Der Pflegenotstand ist im Landkreis angekommen. Die Wilhelmshilfe, die als größter Anbieter mit 650 Mitarbeitern etwa 1000 Senioren versorgt, sieht nun keinen anderen Weg mehr: Es werden bis auf weiteres keine neuen Kunden im ambulanten Bereich mehr angenommen. In den Pflegeeinrichtungen entscheiden künftig die leitenden Mitarbeiter vor Ort, ob die Personaldecke ausreicht, um die Versorgung zu gewährleisten. Wenn nicht, sollen Zimmer leer bleiben, sagen Dagmar Hennings und Matthias Bär, die an der Spitze des Altenhilfeträgers stehen. „Der Engpass beim Personal hat sich in den vergangenen Monaten so zugespitzt, dass es ein Weiter so nicht mehr geben kann“, so Bär. „Wir werden künftig die Plätze an die Kapazität unserer Mitarbeiter anpassen und nicht umgekehrt.“

Als Beispiel nennt Bär die Situation im ambulanten Bereich, wo die Diakoniestation Göppingen kurzfristig eingesprungen ist – und derzeit einige Wilhelmshilfe-Kunden betreut. Allerdings nur vorübergehend als Notlösung bis Ende März, dann müssten im Zweifel Kunden-Verträge gekündigt werden. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir als Wilhelmshilfe früher an so etwas auch nur gedacht hätten“, sagt Bär zerknirscht.

In der Vergangenheit sei man lange nach der Devise verfahren: Es wird schon irgendwie gehen, resümiert Bär. Die Mitarbeiter seien auch motiviert. Immer wieder wurden Dienste übernommen. Doch daraus resultiere Überlastung und folglich häufige Krankmeldungen. Vorstand und Aufsichtsrat hätten aber eine Verantwortung und müssten sich schützend vor die Mitarbeiter stellen, nicht zuletzt auch in der Hoffnung, damit als Arbeitgeber für die wenigen verfügbaren Pflegekräfte attraktiv zu bleiben. Hennings ergänzt, eine interne Mitarbeiterbefragung habe ans Licht gebracht, dass die Pflegekräfte ihre Tätigkeit als sinnvoll empfinden und gerne ausüben – aber das auch so tun wollen, wie sie es gelernt haben: ohne Zeitdruck.

Man arbeite parallel am Gesundheitsmanagement für Mitarbeiter und an den Führungsstrukturen. Kernstück ist aber die Kapazitätsanpassung. Auch die Bewohner und Pflegepatienten sollen von dem ungewöhnlichen Schritt profitieren. Es sei erwiesen, dass in der Pflege der Zeitdruck unmittelbare Auswirkungen habe. „Pflege ist Beziehung. Und Beziehung benötigt Zeit“, sagt Dagmar Hennings. Die Qualifikation sei in der Pflege nicht nur eine Frage der möglichen Zuwendung zum Bewohner, die allen Mitarbeitern wichtig ist, sondern sie wirke sich auch in handfesten Kennzahlen aus: beispielsweise mit weniger Stürzen, Druckgeschwüren oder Schmerzen. Deshalb will die Wilhelmshilfe auch nicht einfach irgend jemanden einstellen. Den Fachkräfteanteil von 50 Prozent könne und wolle man nicht unterschreiten, sagen Bär und Hennings. Allerdings dauere es durchschnittlich 162 Tage, bis eine Stelle wieder besetzt ist. Und mit den eigenen 45 Auszubildenden lasse sich der Bedarf nicht decken.

Die Wilhelmshilfe wolle weiter den Markt im Stauferkreis abdecken, unterstreichen Hennings und Bär. Die Notbremsung solle aber ein Signal setzen, denn der Pflegenotstand sei natürlich nicht auf diesen Träger und auch nicht auf den Landkreis beschränkt. „Wir können nur hoffen, dass sich andere Anbieter anschließen und es eine konzertierte Aktion gibt“, unterstreicht Dagmar Hennings. Und Bär ergänzt: „Einer muss den Anfang machen.“ Denn die Ursachen träfen alle Anbieter gleich. Beschäftigte in der Pflegebranche üben ihren Beruf im Schnitt nur 8,4 Jahre aus. Sie verdienen zwar mehr als früher, aber mit einem Einstiegsgehalt von 2600 Euro liege eine Pflegefachkraft noch immer unter dem durchschnittlichen Facharbeitergehalt.

Alles in allem sieht sich der Träger im Dickicht der Gesundheitspolitik ohnehin schon einem enormen Kostendruck gegenüber. Das bedeutet auch ein steil steigendes Entgelt für die Bewohner oder deren Angehörige – aktuell wieder ab 1. Februar. Das verhehlen Bär und Hennings nicht und haben Verständnis dafür, wenn sich Angehörige fragen, wer diese hohen Eigenanteile noch bezahlen kann. Deshalb will die Wilhelmshilfe-Führung das Problem auch in größerem politischem Rahmen sehen und mahnt zum Umsteuern: Die Pflegekassen sollten beispielsweise auf ein Teilkaskomodell mit festen und moderaten Eigenanteilen umgestellt werden, fordert Bär. Er spricht sich für die Einrichtung einer Pflegekammer aus, um politisch mehr Gewicht zu bekommen.  Schließlich seien auch die Kommunen im Kreis gefordert, bei der Seniorenbetreuung neue Wege zu gehen. Deshalb organisiere die Wilhelmshilfe zusammen mit anderen Trägern und dem Landkreis am 20. Februar eine Veranstatung für alle Bürgermeister des Landkreises zum Thema Quartiersentwicklung. „Wir brauchen alternative Modelle“, findet Dagmar Hennings. Matthias Bär macht sich aber nichts vor: „Das wird eine Kärrnerarbeit“.

Zahl der Pflegeplätze wird knapper


Ausblick Insgesamt werde sich die Situation in der Pflegebranche noch verschärfen, prophezeit das Führungsduo der Wilhelmshilfe. Bei stetig steigenden Bedarf werde nicht nur das Personal, sondern auch die Zahl der Pflegeplätze knapper. Künftig wird es in den Heimen wegen gesetzlicher Vorgaben so gut wie keine Doppelzimmer mehr geben und die Gruppengröße ist beschränkt. Folglich müssten viele Träger umbauen oder neu bauen – auch die Wilhelmshilfe.