Oberböhringen Oberböhringer designt Bus der Zukunft

Oberböhringen / Von Kathrin Bulling 09.11.2018
Christopher Reim hat für seine Abschlussarbeit als Automobildesigner für MAN einen Bus mit bionischem Rahmen entworfen, der an Insektenflügel erinnert.

Kein Einkaufszettel ohne gekritzeltes Fahrzeug drauf, fast kein Tag ohne Zeichnen: Christopher Reim hat als Automobildesigner seinen Traumberuf gefunden – seine Leidenschaft bricht sich auch im Alltag regelmäßig Bahn.

Dabei mochte der in Oberböhringen aufgewachsene und inzwischen in Böblingen lebende 26-Jährige den Zeichenunterricht in der Schule gar nicht und tat sich anfangs besonders schwer beim Malen von Autos. „Weil ich die Perspektive nie richtig hinbekommen habe, hab’ ich das immer geübt – und dann ist eine Leidenschaft draus geworden“, erzählt Reim, der die Grundschule in Bad Überkingen und die Schubart-Realschule in Geislingen besuchte; das Abi holte er am Berufskolleg in Fellbach nach. Als Kind, so erzählt er, habe er immer Lkw-Fahrer werden wollen. „Wie wahrscheinlich alle Jungs war ich total autobegeistert.“

Die Faszination für Fahrzeuge konnte er während seines Bachelorstudiums im Transportation Design an der Hochschule in Pforzheim voll ausleben. Reim entdeckte bald, dass ihn das Exterieur-Design, also die Gestaltung des Fahrzeugäußeren, besonders interessiert.

Dabei blieben seine Arbeiten auf dem Papier und im CAD-Programm am Computer keine reinen Fingerübungen: Im Praxissemester bei EVO-Bus in Neu-Ulm entwarf er das Heck für den neuen Doppelstock-Bus; für die neuen Busse von Mercedes und Setra entwickelte er LED-Lichter. Es sei keine Selbstverständlichkeit, dass man bereits als Student einen Entwurf auf die Straße bringen könne, erzählt er stolz: „Das ist schon toll, ja.“

Für die Abschlussarbeit bei MAN in München nahm er sich auf Vorschlag der Forschungsabteilung gleich ein Mega-Projekt vor und entwarf den Bus der Zukunft: mit elektrobetriebenem Motor, selbstfahrend, effizient gebaut. Christopher Reim nahm sich die Struktur von Insektenflügeln und Blättern als Vorbild und schuf für seinen Bus einen bionischen Rahmen. Weil er sich damit von der traditionellen Bauweise à la Fachwerkhaus mit einem Rahmen aus vertikalen und horizontalen Stäben ­löste, gelang es ihm, 30 Prozent des sonst verbauten Materials einzusparen. Der Bus wurde dadurch nicht nur leichter, sondern auch stabiler. Auf den Gesamtbus gerechnet, ­mache die Ersparnis etwa fünf Prozent aus, erklärt Reim: „Bei einem Bus sind das mehrere Hundert Kilogramm. Das ist einiges und hilft dabei, den Verbrauch zu senken.“

Der Bus ist 15 Meter lang, kommt ohne Gelenk aus und hat vier Achsen, um möglichst viel Kraft auf die Straße zu bringen. Dem Busfahrer wies er als Reisebegleiter mit Bar im Untergeschoss eine neue Funktion zu. Zwar würden auch bei selbstfahrenden Fahrzeugen die Fahrer mittelfristig gesehen nicht arbeitslos werden (Reim: „Man braucht noch einen Fahrer zur Sicherheit.“), es sei aber sinnvoll, für sie neue Aufgaben zu schaffen.

Funktion und Ästhetik vereinen

Reim stand – wie jeder Designer – vor der kniffligen Aufgabe, in seinem Entwurf nicht nur Funktion, Ergonomie und Ästhetik zu vereinen, sondern auch den gesetzgeberischen Vorgaben zu entsprechen. Weil sein Bus selbstfahrend ist, bräuchte es im vorderen Bereich eigentlich keine Tür, überlegte sich der Student. Eine solche ist aber als Fluchtweg vorgeschrieben. Christopher Reim reagierte, schaffte vorne Zugang und Plätze für Rollstuhlfahrer und wies der Tür so wieder eine Funktion zu. „So etwas ist zwar ein bisschen frustrierend, aber man muss halt darauf reagieren“, sagt er.

Generell habe er bei seinem Design aber sowieso darauf geachtet, dass es umsetzbar ist und es bei der Fertigung keine Probleme gibt. Ganz sicher ist sich Reim aber jetzt schon, dass sein, der besseren Verbrauchswerte wegen abgeschnittenes Heck, so nicht in Serie gehen würde – „dadurch verliert man Platz für mehr Fahrgäste“, erklärt er. Teile seines Entwurfs, so hofft er, werden im Reisebus der übernächsten Generation zu finden sein, ein MAN-Bus mit Reim-Design also vielleicht in 20 Jahren auf der Straße unterwegs sein.

Weil die Branche stark im Wandel sei, der Nutzfahrzeugebereich dabei traditionell etwas hinter dem Automobilbereich herhinke, werde es die nächsten Jahrzehnte sehr spannend, meint Christopher Reim: „Ich hoffe, dass ich an den Entwicklungen beteiligt sein kann.“

Hässlich, nutzlos oder zeitlos schön: Was Design kann

Reim lässt sich von der Natur, der Architektur und von Modetrends inspirieren.

Porsche macht die schönsten Autos, meint er: Der Autohersteller habe ein zeitloses Retro-Design entwickelt; „kein Porsche gleicht dem anderen, aber man sieht, dass sie alle dieselbe DNA haben“.

Gutes Design vereint Funktionalität und Ästhetik, sagt Reim und kritisiert nutzloses Design wie die ­Zitronenpresse von Philippe Starck, die durch ihre Spinnenbeine zwar Aufmerksamkeit errege, aber nicht funktioniere.

Ein falsches Detail gibt manchmal den Ausschlag dafür, dass ein Design als hässlich empfunden wird. Ein Beispiel sei der Multipla von Fiat mit der Leiste zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe. Dass die Designer sich vom Kopf eines Delphins inspirieren ließen, findet Reim interessant – irritierend seien die verschobenen Proportionen von Fenstern und Türen: „Wären die Fenster ein kleines bisschen niedriger, würde das Auto richtig cool aussehen.“

Ein 3er BMW ist das ­Gefährt, mit dem Reim zurzeit unterwegs ist. Sein Wunschauto ist ein gelbes BMW-Coupé: „Das wollte ich schon als Kind, davon gibt es nicht so viele.“

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