Wohnraum Öde als möglicher Hallen-Standort für Flüchtlinge

Spielende Kinder gestern vor Flüchtlingsunterkunft an der Göppinger Pappelallee: Rund 280 Menschen leben derzeit hier, der Landkreis sucht dringend weiteren Wohnraum, denkt nun auch über unkonventionelle Lösungen nach.
Spielende Kinder gestern vor Flüchtlingsunterkunft an der Göppinger Pappelallee: Rund 280 Menschen leben derzeit hier, der Landkreis sucht dringend weiteren Wohnraum, denkt nun auch über unkonventionelle Lösungen nach. © Foto: Staufenpress
DIRK HÜLSER 08.09.2015
Die Unterbringung von Flüchtlingen stellt den Landkreis weiter vor große Herausforderungen, die Zahl wird sich verdoppeln. Es wird über eine Leichtbauhalle in der Öde nachgedacht, Uhingen errichtet Container. Mit einem Kommentar von Dirk Hülser.

Bis zu 1000 Plätze für Flüchtlinge und Vertriebene fehlen bis zum Ende des Jahres im Landkreis. Uhingen will nun handeln. Um eine menschenwürdige Unterbringung der Menschen zu ermöglichen, will die 14.000-Einwohner-Stadt möglichst rasch Wohnraum schaffen, denn seither beherbergt die Kommune lediglich 13 Asylbewerber. Am schnellsten geht das mit Containern. "Vorgesehen sind drei Standorte in der Kernstadt", sagt Bürgermeister Matthias Wittlinger, der Gemeinderat habe sich bereits darauf verständigt, die endgültige Entscheidung soll in öffentlicher Sitzung am 25. September fallen.

Pro Standort habe die Verwaltung 30 Bewohner vorgesehen, "doch das Landratsamt hat uns gebeten, mehr Plätze zu schaffen", berichtet Wittlinger. Auch darüber muss der Gemeinderat noch abstimmen, 500.000 Euro sind einstweilen eingeplant. Dann könnte alles ganz schnell gehen: Die Genehmigungen kämen wohl binnen vier Wochen, die Erschließung dauere zwei Wochen, meint der Bürgermeister. "Und dann hängt es davon ab, wie schnell die Container geliefert werden." Wobei das Thema mit diesen Provisorien für Uhingen nicht erledigt sein wird, ist sich Wittlinger sicher: "Wir gehen davon aus, dass das noch nicht das Ende der Fahnenstange ist."

Neubau mit bis zu drei Geschossen

Auch in Dürnau wird unkonventionell gedacht. Die Voralbgemeinde (knapp 2100 Einwohner) plant einen Neubau und will rund 400.000 Euro in die Hand nehmen. "Angedacht ist ein zweigeschossiges Gebäude an der Jurastraße für rund zehn Personen", sagt Hauptamtsleiter Jochen Bärtle. Eventuell sei auch ein drittes Stockwerk möglich. Hintergrund der Idee: Die Gemeinde habe seit mehr als einem Jahr nach einem geeigneten Gebäude gesucht, ohne fündig zu werden. Nun stelle sich natürlich die Frage: "Ist das der richtige Standort?" Aber noch habe der Gemeinderat das Thema nicht endgültig entschieden. "Wichtig war hier für uns: Wir kommen mit einer Idee und nicht mit einem fertigen Konzept", betont Bärtle. "Das heißt nicht, dass es ausdiskutiert ist."

Der Leiter des Kreissozialamts, Rudolf Dangelmayr, freut sich über dieses Engagement: "Die Kommunen sind sehr kooperativ, dafür sind wir sehr dankbar." Ohne die Mitarbeit der Gemeinden hätte Landkreis auch ein Problem - denn er ist für die Aufnahme der Flüchtlinge zuständig. 1028 Asylbewerber sind Stand am Montag im Kreis Göppingen untergebracht - bis Jahresende rechnet Dangelmayr mit etwa doppelt so viel notwendigen Plätzen. Um die Arbeit zu bewältigen, wurden und werden viele neue Stellen im Sozialbereich geschaffen, ebenso eine Stelle im Hochbauamt, sagt Dangelmayr. Eine eigens im März eingerichtete Task-Force sorgt im Landratsamt für schnellen Informationsaustausch und schaut mögliche Wohngebäude an. Doch es fehlen noch immer viele Unterkünfte. "Es ist trotzdem so, dass wir Ausweichquartiere benötigen", meint Dangelmayr.

Leichtbauhalle auf dem Schulgelände 

Im Göppinger Berufsschulzentrum Öde, das dem Landkreis gehört, gibt es zwar eine Turnhalle, doch die sei "momentan" für den Katastrophenschutz reserviert. Im Landratsamt wird deshalb schon weiter gedacht, erzählt Dangelmayr: "Eine Leichtbauhalle auf dem Schulgelände wäre im Bereich des Möglichen."

Unterdessen sieht der Papst auch die Kirchengemeinden in der Pflicht. Am Sonntag hat Franziskus an "jede Pfarrgemeinde, jede religiöse Gemeinschaft und jedes Kloster" in Europa appelliert, eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen. "Das ist schwierig", meint dazu der katholische Dekanatsreferent Felix Müller. "Wir haben natürlich nicht diese Wohnungen, die man dazu braucht." Allerdings sei der Appell ja noch ganz neu - und nun werde er thematisiert: "Wir werden den Appell ernst nehmen und in den Gremien besprechen."

So sei für den 22. September ein Treffen des geschäftsführenden Ausschusses des Dekanats anberaumt, "da werden wir diskutieren: Was bedeutet dieser Appell für uns?" Und einige Tage zuvor, am 17. September, sei ein Gespräch zwischen den evangelischen Dekanen, dem katholischen Dekan und dessen Stellvertreter und Landrat Edgar Wolff terminiert - "auch hier wird das Hauptthema die Flüchtlingsarbeit sein", kündigt Müller an.

Im Kleinen bewege sich allerdings seitens der katholischen Kirche auch ohne Papst-Appell schon einiges, berichtet der Dekanatsreferent. So überlege etwa ein Pfarrer aus dem Dekanat, eine freie Wohnung im Pfarrhaus zur Verfügung zu stellen. "Vieles läuft auch über die Pfarrkasse", sagt Müller. Auf dem kleinen Dienstweg bekämen Flüchtlinge so dringend benötigtes Geld beispielsweise für einen Umzug, eine Kaution oder eine Waschmaschine. "Das weiß niemand, das kriegt niemand mit, das läuft unter der Hand - unbürokratisch." Wie es nun nach dem Aufruf von Papst Franziskus weitergeht, vermag Müller noch nicht einzuschätzen: "Jetzt von null auf hundert ein paar Wohnungen bereitzustellen, ist nicht so einfach." Er gibt zu bedenken: "Ich weiß nicht, ob man sagen kann, der Papst macht es sich zu leicht." Klar sei aber auch: "Er tut ins Gewissen reden - und wir nehmen es ernst."

Ein Kommentar von Dirk Hülser: Nichts zu tun, ist keine Lösung

Nichts zu tun, ist keine Lösung. Angesichts der erschütternden Bilder, die uns täglich aus Ungarn oder Mazedonien, aus Syrien und dem Libanon, von griechischen und italienischen Inseln oder türkischen Stränden erreichen, ist es ein Gebot der Menschlichkeit, zu helfen. Die Flüchtlinge, die oftmals aus ihrer Heimat brutal vertrieben wurden - etwa von den fanatischen Terrorbanden des IS -, haben ein Recht auf Leben. Und auf eine menschenwürdige Unterbringung.

Dass dies mit etwas gutem Willen möglich ist, zeigt sich in vielen Orten im Landkreis. Zwar gibt es noch immer Kommunen, die bedauernd mitteilen, keinen Wohnraum zu haben. Aber die positiven Beispiele überwiegen. So wie in Dürnau, wo die Gemeinde sogar ein neues Haus bauen will. Oder in Uhingen. Die Stadt hat erkannt, dass sie handeln muss und will nun immerhin Wohncontainer aufstellen. Drei Standorte in der Kernstadt sollen Platz für mindestens 90 Menschen bieten.

Im Landratsamt ist das Thema allgegenwärtig, neue Stellen werden geschaffen, eine eigens eingerichtete Task-Force soll für schnelle und pragmatische Entscheidungen sorgen. Und wenn am Ende vorübergehend eine Halle auf dem Gelände des Berufschulzentrums Öde errichtet werden muss, gebietet auch das die Menschlichkeit.

Jeder hat das Recht, dies zu kritisieren - solange er sich nicht im Ton vergreift. Doch nur dagegen zu sein, hilft nicht, dann müssen auch Alternativen her. Denn nichts zu tun, ist keine Lösung.