Rechberghausen / JOCHEN HORNDASCH Geschichten und Anekdoten rund um Rechberghausen wurden beim "Sommer der Ver-Führungen" lebendig. Claudia Jag-Bidmon und Martina Schweizer sorgten für einen unterhaltsamen Nachmittag.

Man war unter sich. Fast alle zwölf Teilnehmer kamen aus Rechberghausen. Kein Wunder: In den Geschichten und Anekdoten, die Claudia Jag-Bidmon und Martina Schweizer erzählten, standen Personen und Ereignisse dieser 5000 Einwohner zählenden Gemeinde im Mittelpunkt. Bei Kaffee, Zwetschgen- und Kirschkuchen ließen die beiden Gästeführerinnen zwei Stunden lang die Vergangenheit lebendig werden. Auch der Veranstaltungsort passte bestens zum Thema. Treffpunkt war die Kulturmühle, eine ehemalige Getreidemühle, die erstmals 1587 als Burgmühle erwähnt wurde.

Eine Geschichte spielt im Jahr 1921, als sich Dr. Fritz Martius in Rechberghausen niederließ. Herr Doktor besaß als einer von ganz wenigen ein Auto, mit dem er seine Patienten in den umliegenden Dörfern besuchte. Auf sein Automobil war er mächtig stolz, nur verweigerte die Karre hin und wieder ihren Dienst. Das Automobil sprang nicht an. Dann trommelte Martius einige Leute zusammen, die es anschieben mussten. Der Überlieferung zufolge soll es dabei nicht gerade zimperlich zugegangen sein. Zeigten die Helfer nicht den gewünschten Einsatz, sorgte Martius mit einer Gerte für deutlich mehr Motivation. Dass er trotz dieser brachialen Methoden immer genügend Dumme zum Anschieben fand, ist heute nur schwer nachvollziehbar.

Auch Pfarrer Alois Ziesel war eine Geschichte wert. Von 1923 bis 1943 war der Geistliche in Rechberghausen tätig und kümmerte sich um die Gemeindemitglieder. Doch nicht nur das: Er besaß zudem 14 Hühner, die er ebenfalls liebevoll umsorgte und die ihm Eier lieferten. Während vielen Menschen in dieser Zeit der Magen knurrte, hatte Herr Pfarrer dank seines Federviehs immer genügend zu essen. Offensichtlich hatte sich ein Gemeindemitglied darüber Gedanken gemacht und einen Zettel mit folgendem Reim ans Pfarrhaus gehängt: "Bist du Gottes Diener, warum hast du 14 Hühner?" Ob Ziesel den Wink verstanden hat, ist nicht überliefert.

Eine etwas makabre Anekdote erzählt man sich von Schuhmacher Stefan Häußler, der von 1957 bis 1977 nebenberuflich Totengräber in Rechberghausen war. Zehn Stunden schweißtreibende Schufterei kostete es Häußler, ein zwei Meter langes und entsprechend tiefes Loch zu graben. Schreiner Scheurle lieferte die Särge, die aus Kostengründen meist nur 1,80 Meter lang waren. Häußler war dies nicht unrecht, denn kleine Särge brauchten kleinere Löcher, was wiederum weniger Grabarbeiten bedeutete.

Zum Leidwesen der beiden passierte es ab und zu, dass die Füße eines großen Leichnams über die Sargkante ragten und nur mit roher Gewalt in der Holzkiste Platz fanden. Bei einem sehr korpulenten Verstorbenen scheiterte Totengräber Häußler trotz aller Bemühungen. Der Leichnam passte trotz roher Gewalt nicht in den kleinen Sparsarg. Scheurle wurde gerufen - und hatte die Lösung gleich mitgebracht. Mit einer großen Schraubzwinge drücke er langsam aber wirkungsvoll den Sargdeckel so lange nieder, bis er endlich verschraubt werden konnte.

Die Holzkiste hielt und krachte nicht auseinander, dem Toten wars egal - nur die Sargträger hatten sich mit Sicherheit über das große Gewicht des kleinen Sargs gewundert.