Kreis Göppingen Neue Medikamente zur Behandlung von Migräne

Kreis Göppingen / Von Annerose Fischer-Bucher 06.11.2018
Dr. Andrea Nägele von der Neurologischen Klinik Christophsbad spricht im Interview über ein Thema, das viele betrifft: neue Therapien bei chronischer Migräne.

Seit Mitte des Jahres kommen neue Präparate gegen chronische Migräne auf den Markt, die in Deutschland vor allem von drei Unternehmen angeboten werden. Darunter befindet sich eine neue Medikamentengruppe zur Behandlung chronischer Migräne. Was es mit einem neu zugelassenen sogenannten Biotech-Medikament auf sich hat, darüber sprachen wir mit Dr. Andrea Nägele, Leitende Oberärztin der Neurologischen Klinik im Göppinger Christophsbad.

Was ist eine Migräne?

Dr. Andrea Nägele: Unter einer Migräne versteht man einen heftigen in Attacken auftretenden meist einseitigen, pulsierenden Kopfschmerz, der von Übelkeit und Erbrechen begleitet ist. Er kann zwischen 4 und 72 Stunden dauern. Im Gegensatz zum Spannungskopfschmerz nimmt er bei körperlicher Aktivität zu. Lichtscheu, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit sind weitere Begleitsymptome. Da es viele Arten von Kopfschmerz gibt, ist nicht jeder Kopfschmerz, wie gern im Volksmund bezeichnet, eine Migräne.

Welche Formen von Migräne gibt es?

Wir unterscheiden akute und chronische Formen der Migräne mit einigen charakteristischen Unterformen, zum Beispiel die familiäre Form, die mit einer Halbseitenlähmung einhergeht. Die chronische Migräneform ist definiert durch Kopfschmerzen an mehr als 15 Tagen pro Monat.

Was bedeutet Aura?

Darunter versteht man Symptome von 5- bis 20-minütiger Dauer, noch bevor Kopfschmerzen auftreten. Das können Sehstörungen sein in Form von flackernden Lichtern, Punkten, Linien oder auch Taubheitsgefühle und Kribbelmissempfindungen, denen dann die Kopfschmerzen folgen. Die Migräne mit Aura macht etwa 10 bis 15 Prozent aus, die ohne Aura etwa 85 Prozent.

Wie groß ist der Anteil von Patienten mit Kopfschmerzen in Ihrer Klinik?

Etwa 15 bis 20 Prozent unserer Patienten kommen mit dem Leitsymptom Kopfschmerzen zu uns. Kopfschmerzen können bei vielen neurologischen Erkrankungen als Begleitsymptom auftreten wie beispielsweise bei Hirnblutung, Hirnhautentzündung, Schlaf-Apnoe-Syndrom oder bei durch muskuläre Verspannungen auftretendem Spannungskopfschmerz. Unsere tägliche Arbeit und Expertise ist es dann, die Art der Kopfschmerzen zu erkennen und gezielt zu behandeln.

Wie sieht die Behandlung bei chronischer Migräne aus?

Bisher gab es für diese Patientengruppe als medikamentöse Prophylaxe Betablocker, Antidepressiva, Botulinumtoxin und Medikamente gegen Epilepsie, die die Häufigkeit der Kopfschmerztage beeinflussen konnten. Nur etwa 20 Prozent der Patienten blieben bei diesen Therapien. Die meisten müssen die Medikamente wegen der Nebenwirkungen wieder absetzen.

Ein verschreibungspflichtiges neues Medikament aus biotechnisch hergestellten Antikörpern ist seit Juli 2018 von der EMA (Europäische Arzneimittelagentur) zugelassen. Wie wirkt es?

Das neue Medikament speziell für chronische Migräne heißt Erenumab. Es blockiert den CGRP-Rezeptor (Calcium-Gene-related-peptids). CGRP wird als Botenstoff in den Hirnhäuten freigesetzt. Die genaue Funktion ist noch nicht bekannt. Aber man weiß, dass CGRP die Nerven überempfindlich macht, die Gefäße erweitert und die Schmerzverarbeitung beeinflusst.

Wie schätzen Sie den Erfolg ein?

Nach den Studien profitieren vor allem Patienten mit einem hohen CGRP-Spiegel von diesem neuen Medikament. Die Anzahl der Kopfschmerztage ging bei dieser Patientengruppe um die Hälfte zurück. Erenumab wird einmal pro Monat unter die Haut ge­spritzt. Als Nebenwirkungen gelten leichte Rötungen an der Einstichstelle und eine leichte Verstopfung.

Setzen Sie das neue Biotech-Medikament ein?

Natürlich. Die Patienten haben ja einen hohen Leidensdruck und eine deutlich reduzierte Lebensqualität durch die hohe Anzahl der Kopfschmerztage. Erenumab ist bislang das einzige in Deutschland zugelassene Medikament. Fremanezumab, Galcanezumab und Eptinezumab werden wahrscheinlich folgen.

Was ist der Unterschied zwischen
einem herkömmlichen Medikament und einem Biopharmazeutikum?

Bei einem Biopharmazeutikum werden mit Mitteln der Biotechnologie gentechnisch veränderte Organismen eingesetzt, die Proteine oder Nukleinsäuren bilden. Sie lassen sich so programmieren, dass sie genau an bestimmten Zellen im Körper andocken, und sie sind deshalb hocheffizient und selektiver als chemische Moleküle. Bislang werden solche Medikamente auch schon in der Krebstherapie eingesetzt.

Biotech-Medikamente sind aufwändig in der Herstellung und teuer. Wird so ein Medikament dann auch für Kassenpatienten zur Verfügung stehen?

Wenn ein Patient in der Indikationsgruppe ist, zahlt die Kasse. Die Kosten belaufen sich auf etwa 6000 Euro pro Jahr. Ich vermute, dass aufgrund der hohen Kosten die Erstattung außerhalb der Budgetierung erfolgen wird.

Zur Person: Dr. Andrea Nägele

Die Medizinerin arbeitet als Leitende Oberärztin an der Neurologischen Klinik des Christophsbads. Dr. Andrea Nägele ist Fachärztin für Neurologie mit Zusatzbezeichnung Palliativmedizin und zertifizierte Gutachterin der Deutschen Gesellschaft für Neurologische Begutachtung (DGNB).

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