Naturgewalt Mostfässer schwammen im Keller

Der Gruibinger Büttel alias Rudolf Härle an einem Schwerpunkt des Hochwassers vor 80 Jahren: In der Königstraße neben dem Hohlbach (links) war Land unter.
Der Gruibinger Büttel alias Rudolf Härle an einem Schwerpunkt des Hochwassers vor 80 Jahren: In der Königstraße neben dem Hohlbach (links) war Land unter. © Foto: Staufenpress
Jürgen Schäfer 12.01.2018
Sturmtief „Burglind“ hat es wieder vor Augen geführt: Die Wassermasen kommen immer wieder. Der Gruibinger Büttel erinnert an das Hochwasser im Flecken vor 80 Jahren.

Es war ein Sonntag im August. Zur besten Urlaubszeit, würde man heute sagen. Damals stand noch die Landwirtschaft im Vordergrund, und Pfarrer Frieß lud die Gläubigen am Abend zur Erntebetstunde ein. Gefeiert wurde aber auch. War es der Liederkranz oder der Musikverein – auf dem Festplatz am Ortsausgang spielte jedenfalls die Musik. So weiß es Wilhelm Moll, damals ein Bub von fünfeinhalb Jahren. Er durfte dabei sein und war nach seiner Erinnerung allein, als es gegen Abend dort sehr ungemütlich wurde. „Es kam ein Gewitter, ein Wolkenbruch“, erzählt er. Die Festbesucher hatten Glück: Sie konnten sich unter ein Dach flüchten. An diesem Festplatz etwa beim heutigen Feuerwehrmagazin wurde damals gerade ein neuer Kindergarten gebaut. Der Rohbau stand schon. Alles hat sich dort hineingedrängt, schildert Moll. Als der Bub nach Hause lief, stand das Wasser in der Straße, die ins Unterdorf führte. „Ich bin durchs Wasser gelaufen“, erzählt er, bis zu der Stelle, wo das Wasser einfach in den Bach geflossen ist. Dort hat er sich auf ein Mäuerle gestellt und gewartet, bis sich die Fluten verlaufen haben.

Dramatisch liest sich, was Pfarrer Frieß aufschrieb. Der Gruibinger Büttel Rudolf Härle hat es hervorgeholt und bringt es seinen Gruibingern gerne nahe. Damit sie die Hochwassergefahr ernst nehmen und sich wappnen. Was der Pfarrer schildert:

„Kurz vor 20 Uhr, als schon die Buben zum Läuten der Glocken in die Kirche kamen, zeigte sich im Norden eine ganz unheimliche, seltsam gefärbte Wolke. Alle dachten, sie werde wohl vorüberziehen (es kommt ja selten vor, dass zu uns ein Gewitter von Norden hereinbricht); doch wurden für alle Fälle wie immer rasch Kerzen und Zündhölzer bereitgestellt, weil man ja immer mit dem Ausgehen des elektrischen Lichtes rechnen musste.“

Der Kelch ging nicht vorüber. Das Unwetter brach los, als die Glocken läuteten, Blitze zuckten fast ununterbrochen, und der Donner schlug krachend auf das Dorf ein, schrieb Frieß. „Wer nur ein paar Schritte ins Freie wagte, wurde sofort klatschnass und hatte Mühe, sich gegen den Sturm zu stemmen. An die nördlichen Kirchenfenster klatschte der Regen, bald immer mehr mit Hagelkörnern  vermengt. Es war jetzt schon zu glauben, dass viele Leute nicht mehr zur Kirche kommen konnten.“ Der Pfarrer weiter: „Wenn man gegen den Rufstein sah, konnte man meinen, es tobe ein Schneesturm, nur dass alles Hagelkörner waren.“

Regen, Hagel und Sturm hielten auch während des Gottesdienstes an, und die Folge war: Wasser lief in die Kirche. Es kam wohl vom Kirchengelände, der Bach ist weit weg, und es lief im Mittelgang bis vor zum Taufstein, berichtet der Geistliche. „Nach dem Gottesdienst war nur noch das Wasser zu schöpfen und trocken zu wischen.“

Das war aber nicht alles. Im Oberdorf, so musste der Pfarrer feststellen, habe das Unwetter noch ganz anders gewütet. „Die Keller waren bis an die Decke  voll mit Wasser, Mostfässer schwammen im Keller, Eier und Brotlaibe auf der Straße herum. Bloß gut, daß die meisten Mostfässer rund waren, die konnte man bei ablaufenden Hochwasser wieder leicht auf die Liege bug­sieren.“

Brennpunkt Königstraße: In der „Schoppagass“, die neben dem Hohlbach liegt, „waren die Häuser so überflutet, dass man von der Stube hinaus ins Wasser greifen konnte“, schrieb der Pfarrer. „Der Autoverkehr musste eingestellt werden und manches Fahrzeug wurde durch den Omnibus aufs Trockene gezogen. Durch offene Kamine strömte  Wasser und  Kaminruß  in die Küchen.“

Auf den Feldern sah es entsprechend aus. „Am schlimmsten war es am Kornberg“, berichtet der Pfarrer. „Alle Frucht war zu Boden geworfen, Gerste, Hafer, Weizen und Korn waren  zerstört. Futtergewächse und Kartoffeln wurden ebenso zerschlagen,  Gemüsegärten und Obstbäume vernichtet.“ Auch im Wald sah es wüst aus am Tag danach, dem 8. August 1938. „Der Waldboden war völlig bedeckt mit Zweigen, Ästen und Blättern. Manche Steigen waren beschädigt und teilweise ganz unbefahrbar geworden.“

Schutz vor großem Hochwasser

Pläne Vor anderthalb Jahren hat sich der Gruibinger Gemeinderat von einem Experten sagen lassen, was alles getan werden müsste zum Schutz vor einem großen Hochwasser. Weiterverfolgt hat das die Gemeinde bisher nicht. Es wäre teuer.

Verbesserungen Es lief aber trotzdem etwas zur Vorsorge. Bürgermeister Roland Schweikert verweist auf die Sandsackabfüllabmaschine, die sich der Verband Oberes Filstal angeschafft hat. Am Winkelbach betreibt man Gewässerpflege mit einem gewissen Hochwasserschutz-Effekt.