Streuobst Nicht mal genug Äpfel für einen Kuchen

Kreis Göppingen / Dirk Hülser 06.10.2017
Der späte Frost im April hat weitreichende Folgen: Keltereien warten vergeblich auf Obst zur Saftproduktion. Es gibt bis zu 95 Prozent Einbußen.

Was sich nach dem ­kalten Nachtfrost Ende April abzeichnete, ist nun eingetreten: Die Apfelernte auf den Streuobstwiesen fällt in diesem Jahr nahezu aus. Bei vielen ­anderen Obstsorten sieht es nicht besser aus. Das hat Folgen nicht nur für Obstbauern und Keltereien, sondern auch für die Verbraucher: Apfelsaft wird wohl teurer und auf Saft aus Äpfeln von regionalen Streuobstwiesen muss weitgehend verzichtet werden.

Karl-Heinz Auer, Chef von Auer Fruchtsäfte in Weißenstein, wo der Betrieb auch Äpfel keltert, hat seinen Humor nicht verloren: „Es sind keine Wartezeiten zu erwarten“, verspricht er all jenen, die Äpfel anliefern wollen.  Und wird dann ganz ernst: „Es ist wirklich dramatisch wenig.“ Gerade einmal fünf bis zehn Prozent der im vergangenen Jahr angelieferten Menge sei bislang abgegeben worden. Und 2016 sei zwar ein gutes, aber kein Rekordjahr gewesen. In Zahlen: Nur 50 Tonnen Äpfel hat Auer in den vergangenen vier Wochen verarbeitet, bis zum Ende der Saison rechnet er mit nochmal derselben Menge. „Das ist normalerweise eine Tagesannahme“, sagt er.

In seiner zweiten Annahmestelle in Schwäbisch Gmünd hat Auer die Öffnungszeiten drastisch reduziert. Doch die Produktion ist im Moment noch nicht gefährdet. „Wir haben große Tanks, in denen noch Restbestände aus dem vergangenen Jahr sind“, sagt der Firmenchef. Er habe allerdings auch schon Äpfel aus dem Badischen zugekauft. Für Auer ist klar: „Apfelsaft wird auf jeden Fall teurer werden.“

Davon geht auch Karin Stolz, Geschäftsführerin von Boller Fruchtsäfte Stolz, aus. „Die Preise werden steigen“, sagt sie. „Wir hoffen, dass die Kunden das mitgehen.“ Fünf bis zehn  Prozent der Apfelmenge des Vorjahrs verzeichnet ihr Betrieb. Aus ­Baden-Württemberg und der EU hat Stolz Äpfel zugekauft – das hat Folgen: „Der Saft kann nicht mehr als regionaler Saft deklariert werden.“ Anders sehe es beim Bio-Saft aus, hier reiche die Menge der Äpfel: „Der kann regional bleiben.“

Stolz berichtet, was so erzählt wird: „Selbst die 90-jährigen Herrschaften sagen, so schlecht war’s noch nie. Die Leute haben ja noch nicht mal die Äpfel für einen Apfelkuchen.“ Die Lage der Keltereien sei „dramatisch“, befindet Stolz: „Wir haben schlicht und einfach nichts zu tun.“ Die Frostnacht vom 20. auf den 21. April sei von der Landesregierung zur Naturkatastrophe erklärt worden, Obstbauern bekämen nun eine Entschädigung. „Aber es war auch für Keltereien eine Naturkatastrophe“, klagt Stolz. Doch anders als die Bauern können die Safthersteller nicht auf Geld vom Land hoffen. „Das kriegen nur Landwirte“, sagt Isabel Kling, Pressesprecherin des Landesministeriums für Ländlichen Raum. „Sonst müsste ja am Ende auch der Edeka entschädigt werden oder der Verbraucher.“

Der Obst- und Gartenbauberater des Landkreises, Rainer ­Klingler, geht davon aus, dass es im kommenden Jahr wieder besser wird mit der Obsternte: „Wir hoffen, dass es im nächsten Jahr nicht wieder so ist. Aber das hatten wir noch nie: zwei schlechte Jahre hintereinander.“

Gammelshausen hat am meisten Glück gehabt

Ausfälle „Es ist sicher so, dass wir so hohe Ausfälle haben wie noch nie seit Menschengedenken“, sagt der Obst- und Gartenbauberater des Landkreises, Rainer Klingler. Auf den Streuobstwiesen seien „95 Prozent der Apfelbäume leer“, Birnen gebe es auch nicht. Etwas besser sähe es im Bereich des Tafelobstes aus, hier rechnet Klingler mit einem Ausfall von 75 bis 80 Prozent.

Obstsorten Nicht nur Äpfel sind betroffen: „Es war schon bei Kirschen, Mirabellen und Zwetschgen nichts drauf“, sagt Klingler. Es gebe aber Lagen, wo 80 Prozent der zu erwartenden Menge an Äpfeln an den Bäumen hingen. „Man kann’s nicht ganz nachvollziehen, dort wurden auch minus vier Grad gemessen.“ Die günstigste Lage im Landkreis sei in Gammelshausen gewesen, „dort gab es am wenigsten Einbußen“.

Klimawandel „Die Klimaerwärmung macht Probleme“, glaubt Klingler. Dieses Jahr hätten die Apfelbäume zwei Wochen früher geblüht, als dies noch vor Jahren der Fall war. Und früher im Jahr steigt dann auch die Gefahr von Frostschäden. Doch Klingler weist darauf hin, dass unabhängig vom Klimawandel die Frostnacht am 20. April sehr ungewöhnlich gewesen sei: „Minus 4,5 bis minus 7 Grad, das ist deutlich zu kalt, das ist gravierend.“