Mindestlohn Fast jeder Euro mehr fließt in den Konsum

Fast jeder zusätzliche Euro wird für Konsum ausgegeben.
Fast jeder zusätzliche Euro wird für Konsum ausgegeben. © Foto: dpa
Kreis Göppingen / SWP 12.01.2019
Der neue Mindestlohn bringt im Kreis 832 000 Euro mehr an Kaufkraft. Fast jeder Extra-Euro wird für Konsumgüter ausgegeben.

Der Mindestlohn ist zum Jahresbeginn um 35 Cent auf jetzt 9,19 Euro pro Stunde gestiegen – und mit ihm der Verdienst von 3340 Menschen im Landkreis Göppingen. So viele Beschäftigte arbeiten dort aktuell zum gesetzlichen Lohn-Minimum. Auch die Wirtschaft im Kreis profitiert von diesem Anstieg: Die Kaufkraft wächst durch das Plus in diesem Jahr um 832.000 Euro. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit. Sie beruft sich auf eine aktuelle Analyse des Pestel-Instituts aus Hannover, das die Auswirkungen der Mindestlohn-Entwicklung regional untersucht hat.

Zusätzliches Geld fließt in den Konsum

Fast jeder Euro, den Mindestlohn-Beschäftigte am Monatsende extra haben, fließt in den Konsum. Und einen Großteil davon geben sie vor Ort aus“, sagt Karin Brugger, Geschäftsführerin der NGG-Region Ulm-Aalen-Göppingen. Wer zum untersten Lohn arbeite, könne nichts auf die hohe Kante legen. Für die Gewerkschafterin ist der gesetzliche Mindestlohn aber auch nach der aktuellen Erhöhung zu niedrig: „Selbst für eine Vollzeitkraft ist es extrem schwer, mit dem Mindestlohn klarzukommen. Gerade dann, wenn auch noch Kinder im Haushalt leben. Und bei steigenden Mieten sowieso.“

Forderung: Stärkeres Mindestlohn-Plus

Die NGG fordert deshalb ein deutlich stärkeres Mindestlohn-Plus. Erst in einer Größenordnung von mehr als zwölf Euro pro Stunde werde die Lohnuntergrenze „langsam armutsfest“. Brugger sieht bei den Löhnen „Luft nach oben“ und die Arbeitgeber in der Pflicht: „In Branchen wie dem Gastgewerbe und dem Bäckerhandwerk gehen trotz guter Wirtschaftslage selbst Fachkräfte oft nur mit dem gesetzlichen Minimum nach Hause.“ Messlatte sei aber nicht der Mindestlohn, sondern der Tariflohn.

Die Geschäftsführerin prangert die zunehmende Tarifflucht als Hauptgrund dafür an, „dass seit Jahren viel zu viele Menschen im Niedriglohnsektor gefangen sind“. Sie fordert deshalb die Unternehmen dazu auf, sich zu Tarifverträgen zu bekennen: „In den Tarifverträgen der NGG sind meist deutlich höhere Löhne, auch in den unteren Lohngruppen, vereinbart. Und wer nach Tarif zahlt, der hat auch zufriedenere Mitarbeiter, die sich im Job engagieren.“

Brugger betont, dass von der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns seit 2015 rund vier Millionen Menschen profitiert haben. Allerdings werde dieser gesetzliche Anspruch viel zu wenig kontrolliert, weil die Finanzkontrolle Schwarzarbeit nach wie vor nicht ausreichend personell ausgestattet sei. „Es gibt viel zu viele Schlupflöcher: Arbeitszeiten werden nicht korrekt erfasst oder Überstunden nicht bezahlt, um den Mindestlohn massenhaft zu umgehen. Das ist ein Skandal.“

Der Mindestlohn im Überblick

Bei seiner Einführung 2015 lag der Mindestlohn bei 8,50 Euro pro Stunde. Nach dem Mindestlohngesetz steigt er alle zwei Jahre. Wie hoch das Plus ist, hängt vor allem von der Entwicklung der Tarifverdienste ab.

Läge der aktuelle Betrag bei 10,19 Euro die Stunde, würde nach den Berechnungen des Pestel-Instituts die Kaufkraft im Kreis sogar um 6,8 Millionen Euro steigen. Davon würden außer den Mindestlohnempfängern auch die Beschäftigten profitieren, die derzeit für einen Stundenlohn arbeiten, der nur knapp oberhalb des gesetzlichen Mindestlohns liegt. In der Summe wären das 8500 Menschen.

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