Der jahrzehntelang gehegte Traum, dass auf der Boller Bahn und einer Verlängerung der Strecke Richtung Kirchheim wieder Züge rollen, könnte am Dienstag verblassen. Im Verkehrsausschuss des Kreistags wird dann öffentlich darüber entschieden, ob der Landkreis erst einmal eine Bremsspur hinlegt. Die Empfehlung der Verwaltung lautet, die Reaktivierung vorerst aufs lange Gleis zu schieben.

Eine erneute Untersuchung hat ergeben, dass die Strecke zwar Potenzial hat, dass aber die Kosten das Projekt unrentabel machen. Um ein akzeptables Kosten-Nutzen-Verhältnis zu erreichen wäre ein Fahrgastpotenzial von täglich 2500 Personen nötig, das aber nicht vorliege. Das gilt auch, wenn man eine Verbindung von Bad Boll nach Kirchheim mit etwas weniger technischem Aufwand im Stil einer Stadtbahn baut und betreibt.

Eine Wiederbelebung der 1926 eingeweihten und 1989 stillgelegten Strecke von Göppingen nur bis Bad Boll wäre zwar kostengünstiger, weil die Trasse frei gehalten wurde, doch die dafür erforderlich Mindestzahl von täglich 1000 Fahrgästen wäre damit nicht zu erreichen.

Das Aalener Ingenieurbüro Brenner Bernard kommt deshalb zu der Empfehlung, dass der Landkreis keine vertiefende Untersuchung zur Reaktivierung der Boller Bahn vornehmen sollte. Gleichzeitig zeigen die Fahrgastpotenziale aber „dass die Option einer Schienenverbindung zwischen Göppingen und Kirchheim für die Zukunft unter gegebenenfalls veränderten Rahmenbedingungen von großer Bedeutung sein könnten“, heißt es in der Beschlussempfehlung der Kreisverwaltung. Schließlich ergäbe sich in Kirchheim auch ein Anschluss an die S-Bahn nach Stuttgart. „Bei steigender ÖPNV-Nutzung könnte das Projekt „mittelfristig durchaus neu zu bewerten sein“. Deshalb empfiehlt der Kreisverwaltung, die Widmung der Trasse nicht aufzugeben „und damit die Chance dieser Verbindung für die zukünftige Generationen zu erhalten“.

Es ist nicht die erste Expertise über die Zukunft der Trasse. Insgesamt vier Gutachten verschiedener Stoßrichtung und eine Masterarbeit listet die Verwaltung auf. Klar ist deshalb seit langem, dass vor allem die neue Trasse vom Boller Bahnhof über Weilheim nach Kirchheim viele Tunnel erforderlich machen würde – mit entsprechend hohen Kosten. Auch die Unterquerung der Autobahn und der neuen SchnellBahntrasse würden die Kosten treiben.

Dieter Vetter, der Vorsitzende des Vereins „Ein Neuer Zug im Kreis“, hat aber die Hoffnung, dass der Verkehrsausschuss am Dienstag das Projekt nicht ausbremst. Seit Jahrzehnten kämpfen er und die Initiative für die Wiederbelebung der Boller Bahn. Regelmäßig wird die gut 12 Kilometer lange Trasse freigeschnitten. Erst kürzlich war der Trupp wieder im Einsatz.

Vetter sagt, der Vorstand des Vereins sei in seiner jüngsten Sitzung erstaunt gewesen, dass die Gutachter zwar „eine positive Bewertung der Strecke abgeben, dann aber ein negatives Fazit ziehen“. Er listetet eine ganze Reihe von Argumenten auf, die für die Neueröffnung der Strecke sprechen. Die seien in der neuen Expertise gar nicht berücksichtigt. Vor allem mit Blick in die Zukunft mit Diesel-Fahrverboten, neuen Pendlerströmen von Berufstätigen und Schülern, verändertem Mobilitätsverhalten und einem möglichen Flughafenanschluss. Als Vergleich nennt Vetter den VVS-Beitritt, der vor Jahrzehnten verschlafen und nun für viel Geld nachgeholt wurde. Auch Vorhaben wie die Voralbbahn seien perspektivisch und im Gesamtzusammenhang zu sehen. Dafür sei aber politischer Wille erforderlich.

Sollte am Dienstag die Entscheidung fallen, die Planungen für die Voralbbahn vorerst einzufrieren, will Vetter den Kopf dennoch nicht in den Sand stecken. „Wir werden weiter für den Erhalt und den Ausbau kämpfen.“

Gutachter: Schnellbus keine Alternative


Fazit Eine Schnellbuslinie auf der Strecke Göppingen – Bad Boll – Kirchheim könnte laut Ingenieurbüro nicht die selben Effekte wie eine Bahnverbindung erzielen.  Hauptsächlich wird das mit der längeren Fahrzeit begründet: 55 statt 35 Minuten.

Strecke Die Fahrzeit ließe sich zwar reduzieren, wenn der Bus nicht die  an der Strecke liegenden Ortszentren ansteuern würde, das würde jedoch die Fahrgastpotenziale deutlich reduzieren.