Die Jugendlichen kommen aus Krisengebieten und begeben sich in die Hände von Schleppern, fliehen monatelang allein durch Länder, deren Sprache sie nicht sprechen. Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF) steigt und steigt – und das Durchschnittsalter der Schutzsuchenden sinkt. Derzeit gibt es im Kreis Göppingen 38 Minderjährige, die ohne ihre Eltern nach Deutschland kamen und ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Auf sich alleine gestellt sind sie hier aber nicht, denn das Gesetz schreibt vor, dass jeder Minderjährige „in Obhut“, wie es in der Behördensprache heißt, genommen werden muss: Das CJD Jugenddorf auf dem Bläsiberg bei Wiesensteig ist nur ein Beispiel für einen Ort, wo junge Menschen ein neues Zuhause bekommen.

Jugendliche nehmen sicheren Ort dankbar an

„Die Jugendlichen merken, dass sie hier an einem sicheren Ort sind und nehmen alles dankbar an“, erzählt Walter Reichersdorfer, Leiter der Einrichtung, der elf Flüchtlinge im Alter zwischen 15 und 17 Jahren betreut. Sie leben auf einem großen Gelände, wo einiges geboten ist: Kraftraum, Spielezimmer, Grillplatz und weitere Aufenthaltsräume, die die jungen Menschen gerne nutzen. „Im Laufe der Woche werden nochmal zwei Jugendliche zu uns kommen. Dann sind wir am Ende unserer Möglichkeiten“, fügt Reichersdorfer hinzu.

Die Hintergründe der Flucht ohne Eltern erfahren Sozialpädagogen bei Gesprächen mit den jungen Menschen: „Die einen wurden von den Eltern von zu Hause weggeschickt, weil es in dem Land keine Perspektive gibt, die anderen müssen vor Krieg flüchten und haben ihre Familien bereits in ihrer Heimat verloren“, verrät Ulrich Fischer, Gruppenleiter der Jugendlichen. „Wir haben auch einen Jungen hier, der seinen Vater auf der Flucht verloren hat. Er benötigt momentan sehr viel Zuwendung und psychologische Betreuung“, sagt Fischer.

An erster Stelle stehe, dass die Jugendlichen eine Tagesstruktur bekommen: „Wir möchten die Flüchtlinge so gut wie möglich integrieren. Momentan besuchen sie einen Vorbereitungskurs in der Göppinger Öde“, erzählt Reichersdorfer. Wenn sie einen Abschluss haben, werden die Mitarbeiter der Einrichtung versuchen, ihnen einen Ausbildungsplatz zu sichern. Die Jugendlichen seien motiviert, willig und leistungsfähig. „Schwer ist, dass wir nicht wissen, ob alle hier bleiben dürfen“, berichtet der Leiter. 

Lothar Hilger, Leiter des Göppinger Kreisjugendamts, kennt die Einzelheiten zum Asylverfahren: „Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge leben mit einer Duldung in Deutschland“, erklärt er. Diese könne grundsätzlich jederzeit fristlos widerrufen werden. Die Jugendlichen leben daher mit der Angst, abgeschoben werden zu können. Sie würden jedoch nur in Einzelfällen abgeschoben und meistens bis zur Volljährigkeit geduldet werden. Dann komme es darauf an, ob sie die Voraussetzungen für einen Aufenthaltstitel erfüllen. „Es ist sehr wichtig, dass unsere Flüchtlinge jetzt schnell deutsch lernen und sich in der Schule anstrengen“, ergänzt Gruppenleiter Fischer.

Kein Unterschied zwischen deutschen und Flüchtlingskindern

Jeder Jugendliche bekommt 45 Euro Taschengeld vom Jugendamt. Hinzu kommen 36 Euro Bekleidungsgeld und eine einmalige Zahlung von 45 Euro, für einen Mitgliedsbeitrag in einem Verein. „Da gibt es zwischen deutschen und Flüchtlingskindern keinen Unterschied“, erklärt Fischer.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden bei Landeserstaufnahmestellen (LEA) privilegiert aufgenommen: „Sie kommen direkt in ein Heim, wo sie betreut werden und bekommen einen Vormund zugewiesen“, erklärt Kreisjugendamtsleiter Hilger. Beim sogenannten „Clearingverfahren“ wird zuerst das Geburtsdatum festgelegt, denn Papiere seien meistens nicht vorhanden oder es gebe Zweifel, dass diese gefälscht sein könnten. „An Merkmalen schätzt ein Sozialpädagoge dem Augenschein nach, wie alt der Jugendliche ist“, erklärt Hilger.

Auch der Entwicklungs- und Gesundheitszustand würden von Sozialpädagogen abgeklärt werden. Die Kosten pro Jugendlichem beliefen sich auf 4000 Euro pro Monat. Diese muss aber nicht der Kreis Göppingen bezahlen, sondern das ist „Länder- und Bundessache“. Regionen in Deutschland, die keine Minderjährigen zu betreuen haben, müssen den betroffenen Kreisen Kompensation leisten. Eine Art Landkreisfinanzausgleich.

Auch in den kommenden Monaten kann von einem Einpendeln der Flüchtlingswelle im Landkreis keine Rede sein. „Es werden mehr Flüchtlinge kommen und darunter werden wohl leider auch Minderjährige sein, die alleine sind“, blickt Hilger voraus.