Etwas abgehetzt betritt ein junges Pärchen das CasaNova: "Sorry, ging nicht früher, habt ihr noch einen Platz für uns?". Matthias Renning hat. Nach dem Motto was nicht passt, wird passend gemacht, organisiert er seinem Naturell entsprechend ganz entspannt von irgendwo zwei Stühle. Hektik oder Unruhe passen weder zum Hausherrn, noch zu dem gemütlichen Begegnungscafé.

Und das ist mittlerweile zur Freude des Vereins Casa Nova zum Bersten gefüllt, was wohl auch dem heutigen Musiker geschuldet ist. Während es sich einige Besucher auf der Treppe zur Empore gemütlich machen, stehen letzte Zuspätkommer eng aneinander gekuschelt an der Wand. Nähe und Begegnung, fröhliches Miteinander und Beisammensein wird im Casa Nova sowohl unter den Gästen, als auch bei den Musikern und Künstlern großgeschrieben. Ob Volkstümliches mit dem Akkordeon, fetziger Rock oder spanische Folklore, jede Art von Musiker - ob Profi oder Amateur - ist gekommen. Zu dem bunten Sammelsurium an kulturellen Veranstaltungen gehören auch wechselnde Ausstellungen und Vernissagen, Kleinkunst, Kreativkurse, Lesungen oder spannende Vorträge. Umrahmt wird das Ganze mit einem Büchertisch, Programmen für und mit Kindern, eine Spielecke, Brunch mit Unterhaltung sowie ein monatliches Frühstücksbuffet.

Am Samstag will David Blair zum selbstgemachten Rüblikuchen begeistern. Handgemacht - wie fast alles im Casa Nova - wo der Begriff Zeit fast sekundär ist. Also, schnell noch ein Bierchen bestellen. Doch egal wer oder was kommt, in diesem Teil Rechberghausens herrscht promillefreie Zone. "Natürlich muss bei uns keiner auf sein Bier oder einen Cocktail verzichten, aber eben alles alkoholfrei", betont Matthias Renning. Und sollte doch mal ein Gast "berauscht" oder "trunken vor Glück" sein, dann liegt es ganz klar an der coolen Mucke der internationalen Musiker.

Einige Minütchen später greift der kanadische Sänger und Songwriter mit dem Gute-Laune-Gen zur Gitarre - und spielt doch noch nicht. Denn im Begegnungscafé begrüßt der Chef noch persönlich das Publikum: "Vielen Dank fürs Kommen und denkt bitte daran, kein Hartgeld in die Mütze reinwerfen, am Ende bricht noch der Boden durch", witzelt der Hausherr und überlässt anschließend die imaginäre Bühne dem agilen Musiker.

Das Stimmengewirr verstummt, alle Blicke sind auf David Blair gerichtet. Ein paar Leute in der oberen Etage haben ihren Stuhl direkt ans Geländer gerückt, schauen drüber oder durch die Gitterstäbe nach unten - ein höchst seltener Blick auf einen Interpreten. Ob das allerdings den dahinter am Tisch sitzenden Gästen wirklich so gefällt? Matthias Renning wird's schon richten, denn: in der Ruhe liegt die Kraft.

Nach zwei, drei Titeln hat auch Sabine Renning ein wenig Luft. Kaffee, Kuchen oder Saiten und Kartoffelsalat sind vorbereitet und überhaupt, beim eingespielten (Küchen)Team mit und ohne Handicap läuft eh' alles Hand in Hand. Da ein freundliches Hallo, dort eine liebevolle Umarmung oder ein Küsschen auf die Wange, wie schön, es sind wieder viele Stammgäste da. Noch ein paar organisatorische Sätze unter Eheleuten, es läuft. Der quirlige Sänger hat das Publikum vom ersten Ton an auf seiner Seite, dort wippende Füße, da trommelnde Finger auf der Tischplatte. Egal, ob sich da einer die Seele aus dem Leib singt, unplugged die Saiten zupft oder auf die Tasten hämmert, in den meisten Musikkneipen unterhalten sich die Gäste gut hörbar weiter oder blicken aufs Smartphone. Nicht so im Casa Nova, da werden die Künstler noch wertgeschätzt, verraten die Geschäftsführer Matthias und Sabine Renning. Behagliches Kerzenlicht und bunte Scheinwerfer, gemütliche Atmosphäre, freundliches Personal und nette Gäste. Wem nur Zusammensitzen zu öde ist, singt oder tanzt einfach mit.

Alles kann, nichts muss. Im Casa Nova geht es um Lebensgefühl und das harmonische Miteinander. Egal, welcher Herkunft, Religion oder mit und ohne Handicap. Denn seit 2010 macht es sich der Verein Casa Nova zur Aufgabe, benachteiligte Menschen zu unterstützen. Dies bedeutet auch, Menschen mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung sowie Menschen aus sozial schwierigem Umfeld eine Aufgabe in Form von Arbeit zu geben.

Info Am Samstag spielt im Casa Nova der Songwriter, Pianist und Sänger Paul Millns, von dem Elke Heidenreich sagte, er sei ein "melancholischer, wunderbarer und sensibler Texter". Das Konzert beginnt um 19.30 Uhr. Weitere Veranstaltungen unter: www.casanova-rechberghausen.de. Diesen und alle weiteren bisher erschienenen Beiträge zur Musikkneipen-Serie samt Bildern und einem Leitartikel zur Göppinger Bandszene gibt es online unter: www.swp.de/musikkneipen.