Politik Nimmermüder kritischer Geist

Peter Ritz wurde durch seinen Bruder politisiert. Der Eislinger war in den 68ern bei vielen Protestaktionen dabei, stand der Studentenbewegung aber auch kritisch gegenüber.
Peter Ritz wurde durch seinen Bruder politisiert. Der Eislinger war in den 68ern bei vielen Protestaktionen dabei, stand der Studentenbewegung aber auch kritisch gegenüber. © Foto: Margit Haas
Eislingen / Margit Haas 12.09.2018

Es gab fast jeden Abend ein Sit-In“, erinnert sich Peter Ritz an seine Studentenzeit und blättert in einem Ordner voller Flugblätter, mit denen er während dieser Zeit in Tübingen täglich zu Veranstaltungen eingeladen worden war.

Aber schon während seiner Schulzeit hat sich der 72-Jährige politisch engagiert. Beim Schulleiter hatte er vorreiten müssen, als er sich mit Mitschülern zu einer kleinen Protestkundgebung gegen einen Besuch des damaligen Bundeskanzlers Konrad ­Adenauer in seiner Heimatstadt Heidenheim versammelt hatte. Und er war beim ersten Heidenheimer Ostermarsch Mitte der Sechzigerjahre ganz selbstverständlich mit dabei.

Durch seinen Bruder war er politisiert worden. Dieser war acht Jahre älter und hatte den Kriegsdienst verweigert. Das hatte den Jüngeren beeindruckt. Dass damals allerdings die katholische Kirche der tief in der Religion verankerten Familie die Unterstützung verweigerte, das hat Peter Ritz bis heute nicht vergessen. Er war Ministrant und Pfadfinder, hatte so Kontakte zu jungen Katholiken in der ganzen Welt und zudem einen Onkel, der für die Steyler Mission in Indien war. Auch das hatte seinen Blick für die Ungerechtigkeit in der Welt geschärft.

Hoffnungen auf Veränderungen in der Kirche hatte zunächst das Zweite Vatikanische Konzil geweckt. Die Kirche vor Ort indes bewegte sich nicht in dem Maße, wie sich dies junge Katholiken wie Peter Ritz gewünscht hätten und so betrachtete er die Institution zunehmend kritisch. Als dann die Kirche eine Wahlempfehlung zugunsten der CDU ausgab, „bin ich ausgetreten“.

Kritisch sah der Eislinger auch die verkrusteten Strukturen an der Universität. Die Proteste seiner Kommilitoninnen und Kommilitonen entsprachen seiner inneren Haltung und so gehörte er zu Blockierern auf der Neckarbrücke, die gegen die Gräueltaten in Vietnam protestierten. Gut erinnert er sich an das Gefühl der Ohnmacht bei der Ermordung von Martin Luther King. Und er war dabei, als die Auslieferung der Bildzeitung verhindert wurde. Dabei behielt Peter Ritz aber seine Kritikfähigkeit. „Viele hatten den Bezug zur Realität verloren.“ Etwa an den Werkstoren, wenn die Arbeiter für die studentischen Anliegen gewonnen werden sollten. „Sie verstanden uns nicht und ich erkannte die Absurdität.“ Mehr und mehr politisierte sich der angehende Lehrer. „Politische Magazine im Fernsehen wie Panorama oder Report waren sehr wichtig für uns.“ Und: „Links wurde ich durchs Nachdenken“, stellt er fest und trat unter dem Eindruck der Veränderungen durch die Sozial-Liberale Koalition – „meine Mutter erhielt als Kriegerwitwe plötzlich doppelt so viel Rente“ – in die SPD ein. Es war auch nicht zuletzt deren Vorsitzender Willy Brandt, der den jungen Mann beeindruckte. „Er war immer mein politisches Vorbild.“

Zum Pädagogik-Studium hatte sich Peter Ritz bewusst entschlossen. „Ich wollte unbedingt Geschichtslehrer werden und den berühmten Gang durch die Institutionen antreten.“ Es war die damals gerade beginnende Auf­arbeitung der NS-Zeit, die Peter Ritz nachhaltig beeinflusste. „Das Schicksal der Juden ließ mich nicht mehr los. Sie waren Nachbarn und Teil der Gesellschaft gewesen. Das wird mit der Verlegung von Stolpersteinen deutlich.“ Dafür engagierte er sich ebenso, wie für einen Geschichtspfad in Eislingen. Dort lebt er seit 1973, wurde Lehrer am Pro-Gymnasium, das später zum Erich-Kästner-Gymnasium wurde. „Dort unterrichtete ich fast 40 Jahre lang.“

Der Eislinger war auch Personalratsvorsitzender „und immer bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft engagiert“. Fast zwangsläufig begann Peter Ritz, sich in die SPD verstärkt einzubringen. Er gehörte zu den Mitbegründern eines kommunalpolitischen Arbeitskreises und wurde 1980 „auf Anhieb“ in den Gemeinderat gewählt.

Dem Gremium gehört er seitdem ununterbrochen an und denkt überhaupt nicht ans Aufhören. „Die Amtszeiten begrenzen? Nein, weshalb?“, fragt er provokativ. „Ich werde mein ganzes Leben für meine Standpunkte kämpfen“, betont Ritz.

Nach wie vor gebe es viele Themen in Eislingen, die ihm am Herzen liegen und für die er sich stark machen wolle. Zum Beispiel für den sozialen Wohnungsbau. „Das haben wir nicht hinbekommen“, räumt er ein. Vieles sei gelungen: Dem Kunstverein, zu dessen Mitbegründern er zählt, in der Alten Post eine Galerie zu etablieren oder das Schloss als Stadtbücherei der Öffentlichkeit zugänglich machen zu können. Es sind aber auch „viele Kleinigkeiten wie Gehwege oder Querungshilfen, für die wir uns stark machen.“ GroKo oder Opposition? „Zu 100 Prozent GroKo!“, bekräftigt der streitbare Sozialdemokrat. Und analysiert die Fehler, die der ehemalige Vorsitzende Martin Schulz und die Partei gemacht haben. Die Treue hält er ihr gleichwohl.

Es sind viele große und kleine Engagements, die Peter Ritz bis heute umtreiben. So hat er ein halbes Jahr das Schlosstheater betreut oder engagiert sich beim Nabu und besucht Vorträge des Geschichts- und Altertumsvereines Göppingen. Und wenn ihm dann noch Zeit bleibt, kümmert er sich um seine Stempelsammlung. Mehr als 20 000 sind es zwischenzeitlich, die er von Reisen in die ganze Welt mitgebracht hat und die unzählige Kästen und Schubladen füllen.

Seit vielen Jahren ist er mit der Lyrikerin Tina Stroheker verheiratet, mit der ihn auch die Liebe zu Literatur und zur Kunst verbindet. Zahlreiche Kunstwerke von Künstlerinnen und Künstlern, die in der „Alte Post“ ausgestellt hatten, lenken im Haus in Eislingen die Blicke auf sich.

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