Region Neues Buch stellt alte Gartenschätze vor

Region / Kathrin Bulling 04.04.2018
Brettacher, Alblinse und Co: Das Buch „Unsere Gartenschätze“ stellt alte Obst- und Gemüsesorten und ihre Retter vor – eine Rezension.

Die moderne Marktwirtschaft ist unerbittlich: Was sich nur mit großem Aufwand anbauen lässt, nicht in ergiebigen Mengen wächst und sich auch noch der maschinellen Weiterverarbeitung verweigert, ist blitzschnell weg vom Fenster.

Das Bamberger Hörnchen ist ein solches Opfer des Kapitalismus. Kaum einer wird vermutlich wissen, was sich hinter dem ­Namen verbirgt: Kein fluffiges Blätterteiggebäck aus Franken, sondern eine Kartoffelsorte. Ihre dünne Haut macht sie empfindlich, sie braucht viel Pflege, und wegen ihrer länglichen Fingerform – man ahnt es schon – ist sie alles andere als geeignet für die Lebensmittelindustrie, die im Akkord gleichförmige Pommes aus den Knollen stanzen will. Das Glück des Hörnchens ist sein nussiger Geschmack, den viele schätzen. Deshalb gibt es die besonders für Kartoffelsalat geeignete Sorte noch in Hofläden und auf Wochenmärkten.

Nicht allen alten Obst- und Gemüsesorten ist solches Glück beschieden. Dutzendweise unterschiedliche Salatgewächse, Tomaten- und Apfelsorten sind hierzulande in Vergessenheit geraten. Dabei sind sie ein Abbild der vielen Regionen im Land und bedeuten Geschmacksvielfalt.

Dass es manch alte Obst-, ­Gemüse- und Getreidesorte wie Brettacher Äpfel, Filderspitzkraut und den Fränkischen Grünkern (wieder vermehrt) gibt, haben die Menschen im Südwesten den ­Rettern der historischen Arten zu verdanken.

Felicitas Wehnert, ehemalige Leiterin der SWR-Fernsehredaktion Landeskultur und Feature, hat ihnen – und natürlich den ­alten Sorten – ein Buch gewidmet, das jetzt im Verlag Belser erschienen ist. ­„Unsere Gartenschätze im Südwesten – Geschichten um alte Obst- und Gemüsesorten“ stellt auf 128 Seiten Pflanzen­detektive, Samenretter und ­Bewahrer landwirtschaftlicher Traditionen zwischen Ulm und Nürtingen, dem Oberschwäbischen und dem ­Kaiserstuhl vor.

Dazu gehören der Wieder­entdecker der Alblinse, Woldemar Mammel, ebenso wie die beiden Professoren der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt ­Nürtingen-Geislingen (HfWU) Roman Lenz und Jan Sneyd sowie der Schlater Obstbauer und Schaumweinproduzent Jörg ­Geiger. Letzterer eignete sich alte Verarbeitungsmethoden für ­historische Birnen- und Apfelsorten an und verhilft ihnen mit seinen Destillaten und mittlerweile auch alkoholfreien Priseccos zu neuen Ehren.

Sneyd, seit 2005 im Ruhestand, hat den Schwäbischen Dickkopf-Landweizen rekultiviert, den das Bempflinger Bäckerhaus Veit inzwischen als Dickköpfle-Vollkornbrot verkauft. Lenz, Professor für Landschaftsplanung in Nürtingen, engagiert sich bei Slow Food und der „Arche des Geschmacks“, die sich die Bewahrung regionaler Lebensmittel auf die Fahnen geschrieben haben. Und er hat zusammen mit Woldemar Mammel das „Genbänkle“ gegründet – eine internetbasierte Informationsplattform, eine Datenbank für alte Samensorten, die in Hausgärten und auf Feldern wieder angebaut werden sollen (wir berichteten).

Denn die Rettung alter Obst- und Gemüsesorten ist keineswegs der nostalgische Versuch, vergangene Zeiten wiederaufleben zu lassen, sondern das Bestreben, die Vielfalt im Boden und schlussendlich auf dem Esstisch zu bewahren und zu pflegen. Angesichts des Klimawandels übrigens ein Ansatz auch von ökonomischem Interesse, wie Felicitas Wehnert erklärt: „Je mehr Sorten mit unterschiedlichen Eigenschaften, desto größer ist der genetische Pool, aus dem auf klimatische Veränderungen reagiert werden kann.“

Wehnerts Buch ist ebenso unterhaltsam wie informativ – für Hobbygärtner sowieso, die sich durch die Lektüre vielleicht ­animiert fühlen, die eine oder andere Sorte in ihrem Hausgarten auszubringen. Und ebenso für alle anderen, die Interesse an der Entwicklung der Kulturlandschaft im Südwesten haben.

Geschichten um alte Obst- und Gemüsesorten – Thementag im Freilichtmuseum

Das Buch „Unsere Gartenschätze“ im Südwesten – Geschichten um alte Obst- und Gemüsesorten“ von ­Felicitas Wehnert ist im Verlag Belser erschienen und kostet 19,99 Euro. Auf 128 Seiten werden alte ­Sorten beschrieben und ihre Retter vorgestellt. ISBN: 978-3-7630-2796-5.

Die Gartenschätze sind am Sonntag, 8. April, Thema im Freilichtmuseum Beuren: Autorin Felicitas Wehnert und Sortenspezialist Klaus Lang vermitteln dort von 14 bis 17 Uhr mit Buchpräsentation, Vorträgen und Verkaufsstand viel Wissenswertes über das Thema
alte Sorten.

Das Programm im Detail: Felicitas Wehnert stellt ihr Buch um 14 Uhr und um 15.30 Uhr im Hopfensaal vor. Klaus Lang berichtet um 14.30 Uhr und um 16 Uhr von alten Sorten und der Samengewinnung. Er verkauft auch Samentütchen unterschiedlicher alter ­Sorten.