Innenstadt Neue Chance für Centralbau

Eislingen / Karin Tutas 11.08.2018
Drei Einzelhändler sorgen dafür, dass im Eislinger Centralbau wieder leben herrscht.

Da blüht wieder was auf, Eislingen-Süd ist ein bissle im Aufbruch.“ Klaus Gromer strahlt. Seit 63 Jahren betreibt seine Familie das Geschäft im Centralbau in der Eislinger Bahnhofstraße, wo unter anderem Lottoscheine angenommen, Tabakwaren, Zeitungen oder Zeitschriften verkauft werden. Im Lauf der Jahre hat Gromer immer wieder etwas Neues ausprobiert, um an dieser als schwierig geltenden Stelle überleben zu können. „Man muss Veränderungen mitgehen“, sagt der Eislinger, der seit Kurzem ein neues Geschäftsmodell hat – abgeguckt in Italien: Lotto, Espresso, Zigaretten, „eine Konstellation, wie sie selten in Deutschland ist“.

Das Konzept geht auf, der Laden brummt. Ein paar Frauen haben es sich bei einem Cappuccino an einem der Tische gemütlich gemacht, an der Theke steht ein Kunde bei einem Espresso in seine Zeitung vertieft. Kostenloses W-Lan gibt es auch, für jene, die beim Kaffeetrinken arbeiten wollen. Viele kennen sich, 50 Prozent sind Stammkunden und wohnen in der Nähe.

Eine Zeitlang war Klaus Gromer schon bange, „durch die Abwanderung der Arztpraxen auf den Schlossplatz hatte ich Umsatzeinbußen“. Und dass die Eislinger bei einem Bürgerentscheid den schnellen Umbau der Hirschkreuzung zu einem Kreisverkehr verhindert hatten, sei „der Tod für Eislingen-Süd“ gewesen“. Aber Totgesagte leben länger. Nebenan haben vor einigen Wochen Jens und Jana Dehn ein kleines Lebensmittelgeschäft eröffnet. Als Taxi-Jens hat der VfB-Fan zehn Jahre jeden Morgen beim Radio-Sender „Die Neue 107,7“ frei von der Leber weg das aktuelle Tagesgeschehen kommentiert und der Weihnachtsbeleuchtung, den „Unterhosen“, zu weltweitem Ruhm verholfen. Jetzt mischt der 47-Jährige den Eislinger Einzelhandel auf und steckt seine Nachbarn mit Schwung und neuen Ideen an.

Ein „Schicksalsschlag“ habe ihn bewogen, nach 15 Jahren aus dem Taxigeschäft auszusteigen, erzählt Dehn. Schon als Taxifahrer hat er von einem Kunden Eier geholt und verkauft. „Weil die so gut sind“, fanden sich immer mehr Abnehmer. Da er schon einen kleinen Kundenstamm hatte, dachte Dehn daran, fortan mit einem Verkaufsstand seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, „aber die Plätze sind rar“. Dann las er von einem Laden, der in Eislingen, wo er geboren ist und wohnt, zu vermieten war. Dehn bekam den Zuschlag.

Mit dem „Prinzip Tante Emma“ auf 40 Quadratmetern  – frisches Obst aus der Region, Eier, eine kleine Auswahl an Molkereiprodukten und mediterrane Spezialitäten – trotzt das Ehepaar nun dem Trend, dass sich kleinflächige Lebensmittelgeschäfte angeblich nicht lohnen. „Uns haben alle für verrückt erklärt“, sagt Dehn grinsend. Aber die Lage sei gut, „da kommen in 30 Minuten 60 Leute vorbei“. In dem kleinen Geschäft ist ein Kommen und Gehen, eine junge Mutter lässt sich Kirschen einpacken, einer älteren Frau hilft Dehn, den Rollator ins Geschäft zu schieben. „Wir bedienen, das gefällt den Leuten.“ Vor allem die Ansprache sei wichtig. Dass er den Umgang mit den Kunden genießt, braucht der Bär von einem Mann und „bekennende Genussmensch“ nicht zu betonen.

Vorwiegend ältere Menschen aus der Umgebung finden den Weg in die drei Geschäfte in der Bahnhofstraße. „Die wollen keine riesige Auswahl, aber halt mal nur drei Kartoffeln oder Eier kaufen“, nennt der Geschäftsmann sein Rezept, das ihm binnen weniger Wochen wachsende Kundschaft beschert habe. Die drei Geschäfte im Centralbau profitieren voneinander, bestätigt Irmi Schott, die Dritte im Bunde, die mit ihrem Buch- und Papierwarengeschäft im Frühjahr umgezogen ist und nun die Räume des früheren Textilhauses Joos wieder mit Leben füllt.

Der neue Standort habe sich bewährt, „besser kann man’s gar nicht kriegen“, sagt Schott. „Nebenan Obst und Gemüse, bei mir das Buch kaufen und dann bei Gromer lesen und Kaffee trinken.“ Service, Qualität und der persönliche Kontakt zu den Menschen, werde geschätzt, ist die Geschäftsfrau überzeugt. Dass die drei Einzelhändler an einem Strang ziehen und auch gemeinsame Aktionen machen, beflügele das Geschäft. Irmi Schott setzt große Hoffnungen auf die Pläne der Stadt, das Haug-Areal und das Bahnhofsumfeld neu zu gestalten. „Ich denke, dass die Leute dann hier auch einkaufen.“ Sie wünscht  sich aber, dass die Stadt auf eine gute Mischung an Geschäften achtet.

Nebenan animiert Jens Dehn eine Frau, doch mal eine Kirsche zu probieren. Das türkische ­Joghurtgetränk Ayran verkaufe er nach einer Verkostung inzwischen palettenweise, sagt er grinsend. Auch wenn er jetzt Gemüse verkauft: Seine Fans hören ihn weiter im Radio, die Rubrik wurde einfach in „Täglich Jens“ umbenannt.

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