Fünf Milliarden Euro möchte die Bundesregierung in den kommenden Jahren in digitale Bildung stecken. Dafür soll sogar das Grundgesetz geändert werden, da Bildung Ländersache ist. Es scheint eine Investition in Gesundheitsgefährdung und Bildungsbehinderung zu sein. Das jedenfalls belegte der Ulmer Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer bei einem Vortrag im Uhinger Uditorium mit nachprüfbaren wissenschaftlich fundierten Zahlen. Während die Meldung zum Digitalisierungsgipfel der Regierung Merkel die Nachrichten bestimmte, sprach er am Mittwochabend vor ausverkauftem Haus auf Einladung des Rotary-Clubs Göppingen-Stauferland.

Bei dem von der KSK unterstützten Benefiz-Vortrag zu „Risiken und Nebenwirkungen digitaler Informationstechniken“ wies der Mediziner nach Begrüßung durch Rotary-Präsident und Spitzer-Freund Dr. Leo Hermle auf zentrale Gefahren hin: Von Haltungsschäden, Übergewicht, Kurzsichtigkeit, Schlafstörungen, Depression bis zu Erblindung und Suizid. Vielfach würden das Suchtpotenzial und die damit verbundenen Spätfolgen unterschätzt. Eine Technikfolgenabschätzung habe es nie gegeben.

Bei jungen Menschen seien die Gefahren und Folgen besonders schwerwiegend, warnte der Wissenschaftler. Gegenüber den zu erwarteten Todesfällen durch die übermäßige, ungesunde Nutzung neuer Medien seien die Millionen durch Tabakkonsum und Lungenkrebs verursachten Tote ein Klacks.

Nachweislich schadeten digitale Medien der Bildung. Spitzer führte dafür mehrere Untersuchungen an und legte Wert darauf, dass es sich bei seinen Ausführungen nicht um ein Bauchgefühl, sondern um seriöse und nachprüfbare wissenschaftliche Studien handle. „Es gibt keine, die das Gegenteil zeigt.“ Auch im Ländervergleich treffe das zu: „Je mehr ein Land in Computer an Schulen investiert, desto schlechter werden die Schüler“. Während andere Länder, wie Australien, dies erkannt hätten und die Rechner aus den Klassenzimmern verbannten, beginne man in Deutschland zu investieren: „Sind die wahnsinnig?“ Den fünf reichsten amerikanischen Unternehmen der Digitalindustrie würde das Geld überlassen und den Kindern geschadet.

Vor allem schadeten diese Medien schwächeren Schülern, Kindern aus der Unterschicht. Oberschichtkinder hätten bereits beim Schuleintritt einen viermal größeren Wortschatz als Unterschichtkinder. Hintergrund, sei wie viel mit den Kindern geredet würde. Digitale Medien verschärften diese Unterschiede zusätzlich. Daher sei auch die Forderung nach kostenlosem Internetzugang und Smartphone für HartzIV-Empfänger „ideologisch motiviertes Wunschdenken“ und kontraproduktiv.

Schlimm findet Spitzer die eklatante Abnahme der Empathie. Emotional aufgewühlt schilderte er die gesellschaftlichen Folgen, wie das Liegenlassen hilfloser Personen oder das Filmen sterbender Verkehrsteilnehmer. „Mitgefühl muss man lernen wie laufen und sprechen“. Soziale Kontakte dürften daher nicht outgesourct werden.

Spitzer betonte, dass er nicht gegen moderne, digitale Technik sei, diese vielmehr selbst nutze. Es gehe um vernünftige Nutzung, die Abwägung von Wirkung und Nebenwirkung.

Hoffnungsvoll stimmt Spitzer langsam erkennbares Umdenken. Etwa eine Kinderdemonstration in Hamburg, bei der die Kleinen von Eltern und Erwachsenen Aufmerksamkeit für sich statt für Smartphones forderten. Sowie Smartphoneverbote in Schulen etlicher Länder und vorsichtiges Umdenken bei großen Konzernen der Branche. Auch auf kritische Bürger, gerade im schwäbischen Land der Denker, setzt Spitzer. Umso frustrierender sei die Rückständigkeit der Politik: „Warum zerbricht sich unsere Regierung keinen Kopf darüber?!“