Archäologie Mauer aus Mittelalter wird gerettet

Bad Ditzenbach / Bettina Verheyen 05.08.2017

Von Blätterwerk umrankte Burgmauern – was für die einen Romantik pur ist, ist für Leute wie Dr. Reinhard Rademacher ein echtes Problem. Der Kreisarchäologe ist in diesen Tagen mit einem Team damit beschäftigt, an einem 20 Meter langen Stück der mittelalterlichen Ringmauer der Hiltenburg über Bad Ditzenbach die Schäden zu beseitigen, die die Natur dieser zugefügt hat. Vor fünf Jahren bereits ist ein Teil aus der Mauer herausgebrochen.

Rademacher erzählt: „Das war alles total zugewachsen. Als wir den Hang vor der Mauer gerodet haben, hat sich gezeigt, dass deren Außenschale von Wurzelwerk durchdrungen und beschädigt ist, vom Regen unterspült wird und dass deswegen immer wieder Steine herausbrechen.“ Für Rademacher hat dieser Zustand zum einen einen denkmalpflegerischen Aspekt – er muss sich fragen, wie man dieses historische Mauerstück erhalten kann. Zum anderen kommt der Sicherheits-Aspekt hinzu: Der Plateaurand oberhalb dient als Aussichtspunkt und die Burg-Besucher müssen sicher sein. Kurzfristig wurde daher der Zaun weiter nach hinten verlegt.

 Dass sich die Fachleute erst jetzt an die Arbeit machen können, ist für Rademacher nichts Besonderes: Es dauere seine Zeit, bis entsprechende Förderanträge bewilligt werden. „So etwas muss ja geplant und finanziert werden“, erklärt er. Wenn solche Sanierungen anstehen, müssen viele Stellen zusammengreifen: „Die Oberhoheit hat das Regierungspräsidium des Landes Baden-Württemberg. Mit ihr arbeitet die Kreisarchäologie eng und gut zusammen“, betont Rademacher. Dazu kämen die Gemeinde Bad Ditzenbach als Träger, ein Architekt und eine auf solche Sanierungen spezialisierte Baufirma.

In der vergangenen Woche haben die Arbeiten, die laut Rademacher fünf bis sechs Wochen andauern werden, begonnen. Der Bruch wird abgebaut, so dass im Moment der Blick auf die Innenschale der Mauer möglich ist. Deren Zustand wird dokumentiert, danach wird die Außenschale mit den Original-Steinen rekonstruiert. Die Baufirma verwendet dafür einen speziellen Mörtel, eine Mischung, die auch die Bauleute im Mittelalter benutzt haben.

Parallel zu der Sanierung wird der Erdaushub gesiebt. Dafür sind Studenten zuständig, die in Tübingen oder Heidelberg Archäologie studieren, aus dem Landkreis Göppingen kommen und bei Rademacher schon bei ihrer Berufserkundung oder als Praktikanten mitgearbeitet haben. Sie holen aus der abgetragenen Erde Scherben von Gebrauchskeramik und von Ofenkacheln heraus. Im Steilhang mache man allerdings nur wenig Funde, berichtet der Kreisarchäologe, das sei von vornherein klar gewesen. Dort halte sich schließlich nichts, sondern rutsche schnell nach unten.

Die Kosten für diese Maßnahme muss die Gemeinde Bad Ditzenbach tragen. „Aber“, so ergänzt Rademacher, „ es gibt Zuschüsse vom Land dafür und dann gibt es ja noch den Förderverein Hiltenburg.“ Auch der Landkreis beteilige sich, indem er die Kreisarchäologie einsetzt.

Rademacher mahnt immer wieder: „Unsere Botschaft an die Träger ist es, das sanierte Denkmal zu pflegen. Wenn sich erst mal wieder Bäume im Mauerwerk verwurzelt haben, ist es absehbar, dass wir bald wieder verfugen müssen.“

Info Seit 2005 läuft die sukzessive Sanierung der Hiltenburg. Das ist die  Chance für die Archäologen, in den Untergrund zu schauen und zu forschen. Meistens werden sie nämlich baubegleitend eingesetzt (siehe Extra-Kasten).

Kein Friedhof, dafür Anzeichen für Siedlungen

Als Kreisarchäologe ist Rademacher hauptsächlich „baubegleitend“ zugange – in enger Abstimmung mit dem Regierungspräsidium, wie er betont. Ein Baugesuch durchläuft immer unterschiedliche Abteilungen in der Verwaltung  – wie etwa den Naturschutz oder den Bodenschutz, aber eben auch die Denkmalpflege. Wird in alten Ortskernen gegraben oder auch auf einer Freifläche, wo es Verdachtsmomente gibt, dass dort eine Siedlung hätte gewesen sein können, steht Rademacher neben dem Bagger und schaut sich die Grube genau an. Auch Im Sänder in Mühlhausen, wo ein Discounter gebaut wird, hatte es Verdachtsmomente gegeben: Südlich von dem aktuellen Bauplatz wurden in den Baugruben der Häuser alamannische Gräber gefunden. So sei es denkbar gewesen, dass sich der Friedhof in Richtung der jetzigen Baustelle fortgesetzt hat. Um den Boden zu überprüfen, schlug Rademacher eine Baggersondage wor: Dabei wird der Humus in Streifen abgezogen. Wenn der Oberboden weg ist, würde man sofort sehen, ob in den unterschiedlichen Schichten alte Siedlungsreste zu finden sind.

In Mühlhausen war nichts davon zu finden. Rademacher weiß jetzt, dass sich der Friedhof nicht nach Norden fortgesetzt hat.

Dafür hat sich etwas ganz anderes gezeigt: In einer Senke, in der Fils-Hochwasser immer wieder Sand- und Lehmschichten angeschwemmt hat, haben die Archäologen Siedlungskeramik aus der Spätbronzezeit, aus frühkeltischer und frühalamannischer Zeit gefunden. Rademacher schließt daraus, dass einst durch Muren ganze Siedlungen weggeschwemmt wurden und sich Keramikstücke in der Senke angesammelt haben. Da es im Oberen Filstal bis jetzt nur wenig Anhaltspunkte für Siedlungen gegeben hat, hat die Grabung in Mühlhausen durchaus etwas gebracht. Rademacher fasst es so zusammen „Wir haben nach Alamannengräbern gesucht, aber ein Phänomen entdeckt, dass auch bedeutend ist.“

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