Rückblick Plädoyer fürs Ausprobieren

Bürgermeister Paul Schmid hat die Freude am Amt nicht verloren.
Bürgermeister Paul Schmid hat die Freude am Amt nicht verloren. © Foto: Giacinto Carlucci
Schlierbach / TOBIAS FLEGEL 25.07.2018

Paul Schmid wird heute Abend in der Sporthalle Bergreute als langjähriger Bürgermeister von Schlierbach verabschiedet. Der Festakt markiert nicht das Ende seiner Amtszeit, die noch eineinhalb Monate andauert.

Herr Schmid, erinnern Sie sich noch, wann Sie in Schlierbach angefangen haben?

Paul Schmid: Das war am 13. November 1986. Die Stelle war zweieinhalb Monate verwaist, weil mein Vorgänger Volker Lenz im September in Künzelsau angefangen hatte. Für mich als neugewählten Bürgermeister, der sich auf den Ort einstellen musste, war es nicht leicht, die Vorhaben des Vorgängers abzuschließen. Ich musste damals wirklich neu anfangen.

Wie hat sich die Kommunalpolitik in den 32 Jahren verändert?

Auf Anhieb fallen mir drei Dinge ein. Zum einen werden immer mehr Aufgaben vom Bund an die Kommunen weitergereicht. Nehmen Sie den Kinder- und Bildungsbereich: Die Städte und Gemeinden mussten von jetzt auf gleich die Kleinkindbetreuung auf die Beine stellen und den Anspruch auf einen Kindergartenplatz erfüllen. Oder der Breitbandausbau – den setzen letztlich auch die Kommunen um. Auch die Aufnahme der Flüchtlinge wäre ohne Kommunen und Ehrenamtliche komplett gegen die Wand gefahren. Der zweite Punkt, der mir einfällt, ist die Bürokratie. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre ging vieles schneller: Den Hochwasserschutz für Schlierbach haben wir damals aufgrund der Dringlichkeit nach zwei Monaten genehmigt bekommen. Bebauungspläne hat man in eineinhalb Jahren hingebracht. Wenn Sie das heute in fünf schaffen, können Sie sich auf die Schulter klopfen.

Sie sprachen von drei Dingen.

Was hinzukommt, ist eine neue Mentalität in den Behörden: Niemand will in etwas hineingeraten oder Fehler machen. Das haben die Verwaltungsleute von den Gerichten und der Presse gelernt, denn die fragen immer nach dem Verantwortlichen und stellen ihn an den Pranger. Am besten ist es also, keine Fehler zu machen. Doch wenn Sie viel arbeiten, dann machen Sie halt Fehler. Das geht einem Bürgermeister genauso.

Die Rechnung scheint aufzugehen, denn die Behörden sind bei strittigen Fragen aus dem Schneider.

Ich mache mir große Sorgen, denn wir stehen vor enormen gesellschaftlichen Umwälzungen. Die Auseinandersetzung mit der Informationstechnologie geht mir zu langsam voran – das gilt auch für die Verwaltungen. Wir müssten einfach mal den Mut haben, etwas auszuprobieren. Dann geht halt mal was schief, und das kostet dann halt mal was. Aber wir probieren es nicht aus, weil wir Angst haben, an den Pranger gestellt zu werden und die Rahmenbedingungen immer bürokratischer werden.

Die Veränderungen in Schlierbach haben sie mit vorangetrieben. Was ist anders geworden?

Wir sind inzwischen als Wohnort und als Gewerbestandort begehrt. Die Nachfrage nach Bauplätzen ist mittlerweile überregional, was früher nicht so war. Ich denke, das liegt daran, dass wir eine bessere Infrastruktur als zu Beginn meiner Amtszeit bieten und eine bessere Wohnqualität. Wenn ich von einer aus Stuttgart hergezogenen Familie höre, wie toll die Kleinkindbetreuung hier im Gegensatz zur Stadt ist, dann haben wir im Gemeinderat doch auch Wichtiges bewirkt.

An welche anderen Erlebnisse denken Sie gerne zurück?

Was in Erinnerung bleibt, sind die Menschen. Ich hatte es schon mit einigen Unikaten zu tun während meiner vier Amtsperioden. Ich erinnere mich auch an die Schwierigkeiten bei manchen Projekten und wer dann gesagt hat: komm, das kriegen wir hin. Das sind die Dinge, die am ehesten hängenbleiben und das, denke ich, ist auch wertvoller als ein einzelnes Haus. Bei einer Sporthalle ist ungewiss, ob es die noch in 50 Jahren gibt.

Wird Ihnen der Abschied von der Kommunalpolitik schwerfallen?

Ich gebe zu, dass ich noch nie in den Ruhestand gegangen bin. Ich wünsche mir und nehme es mir auch vor, dass ich mich in Zukunft zurückhalten kann. Aber es gibt eine Sache, bei der ich mich zu Wort melden könnte: Es gibt in manchen Amtsstuben Überlegungen zu einer Gemeindereform, vielleicht auch zu einer Kreisreform. Da soll man die Finger davon lassen. Die Kommunen haben bewiesen, dass sie leistungsfähig sind und niemanden brauchen. Ansonsten gilt es, die Dinge zu tun, die heute gemacht werden müssen. Ich bin zuversichtlich, dass einem Jüngeren mit seiner Denkweise und seinem Stil das gelingt.

Herr Schmid, als Bürgermeister hat man wenig Freizeit, muss viel aushalten und fast immer für die Bürger da sein. Trotzdem tun Sie sich diesen Job seit über 30 Jahren an.

Das Spannende an dem Beruf ist, das er einen immer mit aktuellen Themen konfrontiert. Diskussionen im gesellschaftlichen Bereich schlagen sich knallhart in den Gemeinden nieder und dann sind plötzlich Erwartungen zu erfüllen, ob Sie es wollen oder nicht. Da kommt es auf meine persönliche Ansicht überhaupt nicht darauf an. Es gilt, eine Lösung zu finden, die für die Bürger möglichst attraktiv ist und gleichzeitig kostengünstig für die Gemeinde. Es ist keine spaßige Arbeit, aber ich mache sie gern.

Welche Pläne haben Sie?

Ich habe in den vergangenen drei Jahren im privaten Bereich so viel Arbeit aufgeschoben, dass ich befürchte, ich brauche zwei Ruhestände. Deshalb will ich meinen Rhythmus im Grunde nicht ändern – vielleicht etwas später als wie bisher um halb sieben aufstehen. Ich muss noch eine Baumwiese in meiner alten Heimat bearbeiten. Der Sport ist ebenfalls zu kurz gekommen. Ich fahre gern Rad und will ein paar Flüsse abfahren oder auch andere längere Strecken. Ich spiele Klavier und will ich mich darin noch weiterbilden. Außerdem bin ich unter anderem beim Roten Kreuz im unteren Filstal/Schlierbach tätig. Mir ist aber schon bewusst, dass der Mensch denkt, und Gott lenkt. Darauf stelle ich mich ein.

Verwaltungsfachmann und Betriebswirt

Zur Person Paul Schmid, 65, hat 40 Jahre seines Arbeitslebens der Kommunalpolitik gewidmet. Nach einem Studium des Verwaltungswesens und einem zusätzlichen Studium in Betriebswirtschaft wurde er mit 25 Jahren Vorsteher des Schwäbisch Haller Teilorts Sulzdorf. 1986 trat der damals 33-Jährige die Nachfolge von Volker Lenz in Schlierbach an. Die Geschicke der Gemeinde lenkt Paul Schmid seit 32 Jahren. Er ist seit 38 Jahren verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter sowie zwei Enkelkinder. Schmid ist in Westerhausen bei Aalen aufgewachsen und will in Schlierbach seinen Lebensabend verbringen. Seine Amtszeit endet am 9. September 2018.

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