Ökologie Misteln werden zur Gefahr für Streuobstwiesen

Misteln auf einer Streuobstwiese: Befallen sind vor allem ältere Apfelbäume, die nicht mehr so intensiv gepflegt werden.
Misteln auf einer Streuobstwiese: Befallen sind vor allem ältere Apfelbäume, die nicht mehr so intensiv gepflegt werden. © Foto: Tilman Ehrcke
Markus Munz 03.01.2018
Streuobstwiesen sind auf vielerlei Weise bedroht. Jetzt breiten sich auch noch Misteln aus und werden zur Bedrohung.

Mistelzweige sind eine allseits beliebte Weihnachtsdekoration. Aus den USA und Großbritannien ist der Brauch überliefert, dass sich Verliebte unter einem Mistelzweig küssen sollen. Den kugelförmig wachsenden Pflanzen werden zudem Heilkräfte nachgesagt. Weniger bekannt ist dagegen, dass Misteln eine Gefahr für heimische Obstbäume darstellen. Denn Misteln sind Halbschmarotzer. Sie haben keine eigenen Wurzeln, sondern suchen sich zum Wachsen einen Wirtsbaum, dem sie Wasser und Nährstoffe entziehen. Im schlimmsten Fall kann der Baum absterben.

„Das Problem begleitet uns schon länger, in letzter Zeit aber verstärkt“, berichtet Rainer Klingler, Obstbauberater im Landratsamt. Tausende Bäume im ganzen Landkreis seien davon betroffen. Das Landwirtschaftsamt hat eigens eine Broschüre zu dem Thema herausgegeben. Vor allem auch aus dem Raum Kirchheim wurde kürzlich von einer übermäßigen Ausbreitung der Mistel berichtet.

Auch in Ebersbach und Umgebung sind Streuobstwiesen betroffen. „Wir haben in Weiler und in der Nähe von Büchenbronn zwei Gebiete mit vorwiegend älteren Obstbäumen, bei denen wir gerade dabei sind, die Misteln herauszuschneiden“, berichtet Landespfleger Christoph Ebensberger von der Ebersbacher „Zukunftswerkstatt Umwelt und Landwirtschaft“, die sich unter anderem für die Erhaltung der Streuobstwiesen einsetzt.

Ältere Bäume sind meist schwächer und daher anfälliger für den Mistelbefall. „Von dort greift es dann auch auf andere Bäume über“, weiß Ebensberger. Um das zu verhindern, müssen die Misteln aus den Baumkronen herausgeschnitten werden.

Das Landwirtschaftsamt empfiehlt, befallene Äste gleich komplett oder mindestens an der nächstliegenden Astgabel zu entfernen, um ein neues Austreiben zu verhindern. „Meist fängt es klein an, aber spätestens nach drei bis vier Jahren sieht man die grünen Mistelkugeln“, erklärt Klingler. Für das Abschneiden sei es im Prinzip nie zu spät, dramatisch könne es lediglich für ältere Obstbäume enden, die schon lange Zeit nicht mehr gepflegt wurden. „Das ist schon ein relativ großer Aufwand, den heute viele nicht mehr betreiben wollen“, bedauert er.

Im Rahmen von Schnittunterweisungen und Fachwartausbildungen klärt das Landwirtschafts­amt auch über die Mistel auf. Am weitesten verbreitet ist hierzulande die Laubholzmistel mit ihren weißen Beeren, die im Dezember reif werden. Vögel fressen die Beeren, scheiden Reste davon aus und verbreiten sie so auch auf weiter entfernte Wirtsbäume. Betroffen sind übrigens fast ausschließlich Apfelbäume. Den Grund dafür kennt auch Klingler nicht.

„Die Mistel steht nicht unter Naturschutz, obwohl viele Leute das denken“, ergänzt Christoph Ebensberger. Das Abschneiden ist somit bedenkenlos möglich. Dabei fällt mitunter eine große Menge Schnittgut an. In Ebersbach wurde für die Mistelzweige eine sinnvolle Verwendung gefunden. Ebensberger hat sie der Marktschule für ihren Weihnachtsmarkt überlassen.

Aus Mistelbeeren wurde Leim gemacht

Misteln sind Pflanzen der Gattung Viscum aus der Familie der Sandelholzgewächse (Santalaceae).

Der Name Mistel (althochdeutsch mistil) ist mit Mist verwandt. Mistelsamen werden von Vögeln gefressen und gelangen mit ihren Ausscheidungen wieder auf die Bäume.

Der lateinische Gattungsname Viscum ist identisch mit dem lateinischen Wort viscum für „Leim“. Von den Römern wurde aus den klebrigen Beeren Vogelleim hergestellt, der dem Vogelfang diente. Der Begriff Viskosität (Zähflüssigkeit) geht auf spätlateinisch viscosus „klebrig“ zurück und damit ebenfalls auf den Schleim der Mistelbeeren. Quelle: Nabu