Kreis Göppingen Massage am Arbeitsplatz

Physiotherapeut Waldemar Hermann massiert bei der Firma Kurfess in Geislingen eine Mitarbeiterin: „Es ist sinnvoll, die Spannungen gleich dort zu lösen, wo sie entstehen.“
Physiotherapeut Waldemar Hermann massiert bei der Firma Kurfess in Geislingen eine Mitarbeiterin: „Es ist sinnvoll, die Spannungen gleich dort zu lösen, wo sie entstehen.“ © Foto: Claudia Burst
Kreis Göppingen / Claudia Burst 27.02.2018
25 Arbeitgeber gönnen ihren Mitarbeitern eine Massage während der Arbeitszeit: als Prophylaxe und fürs Arbeitsklima.

Zwei Handgriffe – und die mobile Massageliege ist aufgebaut. Physiotherapeut Waldemar Hermann hat im kleinen Besprechungszimmer des Heizung-Lüftung-Sanitärbetriebs Kurfess in Geislingen die Heizung höher gedreht, sein Massageöl zum Erwärmen draufgelegt, Tisch und Stühle beiseitegeräumt und seine stabile, gepolsterte Liege mit einem frischen Leintuch versehen.

Es ist 14 Uhr nachmittags und pünktlich kommt Renate Rieger ins provisorische Massagezimmer ihrer Firma. Sie ist technische Zeichnerin und die erste von neun Kollegen, die sich im Lauf der kommenden drei Stunden von Waldemar Hermann massieren lassen. „Das ist eine tolle Sache. Wir wollen das nicht mehr hergeben“, schwärmt sie. Da sie den ganzen Tag vor dem PC arbeite, sei sie eigentlich fast immer verspannt. Oft sei sie schon mit Kopfweh zum Massieren gekommen „und ohne Schmerzen wieder raus“. Renate Rieger nutzt das Angebot ihres Arbeitgebers seit über acht Jahren. Waldemar Hermann beziehungsweise ein Kollege kommt jede Woche zu Kurfess, alle zwei Wochen sind dieselben neun Mitarbeiter je 20 Minuten dran, in den Wochen dazwischen neun andere.

„Der Physio kommt“ – so nennt Waldemar Hermann sein Angebot, direkt in die Firmen zu gehen und dort vor Ort Massagen als Gesundheitsprophylaxe anzubieten. „Das sind keine Streichel- oder Wellnessmassagen, das ist eine Mischung aus klassischer und Sportmassage“, beschreibt er, während er sich mit vollem Einsatz um die Blockaden in der Rücken- und Nackenmuskulatur von Renate Rieger kümmert. Ihr Arbeitgeber, Albert Scheible, übernimmt dafür die Kosten, sie selbst muss sich nur ausstempeln während dieser Zeit. „Ich habe gesündere und zufriedene Mitarbeiter. Und kann das darüber hinaus von der Steuer absetzen.“, erklärt Albert Scheible sein Engagement.

Vor fast zehn Jahren hat Waldemar Hermann zusätzlich zu seiner Praxis in Wangen dieses zweite Standbein aufgebaut. Es habe lange gedauert, bis er den ersten Arbeitgeber davon überzeugen konnte, dass sich dieser Einsatz für die Gesundheit der Mitarbeiter lohnt. „Herr Scheible hier von Kurfess war damals der erste, der sich von dieser Idee überzeugen ließ“, erzählt er. Der Rest war Mund-zu-Mund-Propaganda, insgesamt 25 Unternehmen zwischen Stuttgart, Aalen und Ulm nähmen sein Angebot inzwischen an. „Es ist sinnvoll, die Verspannungen gleich dort zu lösen, wo sie entstehen. Am Arbeitsplatz. Dort muss jeder nur diese 20 Minuten aufwenden, keine Anfahrt, keine Extrazeit“, sagt Waldemar Hermann und bezeichnet die Massage als „Pflege der Körper-Werkzeuge. Wichtig wie Zähneputzen“.

Firmenimage wird geflegt

Abgesehen von der Prävention von Folgekrankheiten der Verspannungen wie etwa Kopfschmerzen, Bluthochdruck oder Herz- und Kreislaufprobleme zählt der Experte die Motivation und gesteigerte Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter als nicht zu unterschätzende Faktoren auf, das Image der Firma, das durch solche Angebote gepflegt würde oder die Vermeidung von Fluktuation.

Dem stimmt Petra Maurer von „Hörakustik Maurer“ voll zu: „Ich glaube, bei uns gäbe es eine Revolte, wenn wir die Massage für die Mitarbeiter nicht mehr anbieten würden“, sagt sie lachend. Seit fünf Jahren käme der Physio einmal monatlich direkt nach Feierabend nach Salach und rund die Hälfte ihrer Mitarbeiter aus zwölf Filialen nutzen das Angebot, obwohl sie einen Anteil an den Kosten übernehmen müssen. Petra Maurer hat über Bekannte, die den Physio ebenfalls in ihrem Unternehmen einsetzen, vom „Der Physio kommt“-Programm erfahren.

Andreas Meitinger, Geschäftsleiter der Deutschen Polizei-Gewerkschaft in Göppingen, ist ebenfalls Überzeugungstäter. „Wir übernehmen das komplett. Unsere Mitarbeiter haben deutlich weniger Verspannungen – auch ich selber. Und wenn einer bloß einen Krankheitstag weniger fehlt deshalb, hat sich der finanzielle Einsatz bereits gelohnt.“ Ganz abgesehen von der Begeisterung, die die regelmäßigen Massage-Termine alle 14 Tage auslösen, setzt Meitinger noch hinzu. Gefallen hat ihm vor allem die Einweisung im Vorfeld, wie man richtig am PC sitze sowie die Möglichkeit einer Probemassage, um herauszufinden, ob das Angebot bei den Mitarbeitern ankommt. „Die Reaktionen waren auf Anhieb positiv, zehn der 18 Mitarbeiter machen mit und zwar seit eineinhalb Jahren ohne Ausfälle.“

Dr. Frank Genske, Vorsitzender der Kreisärzteschaft betont, dass mit Blick auf die Gesundheitsprophylaxe vor allem richtiger Betriebssport angeraten sei, der auch von den Krankenkassen unterstützt werde. Eine Massage diene vor allem zur Entspannung und mache vorwiegend Sinn für die Zielgruppe, die stundenlang am Schreibtisch sitzt und am Computer arbeitet.

Entspannung mit Steuervorteil

Absetzbar Mobile Massage als Prävention krankheitsbedingter Ausfälle ist beim Finanzamt als „freiwillige soziale Aufwendung“ zu 100 Prozent absetzbar und lohnsteuerfrei.

Angebot Es gibt mehrere Physiotherapeuten im Landkreis , die ein solches Angebot zur Verfügung stellen. Eine genaue Auflistung gibt es aber nicht. Allein für die Angestellten der Kreissparkasse (KSK) Göppingen mit ihren Filialen sind seit 2012 fünf Physiotherapeuten aus dem Landkreis im Rahmen des „betrieblichen Gesundheitsmanagements“  am Arbeitsplatz im Einsatz: Physioconcept Marc Schneiker und Physiotherapie Alfredo Reina/Claudia Hansel aus Göppingen, Physio- und Ergotherapie Christian Schleicher aus Eislingen, Respofit aus Geislingen, Physio Filstal-Praxis Jan Bucher aus Uhingen.

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