kenner, Pianist Carlos Rodriguez, Schlagzeuger Gianni Cecconi.

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch im „BoB“ sehen oder
hören?

Super wäre Gitarrist Werner Dannemann, ich frag ihn mal. Und Michl Müller wäre als Kabarettist ein Traum.

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