Bad Boll Mucksmäuschenstill im Saal

Jule Beck füllte mit ihrer Konzertharfe das Tonnengewölbe des Festsaals.
Jule Beck füllte mit ihrer Konzertharfe das Tonnengewölbe des Festsaals.
ULRICH KERNEN 19.03.2014
Junge Preisträger des Wettbewerbs "Jugend musiziert" zeigten im Königlichen Festsaal des Kurhauses Bad Boll ihr Können. In der Reihe "Töne der Klassik" erlebten die Besucher bemerkenswerte Darbietungen.

Das Festkonzert ist Ausdruck der Anerkennung einer durch geduldiges Üben der jungen Musici erbrachten Leistung, die nicht perfekt sein musste, wohl aber mit Herzblut präsentiert. Und das war auf rührende Weise bereits bei der ersten Preisträgerin zu erleben: Tabea Kindermann (Klavier). Sie eröffnete das Programm mit Beethovens "Elise", die als Handy-Motiv millionenfach abgedroschen und zur Unkenntlichkeit wiederholt wurde. Und - oh Wunder - was gab es zu hören? Tabea spielte ihr Staunen über diese wundervolle, für sie neue Musik! So etwas kann heute wohl nur ein Kind, das noch nicht durch Musikkommerz oder Perfektionswahn verdorben ist. Das zog sich auch durch ihre beiden weiteren Stücke.

Der junge Harfenist Jannis Graf, dessen Beine noch an kein Pedal, geschweige denn auf den Boden reichen, war dann die Ruhe selbst. Dieses junge Talent musizierte in großer Bedächtigkeit schlichte Harfenstücke. Bei einem ereignete sich aber etwas ganz Außergewöhnliches. Bernard Andrés "Ribambelle 8, Lent" mit einer sehnsuchtsvollen Melodie ließ die Zuhörer intensiv aufhorchen. Und deshalb wurde es mucksmäuschenstill im Saal. Das hat nach ihm niemand an diesem Abend geschafft!

Herzhafter ging danach Ludwig Mayer (Klavier) zu Werk. Das Dramatische und das Rasante hatten es ihm angetan. Was ihn aber zusätzlich auszeichnete, war der lange Atem, mit dem er "Haiku, Calmy" von Christopher Norton nachempfinden und durchhalten konnte. Ein Violoncello-Quartett (Albrecht Ebert, Paul Gamm, Alexander Henn und Michael Hessenbruch) beeindruckte seine Zuhörer durch präzises, überlegenes Zusammenspiel, wobei es im Laufe der ausgewählten Werke immer besser zu dynamischer Balance fand. Besonders delikat präsentierten die vier Herren den "Geisterstunden-Tango" von Joschi Tansman. Auf solider spieltechnischer Basis nahmen sie im Sinne guter Parodisten das Stück auf der eine Seite tiefernst, um es auf der anderen durch kleine, gekonnte Übertreibungen unversehens ins Komische zu verwandeln . . . Das ist schon sehr fortgeschrittene Kunst!

Im zweiten Teil füllte Jule Beck mit ihrer Konzertharfe das Tonnengewölbe des Königlichen Festsaales auf eklatante Weise. Verwandelte sie noch die sehr ernsthaft gespielte alte "Pavane de bransles" von Anthoine Francisque in ein romantisches Erlebnis, so war das Nocturne von Alan Hovhaness ein Beispiel für die Noblesse des Harfenklangs. Voller dunkler Klang alternierte mit silberhellen Arpeggien. Das romantische Rauschen der "Impromptu-Caprice" von Gabriel Pierné rundete ihren Auftritt eindrucksvoll ab.

Ead Anner Rückschloß trat wie schon einige Jahre zuvor als Letzter auf und markierte wie gewohnt eine andere Niveaustufe. Bei ihm ist der Übergang zur Professionalität bereits vollzogen. Er hatte mit Béla Bartok, Debussy und Liszt drei Hochkaräter ausgewählt, die den Rahmen des Wettbewerbs nach Schwierigkeit und Länge eigentlich schon sprengten. Eads Perfektion ist bemerkenswert: In Bartóks Suite opus 14 lief die Motorik wie festgezurrt, nichts war dem Zufall überlassen. Bei Debussy wurde sodann Schwere in Leichtigkeit verwandelt - bis ins letzte Detail passend abgemischt. Als Höhepunkt wurde Liszts "Mephisto-Walser" ausgewählt. Das ist ein musikalischer Hexenritt, gespickt mit vielen unerhörten Schwierigkeiten. Phänomenal war unbestritten die Leichtigkeit, mit der Ead Rückschloß diesen pianistischen Prüfstein gemeistert hat.