Ärger Nachbarn streiten um vier Pfosten

RALF HEISELE 09.09.2015
Vier rot-weiße Pfosten auf der Straße "Im Gässle" sind derzeit das Dorfgespräch in Unterböhringen. Dahinter verbirgt sich ein jahrelanger Nachbarschaftsstreit durch alle juristische Instanzen.

Seit ein paar Wochen ist eine Autofahrt "Im Gässle" in Unterböhringen etwas kompliziert: Vor der Linkskurve ist die kleine Sackgasse links mit einem und rechts mit drei Absperrpfosten auf drei Meter eingeengt worden. Größere Fahrzeuge kommen nicht mehr durch. Reine Schikane oder der berechtigte Schutz des Eigentums? Darüber wird im Ort heftig diskutiert und gestritten. Letzteres tun vor allem die Familien Bührle und Mann. Schon seit Jahren ist besagte Kurve das Streitobjekt der Nachbarn.

Die Vorgeschichte: Als in den 80er Jahren die kleine Straße asphaltiert wurde, hat die Familie Bührle auf eigene Kosten einen Teil ihres Grundbesitzes mitsanieren lassen. So entstand der Eindruck, dass die Flächen zur Straße gehören. Lange Zeit störte sich niemand an der nun verbreiterten Kurve. Vor 20 Jahren baute dann Wilhelm Mann am Ende der Sackgasse sein Haus - "ich hätte nie gebaut, wenn ich gewusst hätte, dass es so ein Theater gibt", sagt Mann heute. Das sieht Karl-Heinz Bührle anders. Für ihn ist sein Nachbar selbst schuld an der Misere. Mit der Zeit seien immer häufiger größere Fahrzeuge und Lastwagen - wohl auch Zulieferer für die Schlosserei, die Mann in Kuchen betreibt - durch das kleine Gässle und damit auch über Bührles Privatflächen gefahren und hätten am und um die Anwesen der Bührles Schäden angerichtet. Mehrmals sei die Hecke touchiert worden, einmal sogar die Straßenlaterne, dann wurde ein Blumentrog umgefahren und schließlich ein Garagentor zerstört, zählt Bührle auf.

"Völliger Unsinn", erwidert Mann. "Wenn ich mit meinem Fahrzeug immer die Hecke gestreift hätte, wären doch Kratzer an meinem Auto." Außerdem würden seine Zulieferer nach Kuchen fahren. Sein Haus in Unterböhringen steuern lediglich Paketdienste und dergleichen an. Mann bestätigt aber das kaputte Garagentor. Dies sei beim Rückwärtsfahren eines Lieferfahrzeugs entstanden, das einen Fernseher gebracht hatte. "Dafür kann ich doch nichts." Wilhelm Mann hebt hervor, dass nicht nur er und seine Familie die kleine Sackgasse benutzen. Ab und zu würden auch Eltern ihre Kinder in die nahegelegene Grundschule fahren. Mann sieht sich als Opfer: Die Nachbarn würden ihm und seiner Frau regelrecht auflauern. "Wir werden jedes Mal fotografiert, wenn wir um die Kurve fahren. Die müssen schon Hunderte Fotos von mir und meiner Frau haben."

Karl-Heinz Bührle wandte sich schließlich an die Gemeinde. Daraufhin fand vor zwei Jahren ein Ortstermin mit Bürgermeister Matthias Heim, einigen Gemeinderäten, den beiden Kontrahenten sowie einem Vermessungstrupp des Landratsamts statt. Dabei wurde der Grenzverlauf aufgezeichnet und mit einem Auto (Mercedes B-Klasse) getestet, ob eine Zufahrt zum Grundstück Mann möglich ist, ohne dabei die Privatflächen Bührles zu überfahren. Das Ergebnis: Es ist möglich. Laut Aktenvermerk der Gemeinde wurde nach "längerer, teilweise heftiger Diskussion" ein Kompromiss getroffen: Bührle duldet für eine Probezeit die Überfahrung seines Grundstückes, sofern Mann ihm "größere Lieferungen mittels Lkw" vorher mitteilt. Beide Parteien sollten versuchen, wenn schon nicht zu einem Miteinander, dann wenigstens zu einem Nebeneinander zu finden.

Doch Pustekuchen: Weder das Nebeneinander habe geklappt, noch sei die getroffene Vereinbarung eingehalten worden, sagen die Bührles. Also beschritten sie den Rechtsweg. Über das Geislinger Amtsgericht kam die Sache Ende vergangenen Jahres vor das Landgericht in Ulm. Dieses verbot Wilhelm Mann, die Grundstücke von Karl-Heinz Bührle mit Fahrzeugen zu überfahren. Bei Zuwiderhandlung wurde Mann ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro, ersatzweise eine Ordnungshaft von bis zu sechs Monaten angedroht.

Laut Bührle soll Mann das Ulmer Urteil aber nicht beachtet haben. Anfang des Jahres hat er seinen Nachbarn "wegen Unterlassung" erneut angezeigt, damit gegen ihn ein "empfindliches Ordnungsgeld" festgesetzt werde, wie es im Schreiben von Bührles Rechtsanwalt an das Geislinger Amtsgericht heißt. Doch dieses wies den Antrag als unbegründet zurück. Für die Richterin konnte Bührle weder mit Fotos noch mit einer Zeugin beweisen, dass Mann tatsächlich über sein Privatgrundstück gefahren ist. Bei der Beweisaufnahme vor Ort zog das Gericht die Glaubwürdigkeit der Zeugin in Zweifel. Sie habe zu Lasten Manns "ihre Sicht auf die Straße Im Gässle wesentlich positiver dargestellt, als sie es tatsächlich war."

Als "letzten Ausweg" hat Karl-Heinz Bührle deshalb Ende Juli seine Grundstücke mit den Pfosten gesichert. Seine Frau Martina betont: "Wir wollen unserem Nachbarn nicht die Zufahrt versperren. Uns geht es nur darum, dass keine größeren Fahrzeuge bei uns Schäden anrichten."

Dieses Ziel haben die Bührles erreicht. Doch die Pfosten sind seither Dorfgespräch. Auf Facebook gab es bitterböse Kommentare und Beschimpfungen. Auch wurde dort ein Bild veröffentlicht, das den Eindruck erweckt, die vier Pfosten würden jegliches Durchkommen auf der Straße blockieren.

Selbst Bürgermeister Matthias Heim hat sich inzwischen mit dem Fall beschäftigt. Er hat das Landratsamt eingeschaltet, woraufhin eine Verkehrsschau in Unterböhringen stattfand. Da man die Engstelle mit einem Pkw befahren kann und eine Straßenlampe die Situation bei Nacht ausleuchtet, sahen die Behördenvertreter keinen Handlungsbedarf. Nicht zuletzt hat Karl-Heinz Bührle der Gemeinde Schlüssel übergeben, damit im Notfall die Pfosten entfernt werden können. Der Bürgermeister hofft derweil noch auf eine "einvernehmliche Lösung" im Nachbarschaftsstreit. Allerdings ist ein erster Versuch gescheitert: Heim hat den Bührles vergeblich einen Grundstückstausch angeboten, "um die Situation zu entschärfen".

Für Wilhelm Mann haben die Pfosten nur einen Grund: "Das machen die nur, um mich zu ärgern und zu schikanieren." Mann hat seine eigenen Ideen, um den Bührles aus dem Wege zu gehen. Er hat dem Landratsamt in Göppingen angeboten, Asylsuchende in seinem Wohnhaus unterzubringen. Dann würde er wegziehen, "um endlich Ruhe zu haben."