Am vorletzten Prozesstag prasseln schlechte Nachrichten auf den 37-jährigen Angeklagten ein. Neben der Anklage wegen Mordes aus niederen Beweggründen könnte dem mutmaßlichen Täter am kommenden Mittwoch am Ulmer Landgericht auch Mord aus Heimtücke, eine besondere Schwere der Schuld sowie Schwangerschaftsabbruch zur Last gelegt werden. Das Strafmaß für Mord beträgt lebenslänglich, in der Regel mindestens 15 Jahre.

Der türkischstämmige Mann soll im April seine im dritten Monat schwangere Ex-Freundin in einer Donzdorfer Metzgerei getötet haben. Dorthin hatte sie sich vor ihm mit den gemeinsamen Kindern geflüchtet. Beim Betreten der Metzgerei begann der Angeklagte mit einem mitgebrachten Küchenmesser auf die 25-Jährige einzustechen. In Folge der 21 Stichwunden starb die junge Mutter noch vor Ort – die drei, fünf und sechs Jahre alten Söhne sahen die Tat mit an.

Mangel an Empathie

Von Reue oder Emotion ist dem Angeklagten bei der Verhandlung zumindest äußerlich nichts anzumerken. Ein psychologisch-ärztliches Gutachten, das in der Verhandlung am Montag vom Sachverständigen vorgestellt wurde, zeigt: Der Mann besitze einen Mangel an Empathie, fehlendes emotionales Mitgefühl selbst mit engen Familienangehörigen, sei reizbar, impulsiv und egozentrisch. „Er schwankt zwischen Gefühlen der Einzigartigkeit und der Geringschätzung“, sagt der vom Gericht bestellte Sachverständige am vierten Prozesstag.

Immer wieder hatte der Angeklagte sein vermeintliches Alkoholproblem zur Sprache gebracht. Außerdem machte er Erinnerungslücken geltend, die jedoch nur den konkreten Tatzeitraum betrafen. Da sei alles „schwarz“, gab er über seine Dolmetscherin zu verstehen. Als „zweckgerichtetes Aussageverhalten“ bezeichnete dies der Gutachter. Oberstaatsanwalt Stefan Adamski attestierte: „Immer wenn es interessant wird, kann der Angeklagte sich nicht erinnern.“ Der Sachverständige kam zu dem Schluss, dass sowohl psychische Beeinträchtigungen als auch eine Störung des Bewusstseins durch Alkohol auszuschließen seien. Seiner fachlichen Meinung nach habe es sich bei den nach der Tat gemessenen vier Promille um einen sogenannten „Nachtrunk“ gehandelt. „Bereits bei einer mittleren Trunkenheit hätte er Sprachstörungen oder Schwierigkeiten beim Gehen nicht verbergen können“, sagte er. Alle Zeugen hatten in der Befragung ausgesagt, der Angeklagte sei ihnen nicht betrunken vorgekommen.

Am Prozesstag am Montag fügen sich weitere Zeugenaussagen sowie das psychologische Gutachten zu einem Bild einer dysfunktionalen Beziehung, die in die Bluttat mündete. Immer wieder hätten sich der Angeklagte und das spätere Opfer heftig gestritten, sich getrennt und wieder vertragen. Aber auch der mutmaßliche Täter sei häufig Opfer des Wankelmuts seiner Partnerin gewesen, sagte der psychologische Sachverständige vor Gericht. Und weiter: „Nicht der Stärkere, sondern der Schwächere wird zum Täter.“