Wer einen Termin beim Physiotherapeuten braucht, der muss sich in Geduld üben. Eine Wartezeit von vier Wochen und mehr ist keine Seltenheit. Einer der Gründe: In den physiotherapeutischen Praxen fehlen Mitarbeiter und das vorhandene Personal arbeitet seit langem am Limit. Das schreibt Lothar Lehner, Kreisverbandsleiter des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft in einer Pressemitteilung.

Alarmstimmung in den Praxen

In den physiotherapeutischen Praxen herrscht Alarmstimmung. Es fehlt vorne und hinten an Personal und der Markt ist wie leergefegt. „Wir haben offene Stellen und außerdem werden uns in den nächsten Monaten zwei Mitarbeiterinnen in Mutterschutz verlassen“, so beschreibt Gerhard Oechsle, der Geschäftsführer von Respofit in Geislingen, die Situation. In den letzten Jahren habe er zudem nur zwei Bewerbungen gehabt. Zu wenig, um den Personalbedarf mit qualifizierten Mitarbeitern zu decken.

Kreis Göppingen

„Ermüdend und demotivierend“

Ähnliches berichtet auch Andreas Cerrotta aus seiner Praxis physiomed in Eislingen. Damit die Patienten nicht noch länger auf einen Termin warten müssen, springen er und seine Mitarbeiter in den regulären Pausen und am Feierabend ein. „Eine sehr unbefriedigende Situation, dauerhaft am Limit zu laufen. Das ist sehr ermüdend und demotivierend“, sagt Cerrotta.

Die aktuelle Situation in den Praxen bestätigt auch Patrick Schümann aus Geislingen. Der medizinische Masseur und Therapeut behandelt zwar nur Privatpatienten, doch deshalb sind seine Personalprobleme nicht gelöst. „Ich habe inzwischen sogar einen Personaldienstleister engagiert, der für uns Ausschau nach Mitarbeitern hält.“ Bislang mit wenig Erfolg. Ändert sich alsbald nichts, will Schürmann versuchen, aus dem benachbarten Ausland qualifizierte Kräfte anzuwerben.

Die Ebbe auf dem Arbeitsmarkt hat für die Physiotherapeuten gleich mehrere Ursachen. Zum einen ist es die dreijährige Ausbildung, die überwiegend in Privatschulen erfolgt. Die Gebühren sind von den Schülern zu tragen und liegen bei rund 400 Euro im Monat. Auch Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen, die der Neueinsteiger nach der Ausbildung absolvieren sollte, um möglichst flexibel einsetzbar zu sein, trägt man selbst. „Das summiert sich ganz schnell auf hohe Beträge“, weiß Patrick Schürmann.

Schlechte Entlohnung

Geld, das man als dann gut qualifizierter Therapeut kaum wieder verdienen kann. Denn die Arbeit wird im Verhältnis zu anderen Berufen schlecht entlohnt. „Das, was wir für unser Heilmittel bekommen, liegt im Niedriglohnbereich. Kein Handwerker würde für einen solchen Stundenlohn arbeiten können und wollen“, so Andreas Cerrotta. Die Vergütung durch die Kassen sei so schlecht, dass sich die durch Hin- und Rückfahrt zeitintensiven Hausbesuche erst recht nicht mehr lohnen, weiß Gerhard Oechsle.

Leidtragende seien hier vor allem die Gehbehinderten und Bewohner in Seniorenheimen. Gut ausgebildete Physiotherapeuten verdienen in den ersten Jahren selten mehr als 2000 Euro im Monat, weiß Cerrotta. „Zu wenig, um eine Familie zu unterhalten.“

Der demografische Wandel wird in den nächsten Jahren die Nachfrage nach Physiotherapie noch einmal erhöhen. Um den Zusammenbruch der Branche zu vermeiden, sei eine Reform der Ausbildung unumgänglich, meinen die Physiotherapeuten. Wie diese aussehen könnte, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Kostenlos müsste sie aber sein und eventuell bisherige ­Zusatzqualifikationen beinhalten. Auch die Akademisierung der Ausbildung, so wie in den ­meisten europäischen Ländern schon lange Praxis, könne der richtige Weg sein, um junge Menschen wieder für den Beruf zu begeistern.

Schließlich müsse die Bezahlung besser werden. Hier sehen die Therapeuten vornehmlich die Kassen in der Pflicht. „Die haben lieber gerne mehrere Milliarden Euro auf der Seite, anstatt die Heilmittelvergütungen entsprechend heraufzusetzen“, schimpft Andreas Cerrotta.

Welche Modellprojekte es derzeit gibt und weshalb es den Physiotherapeuten an einer starken Interessenvertretung mangelt, lesen Sie in der Donnerstagsausgabe der NWZ sowie im E-Paper.

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