Gingen Mehr Zeit für die Menschen

Richard und Margarete Autenrieth blicken auf einen reichen Erfahrungsschatz zurück. In Gingen fühlt sich das Pfarrer-Ehepaar wohl und hat die Gemeinde schon ins Herz geschlossen . 
Richard und Margarete Autenrieth blicken auf einen reichen Erfahrungsschatz zurück. In Gingen fühlt sich das Pfarrer-Ehepaar wohl und hat die Gemeinde schon ins Herz geschlossen .  © Foto: Claudia Burst
Gingen / Claudia Burst 14.06.2018
Richard und Margarete Autenrieth teilen sich die Aufgaben der Pfarrstelle in Gingen je nach Vorlieben.

Sie übernimmt den Religionsunterricht an der Schule und die Aufgaben, die mit Kindern zu tun haben. Er hat als geschäftsführender Pfarrer den Kirchengemeinderatsvorsitz und die Vertretung der Kirchengemeinde nach außen zu verantworten und mag die Gremienarbeit. Beide gemeinsam teilen sich im Jahresrhythmus den Konfirmandenunterricht, teilen sich die Predigt-Einsätze, teilen Gingen in zwei Gebiete und übernehmen jeweils in einem die Seelsorgearbeit.

Die Rede ist vom neuen Pfarrerehepaar Richard Autenrieth und Margarete Kaiser-Autenrieth, beide 56 Jahre alt. Das Paar hat sich während des Studiums in Tübingen kennen- und liebengelernt. Ihr Pfarr-Vikariat verbrachten zwar beide im Dekanat Biberach, er jedoch in der Stadt Biberach, sie im kleinen Ort Ochsenhausen. Selbst nach der standesamtlichen Hochzeit blieben die Wohnungen noch getrennt. „Weil man als Gemeindepfarrer ja der Präsenzpflicht unterliegt, damals noch strenger als heute“, begründet Richard Autenrieth diese Regelung.

Erst in Friedrichshafen lebte das Ehepaar dann zusammen und teilte sich die dortige Pfarrstelle – bis Margarete Kaiser-Autenrieth wegen der Geburt der ältesten Tochter Anna beurlaubt wurde. Auch bei Charlotte, Kind Nummer zwei, steht Friedrichshafen als Geburtsort im Pass.

Die Arbeitsaufteilung änderte sich bei der nächsten Zweijahres-Pfarrstelle in Ostfildern: Richard Autenrieth übernahm Hausmann-Pflichten, seine Frau das „Sondervikariat Seelsorge“ im Paracelsus-Krankenhaus in Ruit. Das war eine Zeit, die beide sehr prägte: Margarete Kaiser-Autenrieth hatte sich schon als Abiturientin überlegt, eventuell Medizin zu studieren. Ein Praktikum in einem Krankenhaus jedoch hatte ihr klar gemacht, dass sie als Ärztin in einem Krankenhaus kaum Zeit für Patienten haben würde. „Für mich war das ein Grund, mich Richtung Theologie umzuorientieren. Und die Zeit als Krankenhaus-Seelsorgerin bestätigte mich in meiner Entscheidung“, sagt sie. Eine „wertvolle“ Zeit seien diese zwei Jahre gewesen, „in der ich auch mitten im Elend viele schöne Momente mit intensiver Nähe zu den Menschen erlebt habe“.

14 Jahre in Stammheim

Wertvoll war die Zeit auch für ihren Gatten, der seitdem „großen Respekt vor Elternteilen hat, die die Kinder die ganze Zeit um sich haben. Weil es eigentlich nie Feierabend gibt.“ Trotzdem will er diese zwei Jahre „auf keinen Fall missen“, vor allem weil er dadurch intensiv mit seinen Kindern zusammengewachsen ist. Das waren ab Juli 1995 drei – Sohn Martin vergrößerte die Zahl der Sprösslinge.

Auf Ostfildern folgten acht Jahre in Stuttgart-Uhlbach. „Der erste Pfarrplan war damals daran schuld, dass wir erneut wechseln mussten“, erzählt Richard Autenrieth. Die Stelle in Uhlbach, die dem Paar gut gefallen hatte, war auf 75 Prozent reduziert worden.

14 Jahre blieben sie dafür in der folgenden Gemeinde in Stammheim bei Calw. Dort wurden die Kinder erwachsen, die Familie verwurzelte sich. Das Pfarrer-Ehepaar teilte sich wieder die hundert Prozent. „Weil man da einfach noch Zeit hat. Früher für die Kinder oder sonst für private Dinge. Aber man kann auch mal irgendwo Vertretung machen, man kann Projekte, Unterricht oder Konfi intensiver vorbereiten oder was Neues ausprobieren. Alleine auf einer ganzen Stelle ist man bis zum Anschlag gefordert, da geht das nicht“, erläutert Richard Autenrieth, warum er über die Doppellösung mit seiner Frau so glücklich ist.

Der Abschied von Stammheim fiel beiden schwer, auch die inzwischen erwachsenen Kinder wohnen nicht mehr in Gingen und kommen nur noch zu Besuch. „Aber hier wurden wir sehr herzlich willkommen geheißen“, betonen die Pfarrer. Sie haben sich ganz bewusst wieder für die Arbeit in einer Gemeinde entschieden. „Weil Gemeinde einfach alle Generationen und alle Lebenslagen bedeutet – positive und schwere“, sagt Margarete Kaiser-Autenrieth.  Trotz des großen Erfahrungsschatzes der beiden Theologen ist in Gingen für sie vieles anders und neu. „Zum Beispiel die Verantwortung für einen Kindergarten und dessen Personal“, sagt Richard Autenrieth. Seiner Frau fallen noch mehr Sachen ein: „Hier gibt es Konfi-Teamer, das sind junge Ex-Konfirmanden, die sich im aktuellen Konfirmandenunterricht aktiv einbringen. Das ist toll.“ Sie zählt den Teen-Treff auf, der sich jeden Mittwoch trifft und dass in Gingen die mittlere Generation, also zwischen 40 und 60, in der Kirche sehr aktiv sei. „Diese Leute kommen auch in die Kirche und geben uns Rückmeldungen zur Predigt. Das finde ich klasse“.  „Auch die Kirche selber ist außergewöhnlich schön“, fügt ihr Mann noch hinzu.

Es wird deutlich: obwohl das Paar noch dabei ist, den Ort und seine Menschen richtig kennenzulernen, haben sie ihre Gemeinde bereits jetzt ins Herz geschlossen.

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